Leseprobe aus
"Die Verschwörer von Styngard"
Kapitel
1: Showdown
Jason Kimble starrte reglos in das Halbdunkel der Garage und zog
gelangweilt an seiner Zigarette. Sein Blick wanderte prüfend
über die angespannten Gesichter der anderen.
"Nervös?", fragte er Joe McLaren, der mit unnatürlich
bleichem Gesicht an einem Pfeiler lehnte und alle paar Sekunden auf die
Uhr sah.
McLaren nickte. Er war noch ziemlich neu im Geschäft,
gehörte erst seit einem halben Jahr zu Gingers Leuten. Er
besaß noch nicht die routinierte Abgebrühtheit von
Leuten wie Andy Short oder ihm.
Es war für sie beide das erste Mal, dass Ginger sie zu einem
solchen Treffen mitnahm. Dennoch war die kribbelnde Anspannung, die
Kimbles Sinne schärfte und seinen durchtrainierten
Körper in eine leistungsfähige Maschine verwandelte
eine andere als die, die McLaren empfand.
Kimble betrachtete den bulligen Andy Short, der durch das staubige,
halbblinde Garagenfenster die nachtdunkle Straße beobachtete.
Short war Gingers rechte Hand. Eine starke Hand mit einer ebenso
schnellen wie zielsicheren Pistole. Er erinnerte Kimble an einen
Bullterrier, der sein Frauchen eifersüchtig bewachte. Nicht,
dass sich Ginger White etwas aus ihrem Partner mit dem groben,
zernarbten Gesicht gemacht hätte - Kimble bezweifelte stark,
dass Ginger überhaupt jemand etwas bedeutete - aber entweder
merkte Short das nicht oder er wollte es nicht wahrhaben, dass Ginger
auch in ihm nicht mehr als nur ein Werkzeug sah.
Es hatte schon oft genug Fälle gegeben, wo Short jemanden, der
sich Ginger gegenüber respektlos benahm oder den Fehler
beging, allzu offensichtliches Interesse an ihr zu zeigen, brutal
zusammengestaucht hatte. Wenn derjenige nicht sogar auf
Nimmerwiedersehen verschwand.
Kimble hatte keine Lust, sich mit dem mordlustigen Muskelpaket
anzulegen, und so beschränkte er sich auf den einen oder
anderen anerkennenden Blick auf Ginger White und ihre knackige Figur.
Sie sah schon gut aus, diese Frau. Selbst heute, unter ihrem
schlabberig weiten Armeemantel, konnte man unschwer ihre
wohlproportionierte Figur erahnen.
Jetzt ging sie zu Short hinüber, starrte über seine
Schulter hinweg in die Dunkelheit. Er lächelte sie erfreut an,
merkte aber schnell, dass sie zu sehr in Gedanken war, um ihn auch nur
zu registrieren.
Draußen in der Nacht schnitt ein Paar Scheinwerfer durch die
Dunkelheit und schleuderte zuckende Schatten an die Garagendecke.
"Sie kommen", flüsterte Ginger heiser. Das dumpfe Brummen des
Motors wurde immer lauter. Dann hielt der Wagen mit leise quietschenden
Bremsen und der Motor erstarb. Türen klappten, dann
näherten sich knirschende Schritte auf dem Kiesweg. Jemand
klopfte. Dreimal lang, zweimal kurz, dann eine heisere, rasselnde
Stimme: "Rosebud."
Trotz aller Anspannung musste Jason Kimble lächeln. Auf so ein
Kennwort konnte wohl nur Ginger mit ihrem Faible für alte
Orson-Welles-Filme kommen.
Das Garagentor hob sich knarrend und gab Stück für
Stück den Blick auf drei Männer frei. Sie waren alle
gleich gekleidet. Schwarze Lackschuhe, in denen sich sogar das schwache
Licht der Straßenlaternen spiegelte, dunkelgraue Stoffhosen
mit messerscharfer Bügelfalte, zugeknöpfte blaue
Jacketts mit goldenen Knöpfen über
blütenweißen Hemden. Hellgraue Krawatten, halb in
die Stirn gezogene Hüte mit weißem
Schweißband und trotz der völligen Dunkelheit
nachtschwarze Sonnenbrillen.
Jason Kimble registrierte sofort die klobigen Ausbeulungen in ihren
Jacketts. Und diese drei hatten sicherlich keinen schlechten Schneider.
Jason sah genauer hin und tippte auf kurzläufige Smith
& Wessons.
Die drei schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein, das erkannte
Jason an den elegant zugeknöpften Jacketts, die ein schnelles
Ziehen der Waffen unmöglich machten. Der vordere, ein
älterer Mann von vielleicht sechzig Jahren, setzte mit der
linken Hand die Brille ab, klappte sie zusammen und ließ sie
in der Brusttasche verschwinden.
Jason Kimble kannte dieses hagere, verwitterte Gesicht mit der ungesund
fahlgelben Haut und den wässrigblauen Augen. Jeder kannte Doc
Desmond, den ungekrönten König der Unterwelt.
Desmond lächelte Ginger zu und entblößte
zwei Reihen so makellos weißer Zähne, dass sie
einfach nicht echt sein konnten. Dann breitete er die Arme aus. "Meine
liebste Ginger", strahlte er. "Wie lang ist es her? Zwei Jahre? Es
kommt mir vor wie eine Ewigkeit."
Andy Short machte ein Gesicht, als habe man ihn gezwungen, auf einen
Igel zu beißen. Man sah ihm an, dass er nichts lieber getan
hätte, als Desmond sein strahlendes Grinsen mit der Faust aus
dem Gesicht zu wischen.
Ginger knöpfte ihren wärmenden Mantel auf und reichte
ihn an den hinter ihr stehenden Paddy Cochran weiter. Darunter trug sie
ein hautenges rotes Samtkleid, das ihre atemberaubende Figur bestens
zur Geltung brachte. "Hallo Doc", begrüßte sie ihn
mit rauchiger Stimme und warf ihre blonden Locken mit einem energischen
Ruck über die Schulter. "Ja, es ist lange her. Aber du hast
dich kaum verändert."
