Warum man als Schriftsteller ein Erfolgstagebuch führen sollte

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch. Wenn ich etwas angehe, möchte ich möglichst schnell damit Erfolg haben. Dass ich mit dieser Ungeduld nicht alleine bin, sehe ich an den vielen Schriftstellern, die auf halbem Wege aufgeben, obwohl sie eigentlich das Potential gehabt hätten, wesentlich mehr aus sich zu machen.

Doch Erfolg als Schriftsteller ist nichts, was sich innerhalb weniger Monate oder auch nur weniger Jahre erreichen lässt. Als Schriftsteller muss man über Jahrzehnte immer weiter an seinen Fähigkeiten arbeiten und an jedem neuen Projekt wachsen. Dieser Prozess ist niemals abgeschlossen.

Die beste Methode, um den dafür notwendigen langen Atem zu entwickeln, ist, den Weg als das Ziel zu betrachten. Es geht nicht darum, möglichst schnell ein bestimmtes Ziel (z.B. eine Platzierung in den Top-10 der Bestsellerlisten oder gar den Punkt, an dem man ausschließlich vom Schreiben leben kann) zu erreichen, sondern in erster Linie darum, den Weg in Richtung dieses Ziels zu genießen – egal, wie lang er auch sein mag.

Das bedeutet natürlich nicht, dass man trödelt und sich unnötig viel Zeit lässt – aber es bedeutet auch nicht, dass man sich abhetzt und wie mit Scheuklappen den Blick starr auf das weit entfernte Ziel gerichtet hält.

Eine verkrampfte Fokussierung auf ein Ziel, auf dessen Erreichung wir nur sehr begrenzten Einfluss haben, ist ein sicheres Rezept für Frustration und Verbitterung. Nichts, was wir tun, kann garantieren, dass wir irgendwann mal mit einem unserer Bücher ganz oben in den Bestseller-Listen stehen oder gar, dass wir irgendwann unseren Brotjob aufgeben und einzig und allein vom Schreiben leben können.

Das einzige, worauf wir als Schriftsteller Einfluss haben, ist, dass jeder unserer Schritte uns nach Möglichkeit in die richtige Richtung führt: dass wir die Projekte in Angriff nehmen, die uns unseren Zielen näher bringen, und konsequent daran arbeiten, jeden Tag ein bisschen besser zu werden.

Es sind nicht die großen Quantensprünge, die uns zum Erfolg bringen, sondern das langsame, aber stetige Wachstum. Sie kennen bestimmt die Auswirkung von Zins und Zinseszins in der Finanzwelt, die selbst relativ kleine Beträge im Laufe der Jahre durch kontinuierliche Verzinsung zu einem beträchtlichen Vermögen anwachsen lassen. Doch die wenigsten von uns sind sich darüber im Klaren, dass dasselbe auch für das eigene Wachstum in den unterschiedlichsten Bereichen gilt – auch beim Schreiben.

Setzen wir unsere Erwartungen bewusst niedrig an: Stellen Sie sich vor, dass Sie jeden Tag nur 1 Promille besser werden als am Vortag. Kein ganzes Prozent, nur ein Promille – ein Tausendstel. Eine solche Veränderung ist doch so marginal, dass sie eigentlich überhaupt keine Auswirkungen haben kann – oder doch?

Wenn Sie konsequent an Ihren eigenen Fähigkeiten und Projekten arbeiten und tatsächlich jeden Tag ein Tausendstel besser werden als am Vortag, haben Sie nach einem Jahr Ihre Fähigkeiten bereits um 44% gesteigert.

Das wirkt nach relativ wenig und in der Praxis sind gerade zu Beginn auch deutlich größere Steigerungen möglich. Anfangs haben Sie so viele Möglichkeiten, zu wachsen und besser zu werden, dass Sie durch konsequente Weiterentwicklung Ihrer Fähigkeiten enorme Fortschritte machen können. Doch genau wie beim Abnehmen kann man diese Geschwindigkeit auf lange Sicht nicht durchhalten. Auch beim Abnehmen purzeln die ersten Pfunde schnell, doch danach verlangsamt sich der Fortschritt so stark, dass viele frustriert aufgeben. Doch ein Wachstum von einem lächerlichen Promille pro Tag ist etwas, das man auch auf lange Sicht durchhalten kann.

Schon nach wenigen Jahren hat das eine, scheinbar lächerliche Promille pro Tag zu unübersehbaren Fortschritten geführt: nach zwei Jahren haben sich Ihre Fähigkeiten mehr als verdoppelt, nach fünf Jahren versechsfacht und nach zehn Jahren sind Sie fast 40mal so gut wie damals, als Sie begonnen haben.

Das Problem dabei ist, dass Sie selbst es nicht mehr merken. Genau wie nur Verwandte, die nur einmal im Jahr während der Feiertage zu Besuch kommen, jedes Mal erstaunt bemerken, wie sehr die Kinder gewachsen sind, während es den Eltern, die ihre Kinder tagtäglich sehen, kaum auffällt, fällt auch uns das Wachstum unserer eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht auf.

Als Schriftsteller haben wir das Gefühl, auf der Stelle zu treten und unserem immer noch weit entfernten Ziel kaum einen Schritt näher gekommen zu sein, während unbeteiligte Zuschauer vielleicht den berechtigten Eindruck haben, dass wir bereits enorme Fortschritte und Erfolge erzielt haben.

Das beste Motivationstool, das ich jedem Schriftsteller empfehlen kann, ist ein Erfolgstagebuch – eine chronologische Aufzeichnung aller kleinen und großen Erfolge, auf die Sie stolz sein können.

Je früher Sie mit dem Führen eines solchen Erfolgstagebuchs anfangen, umso besser. Anfangs notieren Sie vielleicht als Erfolg, dass Sie Ihre erste Kurzgeschichte fertig geschrieben haben, auch wenn diese noch nicht gut genug war, um irgendwo veröffentlicht zu werden. Im Laufe der Zeit werden die Erfolge größer: Kurzgeschichten, die in Anthologien abgedruckt werden, die Wettbewerbe gewinnen oder fürs Radio als Hörspiele adaptiert werden. Die Fertigstellung des ersten Romans. Die Veröffentlichung des ersten eigenen Buchs, egal ob über einen Verlag oder als Selfpublisher. Die ersten Einnahmen aus der Tätigkeit als Schriftsteller. Die erste Bestseller-Platzierung eines eigenen Buchs in einer bestimmten Kategorie bei Amazon.

Wenn wir konsequent an unseren eigenen Fähigkeiten arbeiten, unsere Projekte fertigstellen und anschließend immer ehrgeizigere Projekte in Angriff nehmen, die unseren mittlerweile gestiegenen Fähigkeiten gerecht werden, werden auch die Erfolge, die wir in unserem Buch notieren können, im Laufe der Jahre immer größer.

Wenn man dann doch einmal demotiviert ist und das Gefühl hat, seit Jahren auf der Stelle zu treten und seinen Zielen keinen Schritt näher zu kommen, ist es extrem motivierend und hilfreich, in seinem eigenen Erfolgstagebuch zu blättern.

Nicht nur, weil man sich so vor Augen führt, was man in den letzten Jahren schon alles erreicht hat, sondern auch, weil man sieht, auf was für kleine, aus heutiger Sicht fast schon lächerlich wirkende Erfolgserlebnisse man in der Anfangsphase schon stolz war. Genau wie man an seinen eigenen Kinderbildern sieht, wie sehr man seitdem gewachsen ist und sich verändert hat, hilft einem das Erfolgstagebuch, den eigenen Fortschritt realistisch zu betrachten und zu erkennen, wie weit man bereits gekommen ist.

Ein weiteres wirksames Motivationstool ist, größere Erfolge, die man zu diesem Zeitpunkt für sich selbst als Meilenstein betrachtet, als Jahrestage in den eigenen elektronischen Kalender einzutragen. So werden Sie im Kalender Ihres Smartphones immer wieder an frühere Erfolge erinnert – zum Beispiel, dass Sie heute vor drei Jahren bei einem renommierten Schreibwettbewerb einen der ersten Plätze belegt haben, oder dass Sie heute vor X Jahren Ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Das motiviert nicht nur, sondern ist in vielen Fällen auch ein Grund zum Feiern, genau wie man die Jahrestage anderer bedeutsamer Ereignisse feiert.

Wenn Sie noch kein Erfolgstagebuch haben, sollten Sie sich unbedingt eines anlegen. Versuchen Sie, rückblickend die bisher wichtigsten Etappen zu rekonstruieren und tragen Sie diese dann mit dem jeweiligen Datum chronologisch in Ihr Erfolgstagebuch ein, bis Sie beim heutigen Datum angekommen sind. Notieren Sie am besten alle Erfolge, die Ihnen einfallen, zunächst auf Karteikarten oder losen Zetteln, da Sie diese später einfach chronologisch sortieren können, bevor Sie alles in Ihr Erfolgstagebuch übertragen.

Gewöhnen Sie sich ab jetzt an, jeden kleinen Erfolg einzutragen: die Fertigstellung eines neuen Manuskripts bzw. dessen Veröffentlichung, einen Blogpost mit extrem vielen positiven Kommentaren, eine besonders hohe Tantiemenabrechnung oder eine gute Platzierung eines Ihrer Bücher in den Amazon-Bestsellerlisten.

Je mehr solche kleinen und größeren Erfolge Sie im Laufe der Zeit zusammentragen, desto besser kann das Blättern in diesem Erfolgsbuch Sie motivieren, wenn Sie wieder mal das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten und Ihren Zielen nicht wirklich näher zu kommen. Probieren Sie es einfach einmal aus – es lohnt sich.

KeepWriting – die virtuelle Schreibmaschine

Ich liebe gutes Arbeitswerkzeug. Das geht von Stiften, Blöcken und Notizbücher über PC-Hardware (ich kann beim Kauf eines Laptops Stunden damit verbringen, die Tastaturen unterschiedicher Modelle zu testen und zu vergleichen, bevor ich mich für ein Modell entscheide) bis hin zu Schreibprogrammen.

So bin ich kürzlich beim Stöbern im Internet wieder mal auf ein interessantes Schreibtool gestoßen, das ich mir direkt einmal näher ansehen musste: KeepWriting – eine Simulation einer klassischen Schreibmaschine am PC.

Gerade unter den Programmen für ablenkungsfreies Schreiben wie WriteMonkey gibt es einige, die einen „Schreibmaschinenmodus“ eingeführt haben. Üblicherweise versteht man darunter, dass im Schreibmaschinenmodus alle Editierfunktionen wie Löschen, Entfernen, alle Copy&Paste-Funktionen und natürlich auch das Überschreiben deaktiviert sind. Sämtliche anderen Funktionen des Schreibprogramms wie der automatische Zeilenumbruch, der ein angefangenes Wort, das nicht mehr komplett in die laufende Zeile passt, automatisch in die nächste Zeile verschiebt, funktionieren weiterhin wie gewohnt.

Doch KeepWriting geht einen anderen Weg und simuliert das Schreiben an einer klassischen Schreibmaschine mit all seinen Vor- und Nachteilen. Mit „klassisch“ meine ich wirklich wie zu Zeiten von Charles Dickens, lange vor der Erfindung des Korrekturbands oder auch nur der guten alten Tipp-Ex-Korrekturstreifen – jener kleinen weißen Blättchen, die man von Hand über dem zu löschenden Buchstaben positionieren und dann nochmal denselben Buchstaben mit Tipp-Ex drüber hämmern musste.

KeepWriting (das es übrigens nur für Windows gibt) können Sie als kleine ZIP-Datei von gerade mal 353 KB herunter laden – weniger als 10% der Größe eines durchschnittlichen MP3-Songs. Entpacken Sie die ZIP-Datei (die ohnehin nur das Programm selbst und eine ReadMe-Datei enthält) in ein beliebiges Verzeichnis, starten Sie die kw.exe und schon kann es los gehen!

Der richtige Zoomfaktor für den richtigen Bildschirm

Zunächst können Sie mit STRG und „BILD HOCH“/“BILD RUNTER“ den Zoomfaktor (also die Größe, in der die Seite am Bildschirm dargestellt wird) beliebig anpassen und mit dem Scrollbalken am unteren Rand die Seite mittig auf Ihrem Bildschirm ausrichten.