Desmond fasste das offensichtlich als Kompliment auf, denn er
lächelte weiterhin. "Du hast dich auch kaum verändert
- doch, du bist sogar noch schöner geworden."
Ginger lächelte artig, doch sie wurde schnell wieder ernst.
"Kommen wir zum Geschäft, Doc. Ich nehme an, du hast das Geld
dabei?"
Desmond deutete mit dem Daumen über die Schulter auf den
schwarzen Cadillac mit den getönten Scheiben, der im
Halbdunkel der abgelegenen Seitenstraße stand. "Im Wagen."
"Ich würde es ganz gerne mal sehen." Ginger leckte sich
unruhig über die Lippen.
"Selbstverständlich", nickte Desmond und schnippte mit den
Fingern. "Carl?"
Desmonds linker Hintermann drehte sich auf dem knirschenden Kies um und
ging zum Wagen zurück. Die Gier in Gingers Augen war nicht zu
übersehen, als der junge Mann mit einem dicken
Attaché-Lederkoffer zurückkehrte und ihn Desmond
reichte. Der Gangsterboss legte den Koffer auf den Boden,
ließ die beiden Schlösser aufschnappen und hob den
Deckel. "Zufrieden?"
Ginger nickte. Es war auch für sie das erste Mal, dass sie
fünfzig Millionen Dollar in bar sah. "Sehr", gurrte sie.
"Dann möchte ich doch auch gerne mal das Prachtstück
sehen, für das ich so viel Geld ausgeben soll."
Ginger gab Joe McLaren einen Wink. Der junge Mann mit dem schmalen
Studentengesicht ging zu dem grünen Metallcontainer
hinüber, der wie ein dunkler Altar in der Mitte der diffus
beleuchteten Garage stand. Er öffnete ihn und hob die Waffe
vorsichtig aus der Schaumgummipolsterung, in der sie wie ein Kleinod
eingebettet lag.
Desmond nahm sie emotionslos entgegen, betrachtete sie von allen
Seiten, untersuchte Abzugsvorrichtung und Visier und zielte probehalber
auf Jason Kimble. Obwohl Jason genau wusste, dass die Waffe nicht
geladen war, wurde ihm bei dem Gedanken an die schreckliche
Vernichtungskraft der Waffe abwechselnd heiß und kalt, bevor
Desmond sie wieder absenkte.
"Ein schönes Stück", nickte er anerkennend und strich
über das glatte, mattschwarze Kunststoffgehäuse.
"Leicht, handlich, ich muss sagen: sie gefällt mir."
"Dann steht das Geschäft also?"
"Sicher", nickte Doc Desmond langsam. "Sobald ich mich davon
überzeugt habe, dass sie auch in der Wirkung so toll wie
versprochen ist."
Ginger dachte einen Augenblick nach, dann nickte sie, nahm die Waffe an
sich und stellte sich in die Einfahrt der Garage. Joe McLaren reichte
ihr ein Energiepack, das sie klickend im Magazinschacht einrasten
ließ.
Mit dem Daumen entsicherte sie die Waffe, hob sie an die Schulter und
zielte sorgfältig auf eine der Mülltonnen, die
entlang der Mauer des alten Wohnhauses aufgereiht standen. Sie warf
einen kurzen Seitenblick auf Desmond, der ihr fasziniert zusah, dann
senkte sie die Waffe etwas und zog den Stecher durch.
Ein dünner silberner Strahl, fein wie ein Kratzer auf der
massiven Schwärze der Nacht, zuckte auf den Cadillac zu. Die
Konturen des Wagens leuchteten in einem grellen Grün auf, dann
verschwand er, als habe es ihn nie gegeben und nur einen Handvoll
glitzernder Staub senkte sich langsam zu Boden.
"Zufrieden?"
Desmond erwachte aus seiner Erstarrung. Sein ohnehin schon blasses
Gesicht wurde noch um einige Nuancen bleicher. Er nickte wortlos.
Ginger funkelte ihn spöttisch an. "Ich meine, das
dürfte dich davon überzeugt haben, dass wir hier
keine sorgfältig abgekarteten Taschenspielertricks
vorführen, nicht wahr?"
Doc Desmond war nicht zuletzt auch wegen seiner abgebrühten
Kaltschnäuzigkeit berühmt. Er sah Ginger
verblüfft an und als er dann lachte, klang es sogar echt.
"Wirklich gut", schmunzelte er, nahm ein dickes Bündel
Geldscheine aus dem Koffer und zählte beiläufig eine
halbe Million ab. Dann reichte er sie an Carl weiter. "Für den
Wagen."
Jetzt war es Ginger, die ihn mit eingefrorenem Gesicht anstarrte. Doch
bevor sie noch etwas sagen konnte, fiel ihr eine schneidende Stimme ins
Wort. "Schluss mit der Scharade!"
Erbost wirbelte sie herum - und starrte genau in die Mündung
einer .357er Desert Eagle. "Das Spiel ist aus, Ginger",
schüttelte Jason Kimble den Kopf.
Ginger drehte sich um und sah Desmond hasserfüllt an.
"Verräter", fauchte sie.
"Ich versichere dir, ich bin genauso überrascht wie du."
Desmond starrte mit einer hochgezogenen Augenbraue an Ginger vorbei auf
Kimble, der scheinbar völlig entspannt an der Garagenwand
lehnte. Der Lauf der über zwei Kilo schweren Pistole schwankte
keinen Millimeter.
"Du kannst ihm ruhig glauben, Ginger. Ich arbeite nicht für
diese Ratte."
"Was willst du?" Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
"Geld?"
Jason schüttelte nur den Kopf.
"Die Waffe?"
"Unter anderem." Mit seiner freien Hand griff er in seine Jacke und
zückte seine Brieftasche. "Im Namen des Gesetzes verhafte ich
Sie, Ginger White, Sie, Leonard Desmond sowie alle Anwesenden wegen
schweren Diebstahls, Hehlerei sowie unerlaubten Waffenbesitzes. Den
Rest der Anklagepunkte wird man ihnen auf dem Revier mitteilen."
Ginger starrte ungläubig auf die silbern glänzende
Polizeimarke. "Du bist ein Cop, Robards?"