Wenn Sie KeepWriting auf einem großen 24″-Widescreen-Monitor verwenden, können Sie den Zoomfaktor so einstellen, dass drei komplette Seiten nebeneinander dargestellt werden. Dabei wird die Seite, auf der Sie momentan schreiben, stets zentriert in der Mitte des Bildschirms angezeigt.

KeepWriting

Wenn Sie auf einem kleineren Gerät wie einem Laptop oder gar einem Netbook arbeiten, können Sie den Zoomfaktor entsprechend größer einstellen – beispielsweise so, dass Sie Ihre aktuelle Seite fast in Bildschirmbreite sehen und so wie bei anderen Schreibprogrammen den kompletten Bildschirm zum Schreiben nutzen können.

Stapel und Seiten – eine Alternative zur klassischen Datei

KeepWriting organisiert die Manuskripte nicht in klassischen Dateien, sondern in „Stacks“, also in Stapeln von Blättern. Denn hier schreiben Sie wirklich Seite für Seite, und zwar mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Sie können den Cursor jederzeit an jede beliebige Position auf der Seite manövrieren, genau wie Sie früher bei einer Schreibmaschine mit der Walze und der Leertaste (beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen mit der Schreibmaschine) mit etwas Übung sehr präzise jede beliebige Stelle auf dem Blatt ansteuern konnten.

Dieses Ansteuern einer bestimmten Position ist bei KeepWriting deutlich einfacher gelöst, da Sie nicht nur die Cursortasten verwenden können, sondern den Cursor auch einfach per Mausklick an die gewünschte Stelle setzen können.

Mit „Bild runter“ und „Bild hoch“ wechseln Sie zwischen den einzelnen Seiten Ihres Manuskripts hin und her. Blättern Sie dabei über die letzte Seite hinaus, wird automatisch eine neue leere Seite ans Manuskript angehängt.

Sie können auch Seiten aus Ihrem Manuskript entfernen (also löschen), aber Sie können keine Seiten nachträglich einfügen. Das liegt auch daran, dass KeepWriting intern jede Schreibmaschinenseite als eigene Datei behandelt.

Wenn Sie also einen Manuskript-Stapel „Mein Roman“ anlegen, legt KeepWriting einen Ordner namens „Mein Roman“ im Unterverzeichnis „stacks“ (also Stapel) an, der dann für jede Seite eine separate Textdatei enthält – also beispielsweise „2.txt“ für die zweite Seite.

Durch diesen pragmatischen Ansatz kann das Programm auch auf älteren Rechnern mit wenig RAM umfangreiche Manuskripte mit hunderten von Seiten in Sekundenbruchteilen öffnen, da immer nur die aktuellen Seiten geladen werden müssen.

Retro-Writing: Ausixen statt korrigieren und manueller Zeilenumbruch

Wie Sie beim Schreiben mit KeepWriting schnell feststellen werden, fehlen (logischerweise) die ganzen nützlichen Funktionen wie das Zentrieren von Überschriften und anderer „moderner Schnickschnack“ wie ein automatischer Zeilenumbruch.

Wenn Sie also beispielsweise eine Überschrift auf der Seite zentrieren wollen, müssen Sie diese wie früher durch mehrfaches Drücken der Leertaste einrücken und dabei abschätzen, an welcher Position Sie mit dem Tippen anfangen müssen, um Ihre Überschrift ungefähr zu zentrieren.

So richtig fällt einem auf, das man an einer virtuellen Schreibmaschine arbeitet, wenn man am Ende der Zeile ankommt. Es ist zwar nicht so, dass Sie wie bei einer mechanischen Schreibmaschine nicht eher weiter tippen können, bis Sie Return gedrückt haben (bei einer klassischen Schreibmaschine wäre das das TSCHING!, wenn man mit dem Hebel den Wagen zum Anfang der nächsten Zeile vorschiebt), doch das angefangene Wort bleibt unvollständig am rechten Bildschirmrand kleben.

Beim Schreiben muss man also stets im Auge behalten, ob das nächste Wort noch komplett in die aktuelle Zeile passt. Wenn nicht, sollte man rechtzeitig mit der RETURN-Taste in die nächste Zeile wechseln.

Beim Schreiben fällt einem auch schnell auf, dass es keine Rückwärts-Taste mehr zum Löschen des bzw. der letzten Buchstaben gibt. Diese Taste funktioniert wie „Cursor links“ und positioniert den Cursor nur über dem bereits geschriebenen Buchstaben, ohne ihn zu löschen. Denn bei KeepWriting kann man Buchstaben nur „übertippen“ und dadurch unlesbar machen. Wie bei einer echten Schreibmaschine überlagert der neu getippte Buchstabe den zuvor geschriebenen und macht ihn unlesbar – aber er bleibt als hässlicher schwarzer Klumpen auf der Seite stehen.

Beim späteren Export des Textes ins reine Textformat wird jeweils nur der letzte Buchstabe exportiert, den Sie an eine bestimmte Position der Seite geschrieben haben. Ich würde daher empfehlen, zum Überschreiben von Tippfehlern das # zu verwenden: So können Sie später im exportierten Text alle # per Suchen/Ersetzen ersatzlos löschen und so sämtliche überschriebenen Passagen auf einen Schlag bereinigen.

Ein nettes und zeitgemäßes Feature von KeepWriting ist der Live-Wordcount am unteren Bildschirmrand, durch den Sie jederzeit im Blick haben, wie lang Ihr aktuelles Manuskript bereits ist.

Export fertiger Manuskripte

Fertig geschriebene Manuskripte bzw. „Stapel“ können Sie mit F5 jederzeit ins HTML- und ins Text-Format exportieren.

Beim Bearbeiten dieser exportierten Texte werden Sie merken, dass Sie am Ende jeder Zeile des ursprünglichen Manuskripts wie bei einer klassischen Schreibmaschine einen festen Zeilenumbruch haben, den Sie beim Überarbeiten von Hand entfernen müssen. Das ist zwar etwas lästig, aber durchaus zu verschmerzen.

KeepWriting in der Praxis

Das Schreiben mit KeepWriting ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Das Anlegen neuer Dokumente/Stapel funktioniert über die Funktion „Öffnen“ mit STRG+O: Gibt man hier den Namen eines bereits vorhandenen Manuskripts/Stapels an, wird dieses geöffnet; ist das Manuskript noch nicht vorhanden, wird es unter diesem Namen neu angelegt.

Beim Schreiben dürfte man in den ersten Stunden ziemlich häufig fluchen, da man instinktiv gewohnt ist, Tippfehler direkt korrigieren zu können und auch „on the fly“ Passagen umzuformulieren und abzuändern. All das geht mit KeepWriting nicht – aber das ist gerade die Stärke dieses Programms. Gerade zu Beginn wird man sehr häufig Tippfehler und ganze Textpassagen ausixen, bis die Seiten schließlich aussehen wie Kraut und Rüben.

Doch je länger man mit KeepWriting arbeitet, desto mehr merkt man, wie sich dadurch die eigene Arbeitsweise ändert – und zwar zum Besseren.

Zunächst einmal lernt man, seinen inneren Korrektor ruhigzustellen. Gerade wenn man gewohnt ist, ansonsten mit einer Office-Textverarbeitung wie Microsoft Word zu arbeiten, die selbst die Rohfassung eines Manuskripts direkt im sauber formatierten Buch-Layout anzeigt, passiert es einem schnell, dass man das Schreiben der Rohfassung und deren Überarbeitung gedanklich miteinander vermischt. Ein großer Fehler, der sich aber in der Praxis schnell einschleicht, da es ja so einfach ist, Tippfehler oder unsaubere Formulierungen, die einem bereits während des Schreibens ins Auge springen, direkt zu korrigieren.

KeepWriting zwingt einen dazu, die Rohfassung als solche zu akzeptieren. Man kann zwar Tippfehler und ganze Passagen ausixen und neu schreiben, doch das Blatt sieht dann aus wie Kraut und Rüben. Mit KeepWriting sieht Ihr Manuskript wesentlich sauberer aus, wenn Sie gar nicht erst versuchen, Fehler schon während des Schreibens der Rohfassung zu korrigieren, sondern sich dies ganz bewusst für die spätere Überarbeitung aufheben. Diese Ruhe und Gelassenheit, die man durch die Arbeit mit KeepWriting entwickelt, ist allein schon Gold wert.

Der zweite Effekt ist, dass man bereits nach kurzer Zeit ganz automatisch damit beginnt, seine Sätze gedanklich vorzuformulieren, bevor man sie in die Maschine tippt. Man kann eben nicht einen angefangenen Satz einfach nochmal löschen und neu beginnen, wenn man erst beim Schreiben merkt, dass man sich gedanklich verzettelt hat.

Dieses gedankliche Vorformulieren bremst einen während der ersten Stunden etwas aus – aber nur, weil es ungewohnt ist. Schon nach den ersten Stunden mit KeepWriting merkt man, dass der eigene „innere Erzähler“ und die Finger, die alles in die Maschine hämmern, sich langsam aber sicher auf einen gemeinsamen Rhythmus einspielen. Während man mechanisch noch den letzten Satz in die Tasten hämmert, arbeitet der „innere Erzähler“ bereits am nächsten Satz, so dass man ohne große Verzögerungen weiter schreiben kann.

Das muss ein ähnliches Schreibgefühl sein wie das der früheren Groschenroman-Autoren, die Anfang des 20. Jahrhunderts oft innerhalb weniger Tage die Rohfassung eines neuen Groschenromans in ihre mechanischen Schreibmaschinen hämmerten und nur deshalb von der mageren Bezahlung nach Wörtern leben konnten, weil sie immer nur eine Rohfassung schrieben, die dann bereits vom Verlag ohne größere Änderungen übernommen und gedruckt wurde.

Auch mit KeepWriting merkt man, dass sich die Qualität der Rohfassung durch den Zwang zum gedanklichen Vorformulieren innerhalb weniger Wochen deutlich verbessert, ohne dass man dabei wesentlich langsamer würde. Dieses scheinbare Paradoxon resultiert daraus, dass man die Zeit für die „schnellen Korrekturen“ einspart, die einen mit einer normalen Textverarbeitung bisher immer wieder aus dem Schreibfluss gerissen haben.

Schreibmaschinengeräusche gefällig?

Der einzige Punkt, der mir persönlich noch bei KeepWriting fehlt, sind zuschaltbare Schreibmaschinen-Geräusche – ähnlich wie es das bei WriteMonkey, Patchwork und Q10 gibt.

Doch wer so ein Feature gerne nachrüsten möchte, kann immer noch zum kostenlosen Programm Qwertick (http://www.nattyware.com/qwertick.php) greifen, das ebenfalls portabel ist und auf Wunsch direkt vom USB-Stick läuft.

Wenn man zum Schreiben ohnehin schon eine mechanische Tastatur verwendet, braucht man natürlich keine zusätzlichen Schreibmaschinengeräusche. Es geht doch nichts über das angenehme Klicken der blauen Mikroschalter einer guten mechanischen Tastatur. ;-)

Fazit

Als ich KeepWriting mehr oder weniger durch Zufall entdeckt hatte, habe ich es mehr aus Neugier ausprobiert, als um es wirklich zum Schreiben zu benutzen. Doch trotz (oder gerade wegen?) der pragmatischen und minimalistischen Funktionalität des Programms hat sich meine Meinung während des Tests gründlich geändert.

Ich kann mir durchaus vorstellen, KeepWriting auch in Zukunft zum Schreiben mancher Rohfassungen zu verwenden. Probieren Sie es einfach selbst einmal aus. Vielleicht stellen ja auch Sie fest, dass der Verzicht auf moderne Korrekturmöglichkeiten für mehr Ruhe und Gelassenheit und zugleich für ein fokussierteres, qualitativ besseres Schreiben sorgt.

Wenn Sie neugierig geworden sind, finden Sie KeepWriting unter http://keepwriting.boxjar.com. Viel Spaß beim Ausprobieren!


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Schreibziele: Warum „Was“ wesentlich wichtiger ist als „Wie“

Die meisten Menschen sind sich darüber einig, dass es wichtig ist, Ziele zu setzen – jedenfalls, wenn man etwas ändern oder erreichen möchte. Schließlich ist es mit dem Erreichen von Zielen ähnlich wie mit dem Bogenschießen: man kann kein Ziel treffen, das man nicht sehen kann.