"Lieutenant Jason Kimble, verdeckte Ermittlungen", nickte Jason. "Sie
haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Alles, was Sie sagen, kann
vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen
Anwalt. Sollten Sie sich keinen eigenen Anwalt leisten
können..." Jason lächelte spöttisch.
"...wird ihnen vom Gericht..."
"Du kannst kein Cop sein!" fluchte Ginger wütend. "Ich habe
mit eigenen Augen gesehen, wie du einen Bullen umgelegt hast!"
"Beim Harmon-Überfall?" Jason lachte. "Platzpatronen und jede
Menge Filmblut. Die Sache war von langer Hand vorbereitet, um den
Profikiller Jason Robards möglichst glaubwürdig in
eure Gang einzuführen. Überrascht?"
"Ich habe deine Vergangenheit genau überprüfen
lassen! Es war alles lückenlos: sogar die
Gefängnisunterlagen stimmten!"
"Natürlich. Es gab wirklich mal einen Jason Robards, zu dem
diese Akte gehörte. Er starb vor drei Jahren auf dem
Elektrischen Stuhl. Nachdem wir diesen kleinen
Schönheitsfehler aus der Akte entfernt hatten, brauchten wir
nur noch die Fotos und ein paar andere Details ein wenig anzupassen -
und schon war Jason Robards wieder auferstanden."
"Faszinierend", gab Doc Desmond zu. "Aber wir sind acht Mann. Sie
hingegen sind allein. Eins zu acht. Ein ziemlich schlechtes
Verhältnis, meinen Sie nicht auch?"
Jason schüttelte den Kopf. "In meiner Waffe sind neun Schuss.
Eine für jeden von euch und eine in Reserve." Er
lächelte melancholisch. "Nicht, dass ich mir einbilden
würde, euch alle erledigen zu können, bevor ihr mich
erwischt. Aber drei, vier von euch würde ich sicher noch
mitnehmen. Wer will der erste sein? Sie, Doc?"
Der Hagere hob abwehrend die Hände, als der Lauf der Waffe in
seine Richtung schwenkte. Seine Augenlider flatterten nervös.
"Oder du, Ginger?" Die Waffe schwenkte zurück. Er warf einen
Blick auf ihr von einer Mischung aus Angst und Wut verzerrtes Gesicht
und nickte. "Du also auch nicht. Und ihr wärt die einzigen,
für die es sich lohnt. Keinem der anderen drohen mehr als ein
paar Jahre Knast - nur auf euch beide wartet der Elektrische Stuhl."
Er stieß sich von der Wand ab und gab den anderen einen Wink
mit der Pistole. "Und jetzt stellt euch entlang der Wand auf." Jason
beobachtete mit raubtierhafter Aufmerksamkeit, wie die Gangster seinen
Anweisungen nachkamen. "Hände an die Wand. Dann zwei Schritte
zurücktreten und die Beine breit. Apropos: Ich könnte
noch einen Kronzeugen für die Staatsanwaltschaft gebrauchen.
Wie wär's mit dir, Joe?"
McLaren schluckte. "Straffreiheit?"
"Wenn du keine Kapitalverbrechen auf dem Kerbholz hast, von denen ich
nichts weiß: ja."
"Dann bin ich dabei."
"Okay. Komm rüber zu mir."
Im selben Moment drehte sich Andy Short langsam um. Er schwitzte und in
seinen Augen stand die nackte Angst. "Ich will nicht in den Knast,
Jason! Wir waren doch immer gute Freunde, nicht wahr, Jason? Ich werde
auch aussagen!" Er streckte Jason bittend die Arme entgegen. "Ich werde
dir helfen, alles aufzudecken. Aber ich will nicht in den Knast!"
Jason sah ihn angewidert an. Für einen kurzen Moment
ließ er in seiner Aufmerksamkeit nach. Und so registrierte er
einen Sekundenbruchteil zu spät, wie Short seine Arme
ruckartig streckte. Aus den Ärmeln seines zerknitterten
Trenchcoats leckten zwei Flammenzungen.
Kimble hörte das Krachen der Schüsse erst, als die
enorme Wucht der 12/76er Geschosse ihn gegen die Wand schleuderte.
Trotz seiner kugelsicheren Weste presste ihm die Wucht des Aufpralls
die Luft aus den Lungen und ließ ihn keuchend nach Luft
schnappen.
"Stirb, du verfluchtes Bullenschwein!" brüllte Short. Sein
Gesicht war eine hassverzerrte Grimasse. Mit einer fließenden
Bewegung repetierte er die Läufe der in seinem Mantel
verborgenen abgesägten Maverick Pump-Actions.
Diesmal war Jason schneller. Er riss die Desert Eagle hoch und feuerte,
bevor der Killer erneut abdrücken konnte. Die Kugel traf den
untersetzten Short in die Brust und schleuderte ihn an die Garagenwand,
wo er in einer Blutlache zu Boden rutschte und wie eine zerbrochene
Gliederpuppe liegen blieb.
Er bemerkte eine Bewegung aus dem Augenwinkel und wirbelte herum. Das
letzte, was er sah, war Gingers mordlüsternes Gesicht hinter
dem Lauf des Desintegrators. Dann zuckte ein feiner silberner Strahl
auf ihn zu und schleuderte ihn ins Nichts.
Ginger sah noch einige Sekunden lang den langsam herabsinkenden
Staubpartikeln zu, dann entspannte sich ihr Gesicht und sie
lächelte Joe McLaren an. Es war ein Lächeln, das
nicht ihre strahlend blauen Augen erreichte, das überlegene
Lächeln einer Raubkatze, die ihre Beute gestellt hatte.
"Kronzeuge, hm, Joe? Meinst du nicht auch, dass das eine etwas
voreilige Entscheidung war?" Sie lachte böse.
Joe spürte, wie die Angst lähmend in ihm hochkroch.
Er wusste, dass nichts, was er tun oder sagen könnte, noch
etwas an dem drohenden Entschluss ändern konnte, der in ihren
stahlblauen Augen geschrieben stand.
Doc Desmond legte ihr seine behandschuhte Hand auf die Schulter. "Lass
mich den kleinen Bastard erledigen, Ginger."
Joe wusste, dass er verloren hatte.
Kapitel 2: Eine fremde Welt
Als Jasons Bewusstsein wieder zu erwachen begann, sah er
den Nebel.
Undurchdringlichen, blaugrauen Nebel, der sich in trägen
Wolken um ihn bewegte. Irgendeine Kraft zog ihn voran, immer schneller
durch die Nebelbänke. Nur selten lichtete sich der Dunst und
ließ ihn erkennen, was sich dahinter verbarg und selbst dann
weigerte sich der verbliebene rationelle Teil seines Bewusstseins, das
Gesehene zu akzeptieren.
Er sah düstere, amorphe Gestalten, kriechende Schatten und
drohende Schemen, doch er wurde immer schneller, schneller und
schneller, bis der Nebel und die darin lauernden Schatten zu
konturlosen Streifen verschwammen, bis alles zu einem rasenden
Grauschleier verschmolz.
Er ahnte die Grenze mehr als er sie sah und plötzlich war da
nur noch - Schwärze. Nacht. Dunkelheit.
Jason stöhnte und fasste sich mit der rechten Hand an die
Stirn. "Wo zum Teufel bin ich hier?"
Langsam kamen Fragmente der Erinnerung zurück. Die Garage,
Ginger, der Desintegrator... Der Desintegrator! Jason tastete hektisch
an sich herab. Überall fühlte er nur nackte Haut.
Wo war seine Kleidung? Alles war verschwunden; auch die kugelsichere
Weste, die ihm das Leben gerettet hatte, als Short auf ihn schoss. Aber
die Quetschungen und Prellungen vom Aufprall der Geschosse waren noch
da und machten sich schmerzhaft bemerkbar.
Erst jetzt kam Jason wieder so weit zu sich, dass er seine Umgebung
bewusst wahrnahm. Es war kalt hier und der Untergrund, auf dem er lag,
war hart und scharfkantig. Außerdem roch es muffig und
stickig. Das Wort modrig drängte sich in Jasons Bewusstsein.
Er versuchte, sich aufzurichten und stieß gegen Stein. Er
versuchte, die Arme nach den Seiten auszustrecken, und wieder war da
Stein, rauer, grob behauener Stein.
Mein Gott, dachte Jason entsetzt, man hat mich begraben. Nein nicht
begraben, das hier war kein Sarg und er trug auch kein Totenhemd. Sie
hatten ihn vergraben, alle Spuren beseitigt, ihn irgendwo im Keller
eines alten Hauses verscharrt und eingemauert.
Jason spürte die aufkeimende Panik und zwang sich, tief und
ruhig durchzuatmen. Tief und ruhig. Er schloss die Augen, wartete, bis
sein rasender Herzschlag sich etwas beruhigt hatte und schlug die Augen
wieder auf. Und dann sah er das Licht.
Es war nicht mehr als ein schmaler Streifen goldenen Lichts, der durch
einen Spalt in sein Gefängnis fiel und mit den umhertanzenden
Staubkörnern spielte. Aber für Jason war dieses Licht
heller und wärmender als tausend Sonnen.
Fieberhaft tastete er die Decke über sich ab, bis er den
schmalen Ritz fand. Er atmete tief durch, spannte seine Muskeln an und
drückte mit aller Kraft gegen die Steinplatte. Sie
rührte sich kaum, aber als er keuchend auf dem kantigen
Untergrund lag, hatte er das Gefühl, dass der Lichtstrahl
etwas breiter geworden war.
Er wartete mit halbgeschlossenen Augen, bis er sich erholt hatte, dann
startete er einen erneuten Versuch. Millimeter um Millimeter gab die
Platte nach. Die Pausen zwischen den einzelnen Versuchen wurden immer
länger, aber schließlich war der Spalt breit genug,
dass er ein Auge daran legen und einen Blick auf seine nähere
Umgebung werfen konnte.
Er befand sich in einer Felsenhöhle. Hoch über ihm
wuchsen milchig weiße Stalaktiten von der Decke herab. Am
Rand seines Blickfelds konnte Jason den bizarr geformten, verwitterten
Höhleneingang erkennen und erhaschte einen kurzen Blick auf
schneebedeckte Gipfel, die halb hinter wattigen Wolkenschichten
verborgen lagen.
Wo war er hier? Vergeblich zermarterte sich Jason den Kopf, versuchte,
wenigstens ungefähr herauszufinden, wohin man ihn verschleppt
hatte. Vergeblich.
Es dauerte noch bis zum frühen Abend, bis Jason mit einer
letzten Kraftanstrengung die Steinplatte über den Rand
wuchtete, wo sie mit einem dumpfen Knirschen aufschlug.
Dann stand er zitternd auf, zitternd nicht nur wegen des
kühlen Windes, der um seinen fröstelnden
Körper spielte, sondern auch, weil er endlich sah, wo er sich
befand. Mit einem Schlag fiel das Gebäude seiner
sorgfältig genährten Hoffnungen wie ein Kartenhaus in
sich zusammen.
Er war nicht nur nicht mehr in Detroit, dies hier war nicht einmal
Amerika. Und Jason hatte ernste Zweifel, dass er sich noch auf der Erde
befand.
Die schneebedeckten Gipfel, die drohend und massiv vor dem
Höhleneingang aufragten, waren zerklüftet und kahl
und die wilden, fremdartigen Schreie der Vögel, die hoch
über ihm ihre Kreise zogen, erinnerten ihn an keine Vogelart,
die er jemals gehört hatte.
Sein nackter Fuß stand auf etwas Hartem, Kantigem, das unter
dem Druck ächzte und knirschte. Jason sah an sich herab - und
erstarrte. Er stand auf einer Rüstung, einer silbernen
Rüstung mit filigranen goldenen Ornamenten. Zwischen den
engmaschigen Gliedern des Kettenhemds sah er undeutlich die grauen
Rippen desjenigen durchschimmern, den man hier in seiner
Rüstung begraben hatte.
Zwischen den über der Brust gefalteten Händen des
Skeletts lag eine gewaltige Streitaxt mit zwei scharfen,
halbmondförmigen Klingen und einem Griff aus massivem Stahl,
der jedoch wundersamerweise trotz der Jahrzehnte, nein, eher
Jahrhunderte, die die Waffe hier in der Berggruft gelegen haben musste,
nicht einen einzigen Rostfleck aufwies.