Auch beim Schreiben sind Ziele wichtig. Ziele sagen uns, was wir erreichen wollen, und sorgen dafür, dass wir diese Ziele in der Hektik und dem Stress des Alltags nicht aus den Augen verlieren.

Doch viele Schriftsteller begehen beim Setzen Ihrer Schreibziele einen entscheidenden Fehler – und das, obwohl sie glauben, es gerade damit besonders gut zu machen. Dieser sehr verbreitete Fehler besteht darin, sich zu sehr auf das „Wie“ zu konzentrieren, statt den Fokus auf dem wesentlich wichtigeren „Was“ zu belassen.

Ein „Was“-Ziel gibt an, was ich erreichen möchte – beispielsweise: „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen.“

Solange man bei diesem Ziel davon ausgeht, dass man seinen Roman als Selfpublisher veröffentlichen wird, ist das ein durchaus machbares Ziel. Um ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, sind wir nicht auf die Hilfe oder Zustimmung anderer angewiesen. Ob wir ein solches Ziel erreichen, liegt also voll und ganz in unserer Macht.

Natürlich muss man ein solches Ziel planen, um die Erfolgschancen möglichst weit zu erhöhen. Wenn ich innerhalb eines Jahres einen kompletten Roman planen, schreiben und überarbeiten will, brauche ich einen soliden Plan. Um zu prüfen, ob das Ziel realistisch ist, muss ich den ungefähren Zeitaufwand ermitteln und diese Summe mit den Stunden vergleichen, die mir (ebenso realistisch betrachtet) pro Woche zur Verfügung stehen. Wenn ich also 500 Stunden für die Entstehung des Romans rechne und im Schnitt zehn Stunden pro Woche für die Arbeit an diesem Roman einplanen kann, bin ich in dieser Beziehung schon mal auf der sicheren Seite.

Doch hier ist man schon gefährlich nah an dem Punkt, an dem man vom „Was“-Ziel zum „Wie“-Ziel übergeht. Es mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, wenn man das große Ziel „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen“ in ein kleines, überschaubares Wochenziel wie „Ich werde jede Woche zehn Stunden an meinem Roman arbeiten, um ihn innerhalb der nächsten 12 Monate fertigzustellen“ herunterbricht. Oder womöglich gar: „Ich werde jede Woche von Montag bis Freitag morgens von 4:30 – 5:30 Uhr und an den Wochenenden von 6:00 – 8:30 Uhr an meinem Roman arbeiten, um ihn innerhalb der nächsten 12 Monate fertigzustellen.“

Ein solches „Wie“-Ziel, das neben dem eigentlichen Ziel auch den exakten Weg zur Erreichung dieses Ziels beinhaltet, erscheint einem auf den ersten Blick weitaus besser. Doch in der Praxis limitieren wir uns damit nur selbst, legen uns viel zu eng geschnürte geistige Scheuklappen an und legen zugleich den Grundstein für Frustration, Schreibblockaden und ein mittelfristiges Scheitern.

Straff formulierte „Wie“-Ziele haben in der Praxis gleich drei Nachteile:

1. „Wie“-Ziele fördern den inneren Widerstand. Als Schriftsteller sind wir kreativ und wollen keine rigiden Vorgaben erfüllen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich verwende für meine Notizen nicht einmal liniertes oder gar kariertes Papier, weil ich das Gefühl habe, dass sie mich in meiner Kreativität einengen. Ich verwende lieber die deutlich teureren Oxford-Collegeblöcke mit ihrem dicken, rein weißen Papier, auf dem sich die Ideen auch mal in die unterschiedlichsten Richtungen ausbreiten können.

Wenn ich präzise Vorgaben habe, wie ich ein Ziel erreichen soll, verliere ich mit fast hundertprozentiger Sicherheit relativ bald den Spaß daran. Es ist wie im Büro: Auch hier haben die meisten Vorgesetzten mittlerweile erkannt, dass es viel effektiver und für die Mitarbeiter wesentlich motivierender ist, wenn man ihnen nicht als Micromanager jeden Schritt vorgibt, sondern lediglich Zielvorgaben gibt und dem Mitarbeiter (innerhalb eines gewissen Rahmens, der durch Richtlinien abgegrenzt wird) die Freiheit lässt, auf welche Weise er das gesetzte Ziel erreichen will.

2. „Wie“-Ziele machen es leichter, zu scheitern. Wenn ich morgens verschlafe oder aus anderen Gründen nicht dazu komme, wie geplant von 4:30 – 5:30 Uhr an meinem Roman zu arbeiten, bin ich in dieser Hinsicht gescheitert – selbst wenn ich die versäumte Stunde später am Tag nachhole. Oder vielleicht komme ich an diesem Tag gar nicht mehr dazu, die Stunde nachzuholen, habe aber während der Fahrt ins Büro eine so tolle Idee für meine Romanhandlung, dass mich das unterm Strich wesentlich besser voran bringt, als wenn ich morgens wie geplant eine Stunde lang am Schreibtisch gesessen hätte.

Jedes kleine Scheitern und jede kleine Niederlage untergräbt unser Selbstbewusstsein und unsere Motivation und treibt damit einen weiteren Nagel in den Sarg des Schreibprojekts. Wenn wir das Gefühl haben, zu oft gescheitert zu sein, neigen wir dazu, das ganze Ziel aufzugeben und zu begraben. Das muss nicht sein – aber dazu gleich mehr…

3. „Wie“-Ziele machen uns blind für andere Chancen und Möglichkeiten. Wenn wir gemäß unserem „Wie“-Ziel morgens eine Stunde am PC gesessen und an der Handlung unseres Romans gearbeitet haben, haben wir das Gefühl, diese Aufgabe für den heutigen Tag abhaken zu können (unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht wir innerhalb dieser Stunde voran gekommen sind).

Dabei kann es durchaus sein, dass sich uns im Laufe des Tages noch mehrere gute Gelegenheiten bieten, die wir dazu nutzen könnten, an unserem Roman zu arbeiten. Doch der Fokus auf dem „Wie“ macht uns für diese Gelegenheiten oft blind – und selbst wenn wir sie erkennen, haben wir vielleicht das Gefühl, sie nicht nutzen zu müssen, da wir durch unsere morgendliche Arbeit ja schon im Plan liegen. Eine gefährliche Fehleinschätzung.

Arbeiten Sie stattdessen lieber mit „Was“-Zielen und einer „CanDo-Liste“ statt einer klassischen „ToDo-Liste“.

Da das große „Was“-Ziel „Ich will innerhalb der nächsten 12 Monate einen kompletten Roman schreiben, überarbeiten und veröffentlichen“ zu unhandlich ist, um damit in der Praxis zu arbeiten, wird man dieses ohnehin (je nachdem, in welcher Phase der Entstehung des Romans man sich gerade befindet) durch ein kleineres Meilenstein-Ziel ersetzen. Wobei wir natürlich darauf achten, auch dieses Ziel als offene „Was“-Vorgabe zu formulieren.

Ein solches Meilenstein-Ziel könnte sein: „Ich werde bis Ende nächsten Monats die Planung meines Romans so weit abgeschlossen haben, dass ich mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen kann.“

Daraus ergibt sich dann das Tagesziel „Ich werde heute an der Handlung meines Romans arbeiten“.

Das klingt vielleicht zu unpräzise, um wirklich effektiv damit arbeiten zu kommen, doch da kommt die bereits erwähnte „CanDo-Liste“ ins Spiel. Eine solche Liste gibt uns im Gegensatz zu einer klassischen „ToDo-Liste“ nicht vor, was wir machen MÜSSEN, sondern zeigt uns sinnvolle Möglichkeiten auf, was wir machen KÖNNTEN.

Ich verwende für meine „CanDo-Liste“ gerne linierte Karteikarten im Format A6. Frei nach David Allens „Getting Things Done“ schreibe ich mir die „beweglichen Teile“ meines laufenden Projekts heraus und lege für jedes dieser „beweglichen Teile“ eine eigene Karteikarte an.

Das klingt zugegebenermaßen etwas theoretisch, ist in der Praxis aber ganz einfach. Für das Beispiel-Ziel „Ich werde bis Ende nächsten Monats die Planung meines Romans so weit abgeschlossen haben, dass ich mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen kann“ gibt es verschiedene „bewegliche Teile“, die nicht in einer festen Reihenfolge in Angriff genommen werden müssen, sondern zwischen denen ich ganz nach Lust und Laune hin und her wechseln kann:

  • Struktur der Handlung (also alles von der klassischen 3-Akt-Struktur bis hin zu detaillierten Notizen zu einzelnen Szenen).
  • Charaktere (Vorgeschichte, Ziele und Konflikte, Charakterfiles, Beziehungen zu anderen Romanfiguren…)
  • Setting und Worldbuilding (Karten zeichnen, Recherche, Story-Wiki aufbauen, Kulturen und Organisationen entwickeln, Sprache und Schrift…)

Jedes dieser „beweglichen Teile“ bekommt seine eigene Karteikarte. In die oberste Ziele schreibe ich mit Fineliner oder Kugelschreiber (da sich hieran nichts mehr ändert) die Bezeichnung der Teilaufgabe (also z.B. „Setting und Worldbuilding“). In die Zeilen darunter notiere ich mit Bleistift die einzelnen Aufgaben, offenen Fragen et cetera. Hierfür verwende ich einen Bleistift, da ich erledigte Aufgaben einfach ausradiere und damit auf der Karteikarte Platz für neue Ideen / Ansatzpunkte schaffe. Meist lasse ich links einen freien Rand von ungefähr einem Zentimeter. Diesen Platz nutze ich, um mit einem kleinen Bleistiftkreuz maximal drei „Favoriten“ pro Karte zu markieren – die Aufgaben, die mich momentan am besten voran bringen würden oder die mich schlicht und einfach momentan besonders reizen.

Diese Karteikarten habe ich immer in der Jackentasche dabei und ich nutze tagsüber jede passende Gelegenheit, um die Karten durchzusehen, neue Ideen zu notieren oder an einzelnen Aufgaben von der Liste zu arbeiten.

Natürlich habe ich trotz dieses flexiblen Ansatzes weiterhin meine festen Projektzeiten. Ich versuche, nach Möglichkeit jeden Morgen von 4:30 bis 5:30 Uhr am PC zu sitzen, um dort an meinem aktuellen Projekt zu arbeiten. Was genau ich in dieser Zeit mache, picke ich mir meist schon am Vorabend aus meinen „CanDo-Karteikarten“ heraus und markiere meine Favoriten.

Aber wenn mir morgens etwas dazwischen kommt und ich statt einer Stunde vielleicht nur 30 Minuten zum Schreiben komme, ist das nicht tragisch. Schließlich habe ich kein „Wie“-Ziel, sondern ein „Was“-Ziel: Mein Ziel ist nicht, morgens 60 Minuten am PC zu sitzen, sondern, mit der Planung meines Romans voran zu kommen. Und dafür werden sich bis abends noch genügend andere (und vielleicht sogar bessere) Gelegenheiten ergeben.

Probieren Sie es ruhig selbst einmal aus. Nicht nur, dass dieser Ansatz wesentlich stressfreier ist – oft werden Sie sogar überrascht feststellen, dass Sie mit dieser offenen Zielsetzung weitaus besser als zuvor mit Ihren Schreibprojekten voran kommen.


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Patchwork-Tutorial: Die Timeline II

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkDie Timeline + Clips = organisches Plotten

Vor der Lektüre dieses Tutorials empfehle ich, sich das erste Timeline-Tutorial einzuverleiben, weil dieses hier Kenntnisse von der Timeline voraussetzt. In dem ersten haben wir erfahren, wie wir eine Timeline anlegen, den Zeitrahmen des gesamten Projekts festlegen, den Szenen ihre eigenen Zeitabschnitte zuweisen, was die Symbole bei den Szenenzellen bedeuten und wie man mit dem Datumspflücker effizient Daten ändert.

Nun soll es um ein wichtiges weiteres Instrument der Timeline gehen, eine große Hilfestellung für das Herstellen eines plastischen Gerüsts zu einem Projekt.