Jahrhunderte, in denen kein menschliches Wesen die Ruhe des Toten
gestört hatte, dachte Jason erschaudernd. Angesichts der ganz
offensichtlich äußerst wertvollen Waffe und
Rüstung fielen ihm nur drei plausible Erklärungen
dafür ein.
Erstens: Kein Mensch wusste, dass sich solche Schätze in der
Gruft befanden.
Zweitens: Die Leute hatten eine geradezu abergläubische Furcht
vor diesem Ort.
Drittens: Es gab hier weit und breit keine anderen Menschen. Diese
Möglichkeit war ebenso erschreckend wie wahrscheinlich. Dieses
Gebirge wirkte dermaßen unwirtlich und karg, dass sich Jason
nicht vorstellen konnte, dass jemand freiwillig hier leben
würde.
Jason bückte sich und nahm die Axt genauer in Augenschein. Die
kunstvoll geschmiedeten Klingen fielen ihm als Erstes ins Auge: Genau
wie die Rüstung waren sie mit fein ziselierten goldenen
Ornamenten eingelegt, die sich in feinen Ranken und fremdartigen
Symbolen bis zum Stiel zogen.
Nachdenklich wischte er den Staub von der Waffe, und jetzt erst fiel
ihm der in den Schaft eingravierte Schriftzug auf, der sich wie eine
silberne Schlange von den Klingen bis zum verzierten Knauf wand.
Aber da war noch etwas an dieser Waffe, etwas, das man mit den Augen
nicht erkennen konnte, das spürte Jason im gleichen Moment,
als er sie berührte. Ein plötzlicher Lufthauch
ließ ihn frösteln. Er sah nach draußen, wo
sich dunkle Gewitterwolken am Horizont ballten. Es würde ein
Unwetter geben, vielleicht nicht sofort, aber bestimmt innerhalb der
nächsten Stunden.
Hier konnte er nicht bleiben, oder er würde die kommende Nacht
nicht überleben. Schon jetzt war es empfindlich kalt und die
Temperatur fiel ständig. Bis zum Einbruch der Nacht
würden hier Temperaturen unter dem Gefrierpunkt herrschen.
Er brauchte Kleidung, einen Unterschlupf und ein Feuer, an dem er sich
wärmen konnte. Er sah sich suchend in der Höhle um,
aber bis auf den schweren Sarkophag mit den vom Wind und Wetter glatt
geschliffenen Außenwänden war die Höhle
leer. Jason fühlte über den kühlen Stein des
Deckels. Irgendwann einmal mochten Bilder oder Inschriften darauf
gewesen sein, aber das raue Wetter hatte sie schon längst bis
zur Unkenntlichkeit verschliffen.
Wo war er hier? Die Frage drängte sich mit geradezu
schmerzhafter Intensität wieder in Jasons Gedanken. Er musste
tot sein. Er hatte gesehen, was mit Desmonds Cadillac passiert war.
Aber das beantwortete seine Frage auch nicht. War das hier etwa der
Himmel? Oder die Hölle? Oder ... Walhalla?
Jason war nie ein besonders religiöser Mensch gewesen. Er
hatte sich stets als Agnostiker betrachtet, hatte seinen Weg und seine
eigene Auffassung gefunden, aber was er hier erlebte, stellte alles was
er als wahr und unabänderlich betrachtet hatte, in Frage und
warf ihn somit nicht nur körperlich, sondern auch
geistig verlassen in eine fremde Welt, die er sich nicht
erklären konnte.
Aber Jasons Lebenswille ließ sich nicht so schnell
unterkriegen. Je mehr ihn diese rätselhafte, fremde Welt, in
der er da gelandet war, vor Rätsel stellte, desto
entschlossener war er, herauszufinden, was mit ihm passiert war.
Er musste überleben, und wenn es nur war, um herauszufinden,
wo er hier war und wie er hier hergekommen war.
Entschlossen drehte er sich zum Sarkophag um und hob den mumifizierten
Leichnam heraus. Er brauchte die Rüstung, denn auch wenn sie
nur wenig Schutz gegen die aufziehende Kälte bot - ohne sie
würde er sterben.
Mit klammen Fingern nestelte er an den Schnallen und
Verschlüssen herum, bis er die Rüstung
öffnen und den Toten herausheben konnte. Er musste einmal ein
großer, kräftiger Mann gewesen sein, vielleicht
ungefähr von Kimbles Statur, aber jetzt war sein
ausgetrockneter, mumifizierter Körper so leicht, als ob er aus
Pergament und Balsaholz bestünde.
Woran der Mann auch gestorben sein mochte, es war mit Sicherheit kein
leichter und schneller Tod gewesen. Denn obwohl Jason keine sichtbaren
Verletzungen erkennen konnte, war das kantige Gesicht des Toten eine
schmerzverzerrte Grimasse: weit aufgerissene Augen, schief
zusammengebissene Zähne. Jason fragte sich, wer dieser Mann
gewesen sein mochte. Ein Krieger, vermutlich ein Adliger, nach seiner
aufwändigen Bewaffnung zu schließen. Nun, jetzt war
er jedenfalls schon lange tot, aber seine Rüstung
würde ihm heute helfen, zu überleben.
Kimble legte die Rüstung an, zurrte die Gurte fest und setzte
den Helm auf. Alles passte wie angegossen. Er schulterte die Axt und
wollte schon die Höhle verlassen, als sein Blick noch einmal
auf den Leichnam des unbekannten Kriegers fiel. Wer immer dieser Mann
gewesen sein mochte, er sollte nicht aus seiner letzten
Ruhestätte herausgerissen werden.
Jason lehnte die Waffe wieder an die Felswand, hob den Leichnam auf und
bettete ihn wieder in seinen Sarg. Schließlich wuchtete er
noch die Steinplatte an ihren alten Platz und verschloss so das Grab
wieder, bevor er die Streitaxt nahm und hinaus ins Freie trat.
Als er auf dem schmalen Felsvorsprung vor der Höhle stand, bot
sich ihm ein beeindruckendes Panorama: Die zerklüfteten grauen
Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln schienen im Licht der langsam
hinter dem Horizont versinkenden Abendsonne rötlich zu
glühen und der mit grauen Gewitterwolken
übersäte Himmel erstrahlte in roten und violetten
Tönen.
Es war ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch. Ein paar Minuten
stand Jason einfach da, saugte die kalte, klare Luft in seine Lungen
und ließ die ursprüngliche Wildheit dieser
Landschaft auf sich einwirken. Sei es durch die Erleichterung, dem Tod
gerade noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein oder durch den
Anblick dieser fremden, unbekannten Welt - Jason fühlte sich
so lebendig und frei wie schon lange nicht mehr.
Dann sah er den steilen Hang hinab, versuchte einen begehbaren Weg
zwischen den wie von einer Riesenhand verstreuten Felsen und den
wenigen struppig dornigen Gewächsen zu finden, die sich
verzweifelt an den nackten Felsen klammerten. Die Sicht wurde schon
langsam schlechter, weiter unten erkannte Jason nur noch konturlose
Schatten.
Kurzentschlossen machte er sich an den Abstieg. Halb kletterte, halb
rutschte er den geröllbedeckten Hang hinab. Es ging unerwartet
gut und die Rüstung behinderte ihn weit weniger, als er
befürchtet hatte. Im Gegenteil schützte sie ihn vor
den sonst unvermeidlichen Schrammen und Kratzern.
Jason war vielleicht zehn Minuten unterwegs, als er ein
Geräusch zu hören glaubte. Er blieb stehen und
lauschte. Nichts. Das einzige, was er hörte, war das Pfeifen
des Windes, der sich in seinem Helm fing.
Er war schon bereit, das Ganze als eine Täuschung anzusehen,
als er das Geräusch wieder hörte. Diesmal war es
näher. Ein Kratzen, wie von Krallen auf Stein. Und diesmal war
Jason sicher, dass er sich nicht verhört hatte. Trotzdem
hätte er nicht sagen können, aus welcher Richtung der
Laut gekommen war.
Eine Vielzahl unangenehmer Vorstellungen schoss ihm durch den Kopf. Er
war in einer fremden Welt, einer Welt, die nicht viel mit seiner Welt
gemeinsam hatte. Also rechnete er vorsichtshalber mit dem Schlimmsten:
Vor seinem geistigen Auge sah er ein unbeschreibliches Monstrum, das
unvorsichtige Wanderer in der Dunkelheit beschlich und sie dann grausam
abschlachtete.
Einen Augenblick lang überlegte er, ob er den Helm abnehmen
sollte, um besser hören zu können, verwarf den
Gedanken dann aber sofort wieder. Wenn irgendwo da draußen
wirklich ein angriffslustiges Tier oder so etwas lauerte, war es
besser, sich keine Blöße zu geben.
Er packte die Streitaxt mit beiden Händen und drehte sich
abrupt um. Er glaubte, einen dunklen, entfernt
menschenähnlichen Schatten gesehen zu haben, der sofort
behände davon glitt und mit den umgebenden Schatten verschmolz.
Jason spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Wer zum
Teufel war das - oder eher: Was war das? Die Bewegungen des Wesens
wirkten zu geschmeidig für einen Menschen. Weit entfernt
zuckte ein greller Blitz vom Himmel und tauchte die Landschaft in ein
unheimliches weißes Licht.
Diesmal sah Jason die Gestalt genauer: Sie stand keine zehn Meter von
ihm entfernt im Schatten eines Felsens; groß,
größer als ein Mensch, vielleicht zweieinhalb Meter.
Zottiges Fell, das im aufziehenden Sturmwind flatterte, eine
affenähnliche Schnauze mit langen
Reißzähnen und zusammengekniffenen Augen, in denen
sich das Zucken des Blitzes widerspiegelte. Der Kehle des Monstrums
entrang sich ein drohendes Knurren, das sich mit dem dumpfen Grollen
des nahenden Donners vermischte.
"Oh mein Gott", stammelte Jason entsetzt und verkrampfte seine
Hände so fest um den Griff der Axt, dass seine
Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Jetzt
begann der Regen herabzuprasseln, ein wahrer Wolkenbruch, der ihm
endgültig jede Chance nahm, seinen Gegner zu hören.
Jason fühlte die Regentropfen auf die Rüstung
prasseln, spürte, wie sie ihm eiskalt über Brust und
Rücken herabliefen, und während ihm ein eisiger
Schauer über den Rücken lief, wuchs auch die innere
Kälte in ihm. Die Erregung blieb, aber jetzt war es nur noch
die normale Nervenanspannung vor einem Kampf; die
selbstzerstörerische Furcht jedoch war verschwunden.
Ein weiterer Blitz flammte auf und beleuchtete das gespenstische
Szenario. Die Bestie stand nicht mehr am selben Platz. Jason wirbelte
herum, bis er sie sah. Sie war näher gekommen, war keine
fünf Meter mehr entfernt und umkreiste ihn lauernd, als wolle
sie seine Stärken und Schwächen ausloten.
Dann stieß die Kreatur ein unmelodisches Heulen aus, das
Jason eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Er spürte instinktiv, dass das Wesen auf Verstärkung
wartete. Seine einzige Chance lag darin, dieses eine Wesen zu
töten und zu fliehen, bevor die anderen hier auftauchten.
Schon dieses eine Monster war ihm körperlich weit
überlegen, und seine Chancen gegen ein ganzes Rudel dieser
Bestien würden geringer sein als die eines Schneeballs in der
Hölle.
Er versuchte einen Ausfall nach der Seite, aber die Kreatur erkannte
seine Absicht sofort. Mit einem raubtierhaften Satz versperrte sie
Jason den Weg und knurrte ihn mit drohend gefletschten Zähnen
an.
Gut, dachte Jason und lächelte mit grimmiger Entschlossenheit,
du bist also schneller als ich. Also auf die harte Tour... Er drehte
sich auf der Stelle um und hetzte mit großen
Sprüngen in die Dunkelheit. Die Bestie brüllte auf.
Jason wusste, dass sie hinter ihm war - und näher kam. Jetzt!