Vermutlich haben Sie zum Thema Timeline bisher allgemein, beziehungsweise aus dem Tutorial ›Timeline I‹, erfahren, dass man Szenen ein Datum und eine Zeit verpassen kann, wodurch diese dann in einer Zeit-Erzählstrang-Matrix dargestellt werden. Man erhält somit eine Übersicht zur zeitlichen Abfolge, sowie eine Gegenüberstellung der Aktionen in den einzelnen Erzählsträngen. Diese Zeitzuordnung geschieht üblicherweise während der Entstehung bis zur Fertigstellung der Geschichte und hat Kontrollfunktion, dient gewöhnlich weniger dem Entwurf.

Bei Patchwork lässt sich die Timeline aber bereits zum Plotten einsetzen, also bevor ein einziges Wort des eigentlichen Texts geschrieben wurde. Man kann so ein Werk bereits im abstrakten Planungsstadium mehrdimensional vor sich sehen.

Screenshot PatchworkErinnern wir uns an einen idealen Entwurfsablauf einer Geschichte mit Patchwork und komplettieren wir ihn nun um den Zeitaspekt:

Wir beginnen ganz vorne bei der Ideensammlung. Um unseren zentralen Begriff (in der Mitte) gruppieren zuerst die einzelnen Akte der Geschichte – drei, fünf oder mehr, je nach Umfang, Thematik und Komplexität. Um diese Planeten, die um das zentrale Thema kreisen, ordnen wir anschließend die Assoziationen an. Das geschieht im Clustering (Brainstorming) (1) und der Kreativmatrix (Auswertung der generierten Ideenpaare), wozu es auch ein eigenes Tutorial gibt.

Aus den so entstandenen Bildern lassen wir uns das Kreativboard bestücken (2), auf dem nun die einzelnen Geschichtenhäppchen auf Weiterverarbeitung warten. Hier wird nach Herzenslust ergänzt, erweitert, gelöscht, verschoben. Figuren gesellen sich dazu, ebenso Schauplätze und wichtige Objekte. Für diesen Prozess sollte man sich ausreichend Zeit lassen.

Nun lernen Sie etwas Neues kennen: Bereits hier kann ein weiteres Instrument ins Spiel kommen, der sogenannte ›Clip‹. Dabei handelt es sich um eine Art dritter Dimension zu den zwei bekannten: ›Szene‹ und ›Zeit‹.

Einen Clip können wir als Klammer betrachten, die  wir an unsere Szenen klemmen. Nehmen wir an, in unserer Geschichte ginge es unter anderem um ein geheimnisvolles Buch. Dieses Buch wird in einer Szene erstmals erwähnt, wird in einer anderen gesucht, wieder wo anders gefunden, geht verloren, wird wiedergefunden, gestohlen und so weiter. An jede Szene, in der etwas zum Buch geschieht, klemmen wir einen solchen Clip und schreiben darauf, was damit passiert. Weil wir jedoch nicht nur das Thema ›Buch‹ in unserer Geschichte haben, wird es eine ganze Menge Clips geben, die Personen repräsentieren, sich wiederholende Rituale, Orte, Gegenstände, ja sogar das Wetter, wenn es eine besondere Rolle spielt.

Wir haben also eine Anzahl verschiedener Clip-Themen, die wir verfolgen wollen: das Buch, Mister X, ein Voodoo-Ritual und so weiter. Weiter hinten werden Sie sehen, wie wir jedem dieser Themen eine unterschiedliche Farbe zuweisen, die sie uns auseinanderhalten lässt.

Nun zurück zum Kreativboard (2): Bereits hier können wir die Clips in den Text einflechten, denn wir wissen ja, wann der Leser von dem Buch erfährt und wann dazu die weiteren Ereignisse stattfinden.

Das Einfügen eines Clips in den Text erledigen wir, indem wir es irgendwo im Text innerhalb einer geschweiften Klammer notieren. Hier die Syntax dazu: {Buch: erstmals erwähnt}. Dabei spielt die Form eine Rolle: Thema – Doppelpunkt – Ereignis.

Der Text eines Elements im Kreativboard, in dem sich ja auch der Clip aufhält, wird beim Erstellen von Szenen an diese weitergereicht. Wenn wir also aus dem Kreativboard Szenen generieren lassen, finden wir bei ihnen im Pitch, dem Szeneninhalt, diesen Text wieder vor – mitsamt den darin eingestreuten Clips. Ab diesem Zeitpunkt werden der Szenenpitch und der Text im Element des Kreativboards beim Bearbeiten wechselseitig synchronisiert, es kann daher der Clip an beiden Orten bearbeitet (dazuerfasst, geändert, gelöscht) werden.

Zum Tragen kommen die Clips dann in der Timeline (4). Dort werden sie rechts an die Szenen angehängt (5).

In der Timeline weisen wir den Szenen, die zu Beginn noch alle am Startdatum hängen, ihre Zeitfenster zu und verlinken sie mit dem passenden Erzählstrang, woraus sich die klassische Timeline ergibt. Treu wandern die Clips mit ihrer Szene in jede Zeit mit, wohin Sie sie beordern.  Im Gegensatz zu Volltextprogrammen (wie Word, OpenOffice, LibreOffice, Papyrus, Textmaker) kann man sehr elegant mit Szenen arbeiten, ohne dass sie noch ein einziges Wort Text enthalten müssen. Und: Später, wenn wir dann schreiben, bleibt der Pitch erhalten und wir können kontrollieren und regulieren. Das ermöglicht uns, auf abstrakter Ebene ein detailliertes Projektgerüst zu bauen und es erst danach mit Fleisch zu füllen. Aber auch später liefern uns Timeline und Clips eine perfekte Übersicht.

Screenshot PatchworkHier sehen Sie die Zusammenhänge mit Bildausschnitten aus den betreffenden Programmbereichen:

Optional entwerfen wir unsere Geschichte im Kreativboard (1), aus dem wir automatisch Szenen generieren lassen können. Natürlich kann man auch direkt bei den Szenen beginnen; das Kreativboard ist aber flexibler, außerdem kann man dort auch Figuren, Schauplätze und Objekte einbeziehen, sowie derer aller Beziehungen visualisieren.

In der Kapitelübersicht verschieben wir sie dann beliebig, dem Ablauf angepasst. Zu jeder Szene gehört (rechts oben im Schreibfenster) der sogenannte Pitch (2), also eine straffe Zusammenfassung des Szeneninhalts. Dort taucht der Text aus dem Kreativboard-Element wieder auf. Wir können ihn hier ebenfalls bearbeiten. Beim Aufbau der Timeline pickt Patchwork die Clips heraus und klammert sie rechts an die jeweilige Szene (3), was im Detail so aussieht (4). Es können pro Szene auch mehrere Clips eingefügt werden (aber immer nur im Pitch-Text, nicht im eigentlichen Szenentext).

Wie wir dieser Grafik entnehmen können, gibt es drei Orte, an denen wir Clips bearbeiten können: im Kreativboard-Element (1), im Pitch der Szene (2) und im Datumspflücker in der Timeline (5), den wir schon aus dem ersten Timeline-Tutorial kennen. Ein Clipthema springt durch seine Farbgebung sofort ins Auge: Mamma im Demoprojekt zum Beispiel in Rot. Sehen wir uns an, wie die Clipthemen zu ihrer individuellen Farbe kommen.

Rechts oben in der Timeline-Werkzeugleiste finden wir eine Schaltfläche mit einem runden Farbsymbol (1). Ein Klick darauf öffnet das Fenster für die Farbzuweisung (2). Die Themen, die wir hier antreffen, wurden automatisch aus den Clips gebildet. Würde man sich dort einmal bei der Themenbezeichnung vertippen, gäbe es hier beim nächsten Aufruf zwei Themeneinträge, etwa ›Mamma‹ und ›Mama‹.

Screenshot PatchworkBei erstmaligem Betreten des Fensters waren alle vier Clipthemen (3) weiß wie hier Olga. Mit einem Doppelklick auf ein Thema öffnen wir die Farbtabelle (6). Dort stehen zwei Farbpaletten zur Verfügung. Die Standardpalette (7) und die Patchwork-Empfehlung (8), die auf Clips abgestimmt ist; die sollten nicht zu hell sein, um sich von den Pastellfarben der Timeline abzuheben.

Mit der Leertaste auf ein Clipthema lässt es sich deaktivieren – der Haken verschwindet (4); es werden in der Folge in der Timeline alle Clips zu diesem Thema nicht mehr angezeigt. Mit der Checkbox alle (5) können sämtliche Clipthemen aktiviert oder deaktiviert werden. Beide Funktionen kombiniert erlauben es schnell, nur ein bestimmtes Thema in der Timeline verfolgen zu können: alle wegschalten und ein bestimmtes wieder anzeigen lassen.

Da es möglich ist, bei einer Szene mehrere Clips einzutragen, kann es zu Bündeln kommen wie hier (9). Die Pfeile links dokumentieren die Zugehörigkeit. Liegen Szenen nahe beisammen, kann dadurch ein Clip oder eine benachbarte Szenenbezeichnung verdeckt werden. Um trotzdem nachlesen zu können, was dort steht, kann man Clips mit der Maus beiseiteziehen. Lässt man sie los, schnappen sie wieder an ihren angestammten Platz zurück.

Clips sind ein Missing Link zur professionellen Storyplanung. Sie erlauben Ihnen bereits auf der abstrakten Ebene des Konzipierens eine umfassende Sicht auf Ihr zukünftiges Werk: die Bausteine des Inhalts (Szenen), deren zeitliches Zusammenspiel (Timeline mit Erzählsträngen) und nun auch das Erscheinen wichtiger Figuren, Schauplätze, Gegenstände und Zustände durch die Clips.

Es lohnt sich, in diese Materie einzusteigen – ganz abgesehen davon, dass es Spaß macht!

Link zum Video

Martin Danesch


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SoftMaker FreeOffice 2016

Vor ein paar Tagen hat die deutsche Softwarefirma SoftMaker ihr kostenloses Office-Paket FreeOffice auf den neuesten Stand gebracht. Während das bisherige FreeOffice noch auf dem alten „SoftMaker Office 2012“ basierte, handelt es sich beim neuen FreeOffice um eine leicht abgespeckte Version des aktuellen „SoftMaker Office 2016“, über das ich in diesem Artikel schon einmal ausführlich berichtet hatte.

Auch wenn ich zum eigentlichen Schreiben von Büchern spezialisierte Schreibsoftware wie Scrivener, Patchwork oder WriteMonkey jedem Office-Paket vorziehe, braucht man als Autor dennoch eine gute „Office-Textverarbeitung“, wenn es an die Veröffentlichung des eigenen Manuskripts geht.

Für diesen Zweck würde ich SoftMaker Office sogar dem Paket des Marktführers Microsoft vorziehen – und erst recht der kostenlosen Konkurrenz LibreOffice bzw. OpenOffice.

Ob Sie nun Ihr Manuskript an einen Verlag schicken wollen oder es als Selfpublisher zur Konvertierung in ein eBook-Format hochladen möchten – fast überall sind Dateien im Microsoft-Word-Format erwünscht oder sogar gefordert. Und während gerade bei kompexen Dokumenten mit Formatvorlagen, Illustrationen o.ä. die Kompatibilität von LibreOffice / OpenOffice oft zu wünschen übrig lässt, bietet SoftMaker Office eine unerreicht hohe Kompatibiltität zu Microsoft Office und erzeugt Word-Dateien, die sich problemlos weiterverarbeiten lassen.

Auch wenn das kostenlose FreeOffice beim Speichern auf die „alten“ Office-Formate wie .doc begeschränkt ist und das neue .docx-Format (ab Office 2007) nur lesen kann, reicht das in den allermeisten Fällen aus.

Doch so richtig punkten kann FreeOffice, wenn es um die Generierung von eBooks geht. Denn während andere Office-Pakete nur im PDF-Format exportieren können (was FreeOffice natürlich auch beherrscht), können Sie aus FreeOffice heraus Ihr eBook auch direkt im EPUB-Format exportieren – samt Titelbild, Metadaten und allem, was dazu gehört.

Natürlich handelt es sich bei FreeOffice nur um eine abgespeckte Version des kommerziellen SoftMaker Office, der bestimmte Features wie die zusätzlichen Wörterbücher oder der leistungsstarke Duden-Korrektor der Professional-Version fehlen. Dennoch dürfte die kostenlose FreeOffice-Version für viele Schriftsteller völlig ausreichend sein.

Und selbst wenn Sie beim Testen von FreeOffice auf den Geschmack kommen und doch lieber zur „Professional“-Version mit Duden-Korrektor, Thesaurus und zusätzlichen Wörterbüchern greifen möchten, sparen Sie als FreeOffice-Anwender satte 50%, da Sie statt der Vollversion für 99,95 € einfach die günstige Upgrade-Version für 49,95 € kaufen können.

Sie finden das kostenlose FreeOffice 2016 für Windows und Linux unter http://www.freeoffice.com/de.


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Schreiben wie Trollope

Kennen Sie Trollope? Anthony Trollope? Falls Sie jetzt angespannt überlegen, wo Sie diesen Namen schon einmal gehört haben: denken Sie ein ganzes Stück zurück – bis ins 19. Jahrhundert.

Anthony Trollope (1815-1882) war einer der bekanntesten und produktivsten Schrifsteller der viktorianischen Ära. Neben diversen anderen Werken schrieb Trollope fast fünfzig Romane – und zwar keine dünnen Büchlein, sondern richtig dicke Wälzer. So haben beispielsweise seine Romane „Die Türme von Barchester“ und „Die Claverings“ jeweils eine Länge von fast 900 Seiten.

Richtig bemerkenswert wird die enorme Produktivität Anthony Trollopes dadurch, dass er nicht etwa ein gut situierter Vollzeit-Schriftsteller war, sondern einen guten Teil seiner Werke neben seinem Job als Postbeamter schrieb.

Wenn man sich näher mit Trollopes Arbeitsweise und dem Geheimnis seiner enormen Produktivität beschäftigt, stellt man rasch fest, dass Trollope in Sachen Planung und Selbstkontrolle seiner Zeit weit voraus war.

Heute ist es ja durchaus in Mode, sich selbst Deadlines zu setzen, diese in ein Wochen- und Tagespensum herunter zu brechen und dann abzuarbeiten – hunderttausende Schriftsteller weltweit machen das jeden November, wenn sie an ihrem NaNoWriMo-Roman arbeiten und dabei täglich mindestens 1.667 Wörter schreiben, um innerhalb von 30 Tagen einen kompletten Roman von 50.000 Wörtern fertigzustellen.

Doch von Trollopes Disziplin und Planung können sich die meisten heutigen Schriftsteller eine Scheibe abschneiden. Trollope erlegte sich selbst feste Regeln auf, an die er sich eisern hielt, um aus den drei Stunden, die er sich jeden Morgen vor der Arbeit zum Schreiben reserviert hatte, das Maximum herauszuholen.

Trollope setzte sich nicht nur feste Ziele pro Woche und pro Tag, um seine Romane termingerecht bei seinem Verleger einreichen zu können, sondern brach seine Zeitvorgaben sogar bis auf eine Viertelstunde herunter: Während Trollope an einem seiner Romane schrieb, gewährte er sich selbst exakt 15 Minuten, um eine Seite zu schreiben. Auch den eher schwammigen Begriff der Seite hatte Trollope für sich selbst präzise definiert: exakt 250 Wörter, die er gedanklich im Hintergrund mitzählte, während er schrieb.

Wenn es also jemals einen Schriftsteller gab, auf den die Beschreibung „präzise wie ein Schweizer Uhrwerk“ passt, war es Anthony Trollope.

Heutzutage haben wir es einfacher als Trollope: Statt mit schwergängigen mechanischen Schreibmaschinen arbeiten zu müssen, haben wir Computer, an denen man nicht nur schneller und ermüdungsfreier schreiben kann, sondern durch die die Korrektur von Fehlern zum Kinderspiel geworden ist. Und da jedes bessere Schreibprogramm stets den aktuellen Wordcount in der Statuszeile anzeigt, müssen wir auch nicht mehr wie Trollope selbst die geschriebenen Wörter zählen, um zu wissen, wann wir unsere 250 Wörter voll haben.

Was läge also näher, als beim Schreiben der nächsten Rohfassung die Herausforderung von Anthony Trollope anzunehmen und sich ebenso wie der Altmeister 250 Wörter pro Viertelstunde abzuverlangen?

Von der reinen Schreibgeschwindigkeit her ist dies überhaupt kein Problem: 250 Wörter in 15 Minuten entsprechen gerade mal 17 Wörtern pro Minute – geübte Vielschreiber kommen locker auf über 50 Wörter pro Minute, wenn es gerade gut läuft.

Es ist natürlich klar, dass Trollope bei dieser Arbeitsweise nicht zwischendurch längere Pausen einlegen konnte, um sich zu überlegen, wie seine Handlung weiter verlaufen sollte. Nach eigener Aussage (aus Trollopes Autobiographie, die nach seinem Tod veröffentlicht wurde), hielt er nichts davon, „rumzusitzen, an seinem Stift zu knabbern und die Wand anzustarren, bis man die Wörter gefunden hat, mit denen man seine Ideen ausdrücken möchte“.

Ganz klar: Trollope verstand es, seinen inneren Lektor zum Schweigen zu bringen und sich voll und ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.

Ich würde vermuten, dass Anthony Trollope dieses Schreibtempo nicht den ganzen Tag lang hätte durchhalten können – ganz zu schweigen davon, dass das stundenlange Schreiben an einer mechanischen Schreibmaschine eine auch körperlich recht ermüdende Tätigkeit ist.

Ich gehe davon aus, dass Trollope tagsüber immer wieder in Gedanken durchspielte, wie die Handlung seines aktuellen Romans weiter gehen sollte, bis er die nächsten Szenen so detailliert vor seinem geistigen Auge ablaufen lassen konnte, dass er sich am nächsten Morgen einfach hinsetzen und sie zu Papier bringen konnte – eine komplette Seite alle 15 Minuten.

An Trollopes Schreibgewohnheiten kann man recht gut ablesen, dass die Arbeitszeiten eines britischen Postbeamten der viktorianischen Ära nicht mit denen eines heutigen Bürojobs zu vergleichen waren. Trollope schrieb jeden Morgen von 5:30 bis 8:30 Uhr, bevor er frühstückte und zur Arbeit ging. Die wenigsten von uns haben derartige Arbeitszeiten, die im amerikanischen Sprachraum gerne als „nine to five“ bezeichnet werden. Allein schon deswegen dürfte kaum jemand von uns in der Lage sein, vor der Arbeit noch drei Stunden zu schreiben. Doch das ist auch gar nicht erforderlich.

Wenn man nicht gerade George R.R. Martin oder Patrick Rothfuss heißt (die nicht nur hinsichtlich ihrer wallenden Bärte, sondern auch hinsichtlich des Umfangs ihrer Romane mit Trollope mithalten können), sind heutzutage eher kürzere Bücher im Bereich von 300-400 Seiten in Mode. Im Krimi-Genre bewegen sich viele aktuelle Bestseller sogar nur um die 200-Seiten-Marke, also im Umfang eines typischen NaNoWriMo-Romans.

Wenn Sie täglich nur eine einzige Stunde einplanen können, während der Sie mit Trollopes Geschwindigkeitsvorgabe von 250 Wörtern je Viertelstunde an Ihrem aktuellen Manuskript schreiben, reicht das bereits aus, um innerhalb eines Jahres ca. 1.500 Seiten zu schreiben.

Das entspräche wahlweise:

  • 6 Romanen á 240 Seiten (typischer Umfang für einen Krimi) – also einem neuen Buch alle zwei Monate
  • 4 Romanen á 360 Seiten (längere Krimis oder Mainstream-Titel) – also einem neuen Roman pro Quartal
  • 3 Romanen á 500 Seiten (typischer Umfang für Fantasy-Romane) – immerhin alle vier Monate ein neues Buch, also eine komplette Trilogie innerhalb eines Jahres
  • 2 Romanen á 750 Seiten (Kategorie „Epos“ – alles drüber lässt sich kaum noch in einem Band als gedrucktes Buch veröffentlichen) – und selbst hier kommen Sie immer noch auf zwei Bücher pro Jahr

Es ist natürlich klar, dass man bei dieser Schreibgeschwindigkeit nur von einer Rohfassung reden kann, keinesfalls von einem veröffentlichungsreifen Manuskript. Rechnen wir also nochmal dieselbe Zeit für die Überarbeitung Ihres Manuskripts dazu.

Dies könnten Sie entweder abends (statt einer langweiligen Fernsehsendung) oder in einem Block am Wochenende erledigen. Samstag und Sonntag jeweils drei bis vier Stunden Revision – und schon sind Sie wieder gleichauf.

Wenn Sie es nun noch schaffen, sich tagsüber (z.B. während der Fahrt zur Arbeit und ansonsten ungenutzer Wartezeiten) genügend Gedanken über Ihre Romanhandlung zu machen, damit Sie zumindest den Inhalt der nächsten vier Seiten glasklar vor sich sehen, steht einer produktiven Schriftstellerkarriere nichts mehr im Weg, die Altmeister Trollope stolz machen würde.

Vielleicht wollen Sie es ja auch einmal versuchen: „Do the Trollope!“ ;-)


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Warum Schriftsteller im Stehen schreiben sollten

Von Altmeister Ernest Hemingway stammt der leicht zynische Rat: „Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen.“

Tatsächlich hat es für Schriftsteller gleich mehrere Vorteile, im Stehen zu arbeiten.

Sitzen ist für den menschlichen Körper nicht die optimale Haltung, und selbst wenn Ihr Arbeitsplatz ergonomisch gestaltet ist (was bei den meisten definitiv nicht der Fall ist), sind Verspannungen, Rückenschmerzen u.ä. bei längeren Schreibsessions fast schon vorprogrammiert.

Wir sitzen ohnehin viel zu viel und viel zu lange. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das lange Sitzen nicht nur schlecht für unsere Gesundheit ist, sondern unterm Strich auch unsere Lebenserwartung verkürzt. Hier ein sehr interessanter Artikel zu diesem Thema: http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/ungesunde-bueroarbeit-wer-laenger-sitzt-ist-frueher-tot/10134854.html

Auch wenn man im Büro darauf oft keinen Einfluss hat und nicht darum herum kommt, im Sitzen zu arbeiten, kann man aber zumindest als Schriftsteller einen kleinen Ausgleich dazu schaffen, indem man sich angewöhnt, im Stehen zu schreiben.

Im Stehen zu schreiben hat neben dem gesundheitlichen Aspekt auch noch andere Vorteile: Sitzen hat nämlich auch den Nachteil, dass es zur Faulheit und Entspannung anregt. Es fällt wesentlich leichter, im Sitzen zu faulenzen als im Stehen.

Sie werden feststellen, dass Sie sich in stehender Haltung wesentlich besser auf das Schreiben konzentrieren können und weniger Probleme mit Rückenschmerzen und Verspannungen im Nackenbereich haben.

Sich einen Steh-Arbeitsplatz einzurichten, ist gar nicht so schwer. Dafür gibt es drei Alternativen:

1. Das klassische Stehpult

Sehen Sie sich nach einem günstigen, gebrauchten Stehpult um, das Sie in der Höhe verstellen und so an Ihre Körpergröße optimal anpassen können. Ein gutes Stehpult hat eine geneigte Arbeitsplatte, die man vom Winkel her verstellen kann, und am vorderen Rand der Arbeitsplatte eine erhöhte Leiste, die verhindert, dass Stift, Papiere oder andere Arbeitsmittel nach vorne von der Platte rollen. In unserem Fall wäre das meist der Laptop, da die wenigsten von uns in der Praxis noch mit Papier und Stift schreiben werden (obwohl auch das seine unbestrittenen Vorteile hat).

Die Investition in ein Stehpult ist zwar nicht ganz billig, aber für die meisten von uns mittelfristig gesehen jeden Cent wert. Wenn Sie ein talentierter Bastler und Heimwerker sind können Sie sich unter Umständen auch ein passendes Stehpult selbst basteln und so Geld sparen.

Manchmal haben Sie auch die Möglichkeit, in einem Möbelhaus ein solches Stehpult auszuprobieren. Bringen Sie testweise Ihren Laptop mit und probieren Sie es ruhig einmal aus, bevor Sie das Stehpult kaufen. Die Verkäufer werden kaum etwas dagegen einzuwenden haben. Wenn Sie sich ein neues Bett kaufen wollen, dürfen Sie ja auch mal probeliegen.