Er sank in einer Hundertachtzig-Grad-Drehung in die Knie und
ließ die Klinge der Axt wie ein blitzendes Pendel im
Halbkreis schwingen. Auf halbem Weg traf sie den haarigen
Körper im Sprung und glitt fast ohne Widerstand hindurch.
Jason dachte schon, er hätte das Monstrum verfehlt oder
höchstens gestreift und warf sich mit einem verzweifelten
Sprung zur Seite. Doch noch während er sich über die
Schulter abrollte hörte er, wie das Wutgebrüll der
Bestie in ein jaulendes Winseln überging und dann abrupt
verstummte. Er kam stolpernd auf die Beine und hielt die Axt
schützend vor sich. Im Licht eines jäh aufflammenden
Blitzes sah er, wie der strömende Regen dünne
Blutfäden von der glänzenden Klinge spülte.
An der Stelle, wo er eben noch gekniet hatte, lag der reglose
Körper der Bestie, die wulstigen Lippen noch im Tod zu einer
blutgierigen Grimasse verzerrt. Jason ging auf ihn zu und trat ihm in
die Rippen. Es knirschte dumpf, aber die Bestie rührte sich
nicht mehr. Tot, dachte Jason erleichtert, der trotz der
großen Blutlache keine Wunden sehen konnte. Zögernd
bückte er sich und wälzte den Kadaver auf den
Rücken. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, wurde ihm beinahe
schlecht. Die Klinge hatte die Bestie von einer Seite zur anderen
aufgeschlitzt, ein Schnitt durch Fell, Muskeln und Eingeweide, der die
blanke Wirbelsäule freilegte. Der Kadaver war fast in der
Mitte durchtrennt.
Jason warf einen ungläubigen Blick auf die Axt. Er hatte nur
einen winzigen Ruck gespürt! Diese Klinge musste
schärfer sein als alles, was er jemals gesehen hatte...
Kapitel 3: Urban
Jason tastete sich frierend an den scharfkantigen Felsen
entlang. Er
wusste zwar die ungefähre Richtung, die er einschlagen musste,
aber jedes Mal, wenn ein Blitz die Landschaft erleuchtete, merkte er,
dass er wieder ein paar Meter vom Weg abgekommen war.
Auf einmal, als er um einen Felsvorsprung bog, sah er ein
rötlich schimmerndes Licht in ein paar hundert Metern
Entfernung. Im ersten Moment dachte er, einer der Blitze habe das
dünne Gesträuch am Hang entzündet, aber dann
erkannte er, was es war: ein Fenster. Ein Fenster in dieser
gottverdammten Einöde!
Er hastete voran, stolperte und rollte die nächsten paar Meter
den Hang hinunter, bis ein zwischen den Felsen verkeilter Dornenstrauch
seinen Sturz aufhielt. Vorsichtiger geworden näherte er sich
der Hütte, deren Lichtschein ihn anzog wie die Kerze eine
Motte. Er brauchte fast eine Viertelstunde, bis er sie endlich erreicht
hatte.
Die windschiefe Hütte kauerte sich wie ein schutzsuchendes
Tier zwischen die schützenden Felsen. Jason umrundete sie
einmal und entdeckte dabei ein kleines Beet und ein grob gezimmertes
Gatter, in dem ein paar Ziegen hektisch hin und her liefen.
Nachdem er wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen war, ohne etwas
Verdächtigtes entdeckt zu haben, schlich er sich an das hell
erleuchtete Fenster und starrte fröstelnd hinein.
Vor einem prasselnden, knackenden Kaminfeuer hockte ein grauhaariger
Mann in einer weißen Felljoppe auf einem mit Ziegenfell
bespannten Holzklotz und wärmte sich die ausgestreckten
Hände an den Flammen.
Der Mann sah zwar kräftig, aber nicht unbedingt
gefährlich aus, und so ging Jason an die Tür und
klopfte. Von innen hörte er ein scharrendes Geräusch,
dann langsame Schritte, dann öffnete sich quietschend die
Tür und Jason stand dem Besitzer der Hütte Auge in
Auge gegenüber. Nachdem er ihn bisher nur von hinten gesehen
hatte, sah er nun zum ersten Mal sein Gesicht: ein hartes, kantiges
Gesicht mit breitflächigen Zügen, buschigen
Augenbrauen und grauen Augen, die so kalt wie Eiskristalle blickten.
Der Mann musterte ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Erstaunen,
öffnete die Tür ganz und winkte ihn mit einer
übertrieben wirkenden Verbeugung herein. Jason trat in die
anheimelnde Wärme der Stube und sah sich ungeniert um.
An den Wänden hingen Regale mit Lebensmittelvorräten
und Werkzeugen, in der Ecke neben dem Kamin stand eine Pritsche mit
einer Felldecke und einem ausgestopften Sack, der als Kissen diente.
"Nehmt doch Platz, edler Herr", brach der Alte zum ersten Mal das
Schweigen und Jason war sich sicher, so etwas wie Spott aus seiner
Stimme herausgehört zu haben.
Erschöpft wie er war kam er der Aufforderung widerspruchslos
nach und ließ sich auf die Pritsche sinken. Erst als er schon
saß, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Der Mann hatte
ihn auf Englisch angesprochen, zwar mit einem sehr fremdartigen Akzent,
aber es war einwandfrei Englisch. "Sie sprechen meine Sprache?" fragte
er erstaunt.
"Ihre Sprache?" Die Überraschung in der Stimme des Alten
wirkte echt. "Wie meint Ihr das?"
Jason winkte müde ab. "Vergessen Sie es. Ich komme von ...
weit her und wunderte mich nur, dass Sie hier dieselbe Sprache wie in
meiner Heimat sprechen."
"Ihre Heimat?" fragte der Alte lauernd. "Wo ist das?"
Jason deutete mit dem Finger den Berg hinauf. "Viele Tagesreisen in
diese Richtung."
Der Alte sah die nackte Haut, die an manchen Stellen unter der
Rüstung hervorschimmerte. "Ihr müsst sehr eilig
aufgebrochen sein", grinste er anzüglich, wühlte kurz
in einem Sack, der in der Ecke stand und zog ein paar wollene
Kleidungsstücke hervor. "Nehmt dies, Ihr werdet Euch sonst
noch den Tod holen. Habt Ihr Hunger?"