2. Das höhenverstellbare Brett

Eine einfache und günstige Alternative ist ein höhenverstellbares Regalbrett mit ausreichender Tiefe (mindestens 40 cm!), auf dem Sie Ihren Laptop zum Schreiben abstellen können.

Dazu brauchen Sie lediglich zwei Wandschienen, die Sie im passenden Abstand zueinander (und natürlich in exakt gleicher Höhe) an die Wand schrauben, zwei Regalträger zum Einhängen (40 cm oder 50 cm) und ein stabiles Regalbrett in der benötigten Breite mit einer Tiefe von 40 oder 50 cm.

Die dafür benötigten Teile finden Sie in jedem Baumarkt (siehe hier). Inklusive des passenden Regalbretts dürften Sie zwischen 20 und 25 Euro landen – eine günstige Alternative zum klassischen Stehpult.

Der Vorteil der Höhenverstellung ist, dass Sie das Brett auch vorübergehend tiefer einhängen können, wenn Sie an demselben Arbeitsplatz zwischendurch mal im Sitzen arbeiten wollen.

3. Der Stehtisch

Da ich persönlich lieber mit meiner mechanischen Tastatur und einem großen Monitor, als an einem Laptop schreibe, habe ich mir selbst einen Stehtisch gebaut.

StehtischDafür habe ich auf eine halbhohe Billy-Kommode (107 cm) ein massives Brett mit 80 Zentimeter Tiefe montiert, auf dem meine Tastatur liegt – für mich mit meinen 1,90 Metern eine optimale Arbeitshöhe. Durch die 80 cm Tiefe ist ein ausreichender Abstand vom Monitor gewährleistet.

Natürlich würde es bei einem solchen Stehtisch keinen Sinn machen, den Monitor wie sonst üblich hinter die Tastatur zu stellen – schließlich könnte ich so keine gerade Haltung bewahren, sondern müsste ständig mit gesenktem Kopf nach unten auf den Monitor schauen.

Darum habe ich meinen Monitor auf einen Ständer postiert, den ich mir, wie man auf dem Foto gut erkennen kann, ganz pragmatisch aus einer alten Kommoden-Schublade gebastelt habe. Das Innere der Schublade dient jetzt als Miniatur-Bücherregal für meine Fachliteratur und ich habe meinen Monitor direkt in Augenhöhe vor mir.

Zusätzlich verwende ich bei der Arbeit mit Scrivener oder mit FocusWriter den sogenannten „Schreibmaschinenmodus“, bei dem die Zeile mit dem Cursor immer auf mittlerer Bildschirmhöhe ausgerichtet wird. Auf diese Weise kann ich beim Schreiben absolut gerade auf den Monitor sehen.

Anfangs erfordert es eine gewisse Umgewöhnung, im Stehen zu schreiben, doch letztendlich gewöhnt man sich relativ schnell daran.

Auch ich nutze meinen Steh-Arbeitsplatz nicht immer. Wenn ich recherchiere oder plane, arbeite ich lieber an meinem großen PC im Sitzen. Aber wenn ich konzentriert und fokussiert schreiben will, gehe ich an meinen Steh-Arbeitsplatz.

Damit dieser jederzeit schnell einsatzbereit ist, verwende ich hier statt eines klassischen Desktop-PCs einen Laptop. Dieser steht aufgeklappt auf dem Regal neben meinem Steharbeitsplatz (ist auf dem Foto am rechten Rand zu erkennen). Der externe Monitor und die mechanische Tastatur sind permanent angeschlossen.

Der Windows-10-Laptop hat den Vorteil, dass ich diesen durch einen kurzen Druck auf die Power-Taste innerhalb weniger Sekunden in den Energiesparmodus versetzen bzw. wieder aufwecken kann.

Im Stehen zu Schreiben hat übrigens noch einen weiteren Vorteil: Es macht es mir leichter, feste Grenzen zu setzen. Wenn ich im Stehen schreibe, merke ich früher oder später, dass meine Füße schmerzen. Das ist für mich das Signal, eine Pause einzulegen und sowohl meinem Körper als auch meinem Geist eine Ruhepause zu genehmigen.


(M)ein Platz zum SchreibenWenn Sie mehr darüber lesen wollen, wie man sich zuhause einen optimalen Platz zum Schreiben einrichten kann, empfehle ich Ihnen meinen neuen Kompaktratgeber „(M)ein Platz zum Schreiben“.

Mit 41 Seiten kurz und knackig – und mit nur 99 Cent günstiger als ein Espresso im Café um die Ecke. ;-)

Erhältlich für Kindle, Tolino und andere eReader…

Verlassen Sie sich niemals auf Ihre Inspiration

Ich unterhalte mich sehr gerne mit anderen Schriftstellern über ihre Arbeitstechniken und unterschiedlichen Ansätze. Viele Wege führen nach Rom: Manche planen akribisch, andere schreiben einfach drauflos; manche schreiben nicht am Computer, sondern lieber von Hand oder diktieren sogar ihre Texte; manche brauchen zum Arbeiten die Stille ihres Arbeitszimmers, während andere sich in der lebhaften Atmosphäre eines Cafés am kreativsten fühlen. Alles bestens, solange es für einen selbst funktioniert. Aber immer wieder kann ich mich nur wundern, wenn bei einem Autorenstammtisch o.ä. ein Schriftsteller erzählt, dass er sich beim Schreiben auf seine Inspiration (oder auch „auf seine Muse“) verlässt.

Diese Schriftsteller teilen meist mehrere Charakteristika:

  • Sie schreiben nach eigener Aussage nur, wenn sie sich inspiriert fühlen.
  • Sie leiden häufig unter Schreibblockaden.
  • Sie haben selten mehr als ein Buch veröffentlicht. Die meisten gar keines. Sie werkeln seit Jahren an ihrem einen Magnus Opus und warten immer noch auf die göttliche Inspiration, die die Worte durch ihre Finger aufs Papier bzw. auf den Bildschirm fließen lässt. Darum lieben sie Filme wie „Shadows in the Sun“, in denen der geniale Schriftsteller sein ebenso geniales Manuskript innerhalb kürzester Zeit im kreativen Fieberrausch in seine alte Schreibmaschine hämmert, nachdem endlich bei ihm der gordische Knoten der Schreibblockade geplatzt ist.

Entschuldigung, wenn ich hier vielleicht ein wenig sarkastisch klinge, aber für mich passt das alles zusammen.

Nichts gegen Inspiration – eine feine Sache, genau wie Rückenwind beim Fahrradfahren. Doch man darf sich niemals darauf verlassen. Man muss auch dann ans Ziel kommen, wenn einem der Wind kalt und rauh entgegen bläst, statt einen anzuschieben.

Über Inspiration und ihre Rolle im Leben eines Schriftstellers gibt es genügend gute Zitate, von Jack London („Du kannst nicht auf Inspiration warten. Du musst sie mit einem Knüppel jagen.“) bis hin zu Peter De Vries („Ich schreibe, wenn ich inspiriert bin und ich achte darauf, dass das jeden Morgen um 9:00 Uhr passiert.“).

Für mich hat Inspiration Ähnlichkeit mit einem guten Bluff beim Poker: Es macht einen diebischen Spaß, wenn man es schafft, mit einem Paar Buben jemanden zum Aussteigen zu bewegen, der ein Full House hat. Doch allein mit Bluffen und einem guten Pokerface kommt man auf Dauer nicht weit, sondern wird eher früher als später gnadenlos untergehen. Zum Pokern gehören auch eine gute Strategie und logisches Denken – genau wie zum Schreiben.

Mit der Inspiration verhält es sich ähnlich: Manchmal kommt einem scheinbar aus dem Nichts eine ganz tolle Idee für eine Geschichte, die einen nicht mehr loslässt und die einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Doch wenn man regelmäßig und kontinuierlich schreiben will, kann man sich nicht auf diese zufälligen Eingebungen verlassen, sondern muss lernen, auch ohne Inspiration mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks bei Bedarf eine neue Idee nach der anderen zu generieren.

Diese ‚fabrizierten‘ Ideen erscheinen einem selbst oft nicht so brillant wie die, die einem unerwartet aus dem Nichts kommen, aber das muss nicht stimmen. Auch dem Koch schmeckt sein eigenes Essen oft nicht so gut wie seinen Gästen und kein Zauberkünstler kann über seine eigenen, hundertfach einstudierten Tricks ebenso staunen wie das überraschte Publikum. Der Koch weiß, durch welche Gewürze und Zubereitungsschritte der Geschmack zustande kommt, den seine Gäste sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, genau wie der Zauberkünstler nur zu genau weiß, woher das Kaninchen im Zylinder wirklich kommt und mit welchen Spiegeltricks er das Auto vor den Augen seines Publikums verschwinden lassen konnte.

Unsere ‚fabrizierten‘ Ideen haben für uns selbst nicht denselben Zauber wie jene, die uns die Inspiration oder die Muse eingegeben haben. Wir sehen das Räderwerk in ihrem Inneren und wissen, woraus sie bestehen und wie wir sie zum Laufen gebracht haben. Doch unsere Leser wissen es nicht, und für sie spielt es auch keine Rolle.

Der andere Punkt ist, dass Inspiration niemals ausreicht, um aus einer Idee einen kompletten Roman zu machen. Vielleicht eine Kurzgeschichte – das kann klappen. Die Idee zu „Spiegelschatten“ hatte ich auf einer nächtlichen Autofahrt und konnte zuhause nicht eher Ruhe finden, bevor ich nicht die komplette Geschichte zu Papier gebracht hatte. Doch ein Roman ist etwas völlig Anderes.

Wenn wir uns bei einem Mammutwerk wie einem ganzen Roman ausschließlich auf die gelegentlichen Blitzeinschläge der Inspiration verlassen, sind Schreibblockaden (im Klartext: „das Fehlen von Inspiration“) vorprogrammiert und das Romanprojekt mutiert zur Lebensaufgabe.

Die ursprüngliche Idee, die uns vielleicht die Inspiration eingegeben hat, ist oft nicht mehr als das Samenkorn, aus dem sich die Geschichte entwickelt. Manchmal entpuppt sie sich auch als das Herz der Geschichte, doch genau wie ein menschlicher Körper aus weitaus mehr als einem Herz besteht, braucht auch ein spannender, lesenswerter Roman weit mehr als nur eine brillante zentrale Idee.

Bewahren Sie die inspirierenden Ideen, die Ihnen Ihre Phantasie scheinbar aus dem Nichts eingibt, und lernen Sie, diese als zentrales Element in ein viel größeres Ganzes einzubetten, das Sie wie ein Architekt oder Ingenieur um Ihre ursprüngliche Idee herum konstruieren. Im großen Mosaik Ihres Romans kann das eine rote Juwel, das Ihre Inspiration Ihnen geschenkt hat, zum Auge des Drachen werden, der das Gesamtkunstwerk dominiert.

Abgesehen davon, dass Sie die Ideen, die Ihnen die Inspiration oder die Muse einflüstert, gut aufbewahren, hegen, pflegen und wachsen lassen, sollten Sie sich allerdings von der Inspiration lossagen, statt sich von ihr abhängig zu machen.

Trainieren Sie, jeden Tag zu schreiben, ob Sie sich nun „inspiriert“ fühlen oder nicht. Glauben Sie mir: im Nachhinein wird es sogar Ihnen selbst schwer fallen, bei der Überarbeitung die Passagen, die Sie an ‚uninspirierten Tagen‘ geschrieben haben, von denen zu unterscheiden, die Sie ‚inspiriert‘ zu Papier gebracht haben.

Doch das Erstaunlichste ist: Sobald Sie gelernt haben, auch ohne Inspiration genauso produktiv und kreativ zu schreiben, werden Sie merken, dass die Anzahl der tollen, ‚inspirierten‘ Ideen, die Ihnen Ihr Unterbewusstsein eingibt, ständig ansteigt.

Es ist überall im Leben das Gleiche: Wenn man arbeitslos ist, gibt einem niemand einen Job – doch wenn man sich aus einer ungekündigten Stellung heraus bewirbt, erscheint man den Firmen gleich viel interessanter. Ist man Langzeitsingle, ist man für das andere Geschlecht so gut wie unsichtbar – doch befindet man sich in einer festen Beziehung, erscheint man manchen dadurch erst richtig attraktiv. Genauso ist es mit der Inspiration: Bettelt man verzweifelt um Ideen, um seine Schreibblockade zu besiegen, lässt die Muse einen eiskalt am langen Arm verhungern. Doch wenn sie sieht, dass man auch ohne sie fröhlich und produktiv weiter schreibt, springt sie wie ein vernachlässigter Welpe um einen herum und versucht, mit Kunststückchen und tollen Ideen unsere Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. ;-)

Die unerwartete Flut an ‚inspirierten‘ Ideen, wenn man sie eigentlich gar nicht mehr braucht, kann natürlich auch damit zu tun haben, dass man sich ja bereits angewöhnt hat, tagtäglich als Rohmaterial fürs eigene Schreiben mittels Kreativitätstechniken neue Ideen zu fabrizieren.

Und genau wie Kinder aus lose herumliegenden Legosteinen die phantasievollsten Gebilde bauen, hat auch unser Unterbewusstsein mit den Resten unserer ‚Ideenproduktion‘, die wir bisher nicht verwenden konnten, genügend Rohmaterial, das es miteinander kombinieren kann, um uns mit den daraus entstandenen Ergebnissen zu verblüffen.

Und das Schöne ist: diese Ideen können Sie mit der beruhigenden Gewissheit verwenden, dass Sie niemals darauf angewiesen sein werden, auf ‚inspirierten‘ Ideen-Nachschub zu warten.


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Patchwork-Tutorial: Die Timeline I

Gastartikel von Martin Danesch

PatchworkPatchworks Timeline ist ein mächtiges Instrument. Sie kann sowohl während des Plottens, dann natürlich während des Schreibens selbst genutzt, als auch nachträglich zugewiesen werden. Szenen müssen noch keinen Text enthalten, trotzdem kann man aber mit sogenannten Clips die Struktur des Projekts modellieren.

Weil das Thema für einen Artikel zu umfangreich ist, beschäftigen wir uns in diesem hier mit Grundwissen, die Plot-Schiene heben wir uns für das nächste Mal auf.

Auffallend ist die Anordnung. Im Gegensatz zu Filmschnitt- und Vertonungssoftware ist die Timeline nicht horizontal. Warum? Weil es absolut keinen Sinn macht, im Echtzeitabstand Knöllchen auf einer Linie zu verteilen, von denen man aber nicht weiß, was sie bedeuten. Dafür müsste man ganz tief hineinzoomen, bis man eine Szenenbezeichnung lesen kann, verliert dann aber dafür den Überblick.

Screenshot Patchwork

Bild anklicken zum Vergrößern

Deshalb ist Patchworks Timeline vertikal: So kann man die Szenentitel (1) lesen – zumindest deren Anfang – und hat nebeneinander eine beliebige Anzahl an Erzählsträngen (2).

Wir zäumen nun zum besseren Verständnis das Pferd von hinten auf: zuerst das Ergebnis und später, wie man zu den Daten gelangt.

Den Rahmen der Timeline bilden Start- und Enddatum (3), die jederzeit verändert werden können. Schreibt man eine vorchristliche Geschichte, so wird die Jahreszahl mit einem Minus davor angegeben (13.4.-127); doch Achtung, in diesem Fall ist das Jahres-Von optisch größer als das –Bis: -129 bis -114. Zugang zu diesem Datum erhält man über die Schaltfläche (4), über die man auch Spaltenbreite und Kalendeauswahl erfolgen. Über die Schaltfläche (5) gelangt man zum Kalenderdesigner, wo man nach Herzenslust eigene Fantasy-Kalender entwerfen kann.  Innerhalb des Start- und Enddatums wird pro Tag eine Zeile erzeugt (6), wobei Samstage und Sonntage anders eingefärbt sind, um ein besseres Gefühl für den zeitlichen Rhythmus zu haben. Tage, an denen keine Szenen angesiedelt sind, werden grau dargestellt. Übrigens für die Fans individueller Kalender: Im Kalenderdesigner kann man auch die tagesfarben selbst festlegen. So ist ein blauer Montag kein Hindernis.

Finden an einem Tag mehrere Szenen zu unterschiedlichen Zeiten statt, so werden die weiteren in Unterknoten bei diesem Tag untergebracht. Diese Unterknoten kann man alle auf einmal mit (7) oder einzeln mit dem [+]- oder [-]–Symbol am Zeilenanfang auf- oder zuklappen.

In den allgemeinen Einstellungen (Hauptmenü › ‚Bearbeiten‘ › ‚Einstellungen‘ › Bereich ‚Timeline‘ › Max. Leertage zwischen Szenen) kann man angeben, ab wievielen Tagen nicht mit Szenen belegte Tage ausgeblendet werden – Standard sind zehn. Solche Zeitklüfte sind durch ins Dunklere gehende Drei-Zeilen-Blöcke gekennzeichnet, in deren mittlerem die Dauer ausgegeben wird. Hier: ›dazwischen: 1 Mo 29 Tage‹ Durch diese Maßnahme entfällt ein lästiges Zoomen. Mit der Schaltfläche (8) kann man diese Tage dazwischen aufklappen, um ein besseres Zeitgefühl zu erhalten.

Die Uhrzeit einer Szene wird in der Spalte ›von – bis‹ dargestellt. Neben der numerischen Zeitangabe wird der Zeitraum weiß hervorgehoben, wodurch man auf einen Blick sieht, zu welcher Tageszeit die Szene handelt. Ganztägige Szenen sind demnach ganz weiß und durch das Symbol < ··· > ausgewiesen.

Hat man während der Geschichte Ereignisse, die einfach stattfinden, aber mit keinem Erzählstrang zu tun haben, kann man über die beiden Schaltflächen (10) Events erfassen (rechter Knopf) bzw. in voller Breite anzeigen lassen (linker Knopf). Ist die Anzeige deaktiviert, wird das Vorhandensein von Events trotzdem optisch in einem schmalen Balken angedeutet (11).

Nun noch zu den Symbolen vor den Szenentiteln (12), den blauen Blöcken, die Szenen repräsentieren. Die ersten Pfeilchen zeigen die horizontale Tiefe an, also z.B. Kapitel, Unterkapitel und so weiter und zwar nicht nach Umbruchsart, sondern nach horizontaler Tiefe, so, wie Sie sie links in der Kapitelübersicht angelegt haben: je tiefer, desto mehr.

Rechts daneben können eventuell drei unterschiedliche Symbole auftauchen: » | «. Damit sind Szenen versehen, die länger als einen Tag dauern und es bedeuten: »: an diesem Tag beginnt die Szene, |: während dieses ganzen Tags dauert die Szene an und «: an diesem Tag endet die Szene.

Wie für Events gibt es auch für Schauplätze eine eigene Spalte, die man mit (13) öffnen kann. Dabei handelt es sich um die Schauplätze, die man den Szenenrequisiten zugeordnet hat.

Mit (14) kann man Szenen von der Aufnahme in die Timeline ausnehmen. Der Zustand Schaltfläche ((nicht) gedrückt) ist also immer auf die gerade aktulle Szene bezogen. Die Szene wiederum ist die Zelle und nicht die ganze Zeile, da ja in einer Zeile, wenn die Uhrzeit dieselbe ist, durchaus mehrere Szenen angesiedelt sein können, siehe 29.11.1962.

Steht ein genügend großer Monitor zur Verfügung, kann man die Timeline in ein separates Fenster abkoppeln (15). Dann kann man den Text und die Timeline gleichzeitig sehen. Doch auch wenn der Platz nicht ausreicht, kann man zugleich Text und Pitch sehen – mit ausgeklapptem Datumspflücker (16). Zu dem kommen wir gleich.

Wenn Sie mit Patchwork neu beginnen oder ein neues Projekt anlegt haben und im Text arbeiten (Reiter ›Text und Zubehör‹), steht anstelle der Felder im hier rot umrahmten Bereich (1) noch einer der folgenden Hinweise:

Timelines nicht aktiviert. Klick › zu Einstellungen. Damit wird mitgeteilt, dass Timelines bei Ihnen generell noch nicht aktiviert wurden. Bitte draufklicken und sich führen lassen.

Keine Timeline vorhanden. Klick › Timeline anlegen. Die Meldung kann gleich nach der Anlage eines neuen Projekts kommen, bzw. wenn zu dem Projekt noch keine Timeline aktiviert wurde. Ebenfalls einfach draufklicken. Dann können Sie auswählen, welchen Kalender Sie möchten und einen groben Zeitrahmen für die Geschichte angeben.

Sind diese beiden Sachen geklärt, dann taucht das hier abgebildete Szenarium auf (links oben).

Screenshot PatchworkUnter Strang (rechts neben (1)) wählen Sie – wenn es bereits mehrere gibt – den passenden Erzählstrang für die gerade aktuelle Szene aus. Jeder Erzählstrang bekommt in der Timeline seine eigene Spalte ((2) im ersten Bild). Über (4) können Sie weitere Stränge hinzufügen. Verwalten (löschen, umbenennen) können Sie Stränge über (5), wodurch Sie in das Fenster (5) gelangen. Dort sind alle Schaltflächen selbsterklärend außer (7): Mit Aktivierung dieser Schaltfläche werden links in der Kapitelübersicht all die Szenen hervorgehoben, die demselben Strang zugehören wie die gerade aktuelle. Dasselbe können Sie auch erreichen, indem Sie auf (3) klicken.

Eine Szene nicht an die Timeline übergeben können Sie über (2), das dann rot wird und zum Datumspflücker (8) gelangen Sie über (6).

Der Datumspflücker (8) ermöglicht eine sehr schnelle Eingabe von Datum und Zeit. Der in ihm zur Verfügung gestellte Zeitrahmen bildet den Zeitraum ab, den Sie in der Timeline definiert haben. Der Inhalt wird natürlich anders aussehen, wenn Sie einen eigenen Kalender erstellt haben.

Die Auswahl von Datum und Zeit geschieht von links nach rechts: In jeder Spalte auf das Zutreffende klicken und der Szene zuweisen, indem Sie in der rechtesten Spalte doppelklicken. Dabei muss diese rechteste aber nicht die Minutenspalte sein, sondern die, die für Ihren Zeitraum zur Szene passt. Der (detaillierte) Rest wird aus den Minimal-Maximal-Werten der kleineren Einheiten automatisch gebildet. Bei dem angezeigten Beispiel bedeutet das bei Doppelklick auf:

  1. 1962: vom 1.1.1962 00:00 bis zum 31.12.1962 23:59
  2. · · › Januar: vom 1.1.1962 00:00 bis zum 31.1.1962 23:59
  3. · · › · · · › 1: vom 1.1.1962 00:00 bis zum 1.1.1962 23:59
  4. · · › · · · › · · · › 0: vom 1.1.1962 00:00 bis zum 1.1.1962 00:59
  5. Klicken Sie hingegen auf einen der Fünf-Minuten-Sprünge in der Spalte ganz rechts, dann erhalten Sie die detaillierteste Eingrenzung. Und zwar dieselbe wie unter 4., hingegen ab der gewählten Minute in Länge des Wertes, der direkt darunter, bereits im grauen Bereich, angegeben ist: also 15 Minuten. Bei Doppelklick auf 55: vom 1.1.1962 00:55 bis zum 1.1.1962 01:10

Über den grauen Winkel rechts unten kommen Sie zu noch ein paar Optionen.

Dort, wo von Haus aus 15″ steht (9), können Sie die üblichste Dauer einer Szene angeben, die dann zum Tragen kommt, wenn Sie auf die Spalte ›Min‹ doppelklicken. Klicken Sie übrigens auf (9), dann können Sie diese Standardzeit ändern (siehe Beispiel 5 oben). Über das Fragezeichen gibt es eine kurze Info.

Das Dreieck (10) ist nur dann aktiv (schwarz), wenn Sie nicht im Reiter ›Text und Zubehör‹, sondern im Reiter ›Timeline‹ stehen. Mit ihm können Sie den Datumsplücker nach rechts ausklappen und sehen dort dann auch Text und Pitch der gerade aktuellen Szene.

Ein Klick auf (11) bewirkt, dass Datum und Uhrzeit der aktuellen Szene hierher in den Datumspflücker übernommen werden. Das ist, wenn dieser Knopf (12) aktiv ist, automatisch der Fall, wenn man in der Kapitelübersicht oder der Timeline die Szene wechselt.

Mit der Schaltfläche (13) werden Datum und Zeit der aktuellen Szene direkt an die von der vorhergehenden Szene angehängt.

Wenn ein Doppelklick auf die Spalte ›Min‹ für die Dauer einer Szene unpassend ist, weil sie kürzer oder länger dauert als der unter (9) angegebene Zeitraum, können Sie über [Dauer] (14) eine individuelle Dauer wählen. In diesem Fall nirgends ein Doppelklick zur Übernahme, sondern den grünen Haken rechts wählen um Datum und Dauer an die Szene zu übergeben.

Sie sehen, dass Sie mit der Timeline ein Werkzeug an die Hand bekommen, das Ihnen einerseits eine optimale Sicht auf die zeitlichen Zusammenhänge Ihres Werks gibt und das zugleich die dafür nötigen Eingaben optimiert.

Im nächsten Tutorial erfahren Sie, wie Sie bei Patchwork die Timeline zum Plotten nutzen können.

Viel Spaß beim Gestalten des Zeitgeschehens Ihrer Werke!

Link zum Video

Martin Danesch


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Schreiben wie Dean Koontz

Ich finde es immer wieder interessant, etwas über die Arbeitsweisen erfolgreicher Schriftsteller zu erfahren. Nicht einmal so sehr, um sich etwas von ihnen abzuschauen, sondern allein um immer wieder zu sehen, wie viele unterschiedliche Wege nach Rom führen.

Die meisten erfolgreichen Schriftsteller fallen wie James Patterson eher in die Kategorie der „Outliner“, die ihre Romane mehr oder weniger akribisch planen, bevor sie mit dem Schreiben der Rohfassung beginnen. Wenn die Rohfassung fertig ist, beginnen sie mit der Überarbeitung, bei der sie üblicherweise direkt auf Szenenebene ansetzen können, da sie die Struktur des Romans schon während der Planungsphase optimiert hatten.

Auf der anderen Seite stehen Autoren wie Stephen King und Lee Child, der Autor der Jack-Reacher-Romane, die beide ausgehend von einer interessanten Ausgangssituation die Handlung des Romans zusammen mit ihren Protagonisten entdecken – die sogenannten „Pantser“ (von „seat of the pants“, also dem Hosenboden, auf den die so arbeitenden Autoren sich setzen und ohne großartige Planung einfach drauf los schreiben). Auch George R.R. Martin („Das Lied von Eis und Feuer“ – besser bekannt als „Game of Thrones“) fällt in diese Kategorie.

Dieser auch als „entdeckendes Schreiben“ bezeichnete Ansatz hat für die meisten Autoren den Nachteil, dass die Rohfassung eines solchen Buchs üblicherweise noch diverse Inkonsistenzen, Logikfehler und jede Menge Wildwuchs (also Handlungsstränge, Charaktere und Ideen, die aufgegriffen, aber dann doch nicht weiter verfolgt wurden) enthält, die später im Rahmen der Revision (meist über mehrere Durchgänge) nach und nach bereinigt und in Form gestutzt werden muss. Was der „Pantser“ bei der Planung an Zeit einspart, muss er meist doppelt und dreifach in die deutlich aufwändigere Überarbeitung investieren.

Gerade wenn man diese beiden recht verbreiteten Ansätze betrachtet, erscheint einem die Arbeitsweise des Bestsellerautors Dean Koontz umso außergewöhnlicher: Wenn Koontz die letzte Seite eines seiner Romane schreibt, ist dieser schon quasi veröffentlichungsreif und erfordert höchstens noch minimale Änderungen.

Nur eine einzige Fassung – sozusagen eine Punktlandung? Auf den ersten Blick erinnert einen das an die Arbeitsweise der klassischen Groschenroman-Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, die nach Wörtern bezahlt wurden und auch dafür bekannt waren, dass sie nur eine einzige Fassung ihrer Romane in die Schreibmaschine hämmerten, die dann auch ohne Änderungen veröffentlicht wurde. Doch der Ansatz ist hier ein komplett anderer.

Bei den Groschenroman-Autoren wurde die Qualität zugunsten der Quantität geopfert. Auch wenn es hierunter einige bis heute unvergessene Klassiker gibt, war der Großteil dieser Werke grottenschlecht geschrieben – flache Charaktere, gemischt mit einem tiefen Griff in die Klischeekiste. Sozusagen das Pendant zu den heutigen Daily-Soap-Episoden im Fernsehen.

Die klassischen Groschenroman-Autoren waren dafür bekannt, dass sie im Jahr runde zwei Millionen Wörter (!) schrieben, also runde 5.500 Wörter pro Tag an sieben Tagen pro Woche – eben Masse statt Klasse.

Wie man sich denken kann, arbeitet ein Bestsellerautor wie Koontz anders. Ähnlich wie Stephen King, Lee Child oder George R.R. Martin geht auch er von einer groben Handlungsidee bzw. einer interessanten Ausgangssituation aus und entdeckt den tatsächlichen Verlauf der Handlung erst während des Schreibens. Allerdings schreibt Koontz nicht zuerst eine komplette Rohfassung, die er dann später überarbeitet, sondern er schreibt und finalisiert Seite für Seite. Im Klartext: Koontz schreibt eine Seite seines Romans, überarbeitet diese, bis er absolut zufrieden damit ist, und fährt dann mit der nächsten Seite fort, ohne die bereits überarbeiteten Seiten noch einmal anzupacken. Der hohe Maßstab „absolut zufrieden“ kann bei einem Perfektionisten wie Dean Koontz durchaus dazu führen, dass er eine Seite 30-40mal überarbeitet.

Dass diese Methode für ihn so gut funktioniert, hat meiner Meinung nach zwei Gründe. Zunächst einmal ist es so, dass Autoren mit jahrzehntelanger Erfahrung wie Koontz, King, Child oder Martin die Struktur einer guten Geschichte bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist. Genau wie wir uns beim Autofahren nicht mehr aufs Schalten konzentrieren müssen, schreiben diese Autoren gut strukturierte Romane, ohne dass ihnen dieser mittlerweile nur noch in ihrem Unterbewusstsein ablaufende Prozess überhaupt bewusst würde.

Der zweite Grund ist, dass Koontz beim Schreiben und Überarbeiten bereits gedanklich voraus plant. Während er die aktuelle Seite überarbeitet, verfeinert und dabei gedanklich auch seine Romanfiguren, ihre Motivationen, Ziele und Gedanken und die HIntergründe besser kennenlernt, schält sich langsam der einzig richtige Handlungsverlauf für ihn aus dem Nebel. Bis er mit der aktuellen Seite absolut zufrieden ist, weiß er schon ganz genau, wie es als Nächstes weiter gehen muss.

Koontz sagt von sich selbst, dass er pro Monat 22-25 Arbeitstage (also ca. 5-6 Tage pro Woche) á 10-11 Stunden ins Schreiben seiner Bücher investiert. Während er an guten Tagen 5-6 Seiten schafft, sind es im Schnitt pro Monat eher runde 75 Seiten. Wenn man das einmal umrechnet, kommt man im Schnitt auf ziemlich genau 200 Minuten (oder 3 1/3 Stunden) pro Seite. Trotz dieses langsamen Tempos schafft Koontz selbst ein umfangreiches Buch wie „From the Corner of His Eye“ (752 Seiten) innerhalb eines Jahres, kürzere Bücher von 300-400 Seiten innerhalb von sechs Monaten.

Der Vorteil der Methode von Dean Koontz ist, dass das Buch wirklich fertig ist, wenn man das magische Wörtchen „ENDE“ unter die letzte Seite schreibt. Keine mehrfachen Revisions-Durchläufe mehr, die sich über etliche Monate hinziehen können, sondern das Buch kann direkt nach dem Schreiben der letzten Seite veröffentlicht werden.

Natürlich kann man als nebenberuflicher Indie-Autor die Methode von Dean Konntz allein schon wegen des damit verbundenen Zeitaufwands niemals 1:1 umsetzen. Keiner von uns hat 60 Stunden pro Woche Zeit zum Schreiben, um am Ende der Woche auf knapp 20 fertig geschriebene und überarbeitete Seiten zurückblicken zu können.

Doch mit ein wenig Phantasie kann man die Methode von Dean Koontz so adaptieren, dass man auch als Normalsterblicher damit ein komplettes Buch pro Jahr schreiben und veröffentlichen kann.

Starten Sie mit einer minimalistischen Planung Ihres Romans: Sie brauchen Ihren Protagonisten, seinen Gegenspieler und den zentralen Konflikt. Sie brauchen die Ausgangssituation und eine grobe Idee, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln könnte und wie das Ende aussehen könnte. Keine detaillierte Gliederung, maximal eine Schreibmaschinenseite. Diese Planung wird sich ohnehin noch verändern, während Sie den Roman schreiben, daher sollten Sie nicht zu viel Arbeit in diese erste, grobe Skizze investieren.

Schreiben Sie täglich eine einzige Normseite, und zwar direkt morgens, noch vor dem Frühstück. Wenn Sie anschließend noch etwas Zeit haben, können Sie schon direkt mit der Überarbeitung Ihrer gerade geschriebenen Seite beginnen.

Anschließend drucken Sie diese Seite mit doppeltem Zeilenabstand und breiten Korrekturrändern aus und nehmen sie tagsüber mit. Nutzen Sie jede sich bietende Gelegenheit (z.B. die Frühstücks- oder Mittagspause im Büro), um sich Notizen für die Überarbeitung und den weiteren Verlauf der Handlung zu machen. Spätestens bis zum Abend müssen Sie genau wissen, was Sie am nächsten Morgen schreiben wollen.

Abends starten Sie noch einmal Ihren Computer und übertragen die Änderungen und Korrekturen in Ihr Manuskript. Sie dürfen abends noch so lange an Ihrer Seite feilen, wie Sie wollen, aber ab dem nächsten Tag ist diese Seite tabu – ein fester Teil Ihres zukünftigen Manuskripts. Genau wie Ton, den Sie nur so lange bearbeiten und umformen können, bis er ausgehärtet ist.

Am nächsten Morgen lesen Sie sich zur Einstimmung nochmal Ihre Seite vom Vortag durch (aber ohne noch etwas daran zu ändern!) und beginnen direkt damit, die nächste Seite zu schreiben.

Wenn Sie dies ein komplettes Jahr lang durchziehen, haben Sie am Ende einen Roman von ca. 360 Seiten (bzw. 90.000 Wörtern), der nicht nur fertig geschrieben, sondern sogar schon fertig überarbeitet ist.

Wenn Sie in derselben Zeit ein längeres Buch schreiben möchten oder umgekehrt schneller fertig werden möchten, können Sie natürlich Ihr tägliches Pensum nach oben anpassen. Wenn Sie genügend Zeit haben, können Sie jeden Morgen auch 500 oder sogar 1.000 Wörter schreiben. Wichtig ist nur, dass Sie tagsüber auch genügend Zeit haben müssen, um diese Manuskriptseiten auch wirklich bis zur Perfektion zu überarbeiten.

Nehmen Sie sich also lieber nicht zu viel vor, sondern starten Sie bescheiden mit 250 Wörtern, also einer runden Taschenbuchseite. Wenn Sie nach ein paar Wochen feststellen, dass Sie dieses Tempo ganz locker durchhalten können, können Sie Ihr Tagespensum langsam steigern. Ich würde allerdings nicht empfehlen, das Tagespensum auf einen Schlag um mehr als 50 Wörter zu erhöhen. Wenn Sie Ihre Messlatte jeden Monat um 50 Wörter anheben, sind Sie nach einem halben Jahr bereits bei 500 Wörtern pro Tag und Sie haben genügend Zeit, sich langsam an das höhere Arbeitspensum zu gewöhnen, während Ihnen die Methode langsam in Fleisch und Blut übergeht.

Wenn Sie sich mehr als Pantser als als Outliner sehen, können Sie diese Methode ja mal für sich ausprobieren. Starten Sie ruhig mit einem kürzeren Text wie einer längeren Kurzgeschichte oder einer Novelle, statt direkt mit einem komplexen Roman. Vielleicht stellen Sie ja fest, dass die Arbeitsweise von Dean Koontz auch für Sie gut geeignet ist.


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