Jason nickte. Während er die Rüstung ablegte und in
die zwar schlichten, aber sauberen Kleidungsstücke
schlüpfte, schob der Mann einen Rost über das Feuer,
holte zwei große Stücke Fleisch von den Haken an der
Decke und warf sie auf den Rost. Es zischte und brutzelte und innerhalb
von Sekunden stieg Jason ein appetitlicher Duft in die Nase.
Der Alte nahm zwei tönerne Becher aus dem Regal und
füllte sie mit Milch aus einem irdenen Krug. Eine Zeitlang
saßen sie schweigend da und starrten in die Flammen.
"Wollt Ihr mir nicht die Wahrheit erzählen?" fragte der Alte
sanft.
Jason sah ihn an. "Die Wahrheit?"
Der Alte nickte. "Ihr taucht hier mitten in der Nacht auf, das einzige,
was Ihr tragt, ist die seit Jahrhunderten verschollene Rüstung
von Khazar und dann habt Ihr auch noch den Todbringer. Und zu allem
Überfluss versucht Ihr mir auch noch diese
haarsträubende Geschichte aufzutischen, Ihr kämt von
jenseits des Gebirges. Aber dort ist nur der Ozean." Er
lächelte. "Ich muss zugeben, ich bin auf Ihre Geschichte
gespannt - auf die wahre Geschichte."
"Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht mit einem Schiff gekommen bin?"
"Weil die ganze Küste nur aus Riffen und Klippen besteht.
Selbst die erfahrensten Seeleute wagen sich nicht näher als
eine Meile an die Küste. Und Ihr wollt da gelandet sein?"
Jason schüttelte den Kopf. "Natürlich haben Sie
Recht. Die ganze Geschichte war reine Erfindung; etwas Besseres fiel
mir auf die Schnelle nicht ein. Aber ich glaube kaum, dass Sie mir die
Wahrheit glauben werden. Sie ist noch wesentlich phantastischer als
jede erfundene Geschichte."
"Probiert es doch einfach aus", schlug der Mann vor und sah ihn
erwartungsvoll an.
"Würden Sie mir glauben, dass ich aus einer anderen Welt
komme?" grinste Jason schief.
Der Alte zuckte die Achseln. "Warum nicht? Es gibt viele Mythen, die
von anderen Welten neben unserer berichten."
"In meiner Welt bin ich gestorben", fing Jason düster an. "Ich
hatte das Gefühl, durch eine Art Nebel zu schweben und als ich
erwachte, war ich in einer Höhle dort oben im Gebirge. Dort
fand ich auch die Rüstung und die Axt." Er sah den Alten an.
"Das ist die Wahrheit."
"Wie seid Ihr in Eurer Welt gestorben?"
"Eine Frau hat mich mit einer Strahlenwaffe getötet."
"Strahlen?" Die Stirn des Alten legte sich in nachdenkliche Falten.
"Eine magische Waffe?"
Jason wollte schon grinsend den Kopf schütteln, aber dann kam
ihm ein gewagter Gedanke. Was wusste er schon über Magie? Als
'zivilisierter' Mensch lachte man über so etwas, aber in
seiner jetzigen Lage hielt er nichts mehr für
unmöglich. Also nickte er nur und sagte "Vielleicht."
"Das erklärt manches. Was hattet Ihr bei Euch, als Ihr ...
ankamt?"
"Nichts. Meine Kleidung, meine Waffe - alles war einfach verschwunden."
Der Alte nickte zufrieden. Offensichtlich ergab das alles für
ihn einen Sinn. "Es war Magie", stellte er fest. "Es gibt Formen der
Magie, die nur auf unbelebte Materie wirken, andere, die nur lebendige
Wesen beeinflussen. Diese Art von Magie hat Euch hierher gebracht."
Jason wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Technologie und Magie -
vielleicht griffen beide auf dieselben geheimnisvollen
Naturkräfte zurück, von deren wahrem
Verständnis die Menschheit immer noch weit entfernt war. Und
vielleicht hatte der Alte wirklich Recht. Noch immer erschien diese
Möglichkeit Jason so phantastisch, dass er es nicht glauben
wollte; aber - was sollte er sonst glauben?
"Sie erwähnten die Rüstung und etwas, das Sie den
Todbringer nannten", erinnerte er den Alten.
"Diese Rüstung ist die legendäre Rüstung von
Khazar, und die Streitaxt ist der Todbringer", murmelte der Alte,
während er in längst vergessen geglaubten
Erinnerungen wühlte. "Die Überlieferungen sagen, dass
beide einst Theron von Khazar gehörten. Er war ein
mächtiger Krieger und ein Adept der Weißen Magie. Er
lebte vor mehr als fünfhundert Jahren, als das Alte Reich noch
existierte. Er kam aus dem Inselreich des Westens, das inzwischen schon
lange unter den Fluten des Ozeans begraben liegt, und stand
König Elric im Kampf gegen Dagonrath und seine Dunklen
Legionen bei."
"Und haben sie gewonnen?" fragte Jason gespannt.
Der Alte schüttelte den Kopf. "Dagonrath lockte Theron in eine
Falle. Er und zwölf seiner Schwarzen Adepten lauerten ihm und
seinem Gefolge in den Nebelbergen auf und töteten ihn." Er sah
Jason mit einem seltsamen Blick an, den dieser nicht zu deuten wusste.
"Therons Anhänger bestatteten ihn im Geheimen mit seinen
Waffen. Niemand wusste wo - bis heute."
"Und Dagonrath?"
"Dagonrath und seine höllischen Schergen herrschen bis heute
über ganz Veanon."
"Dann müsste dieser Dagonrath ja über
fünfhundert Jahre alt sein", staunte Jason ungläubig.
"Fünfhundert?" Der Alte prustete verächtlich.
"Dagonrath ist mehr als tausend Jahre alt. Er ist unsterblich. Man
behauptet, dass er seine Lebensenergie aus Menschenopfern bezieht."
Jason schauderte. Magier, Monster und Menschenopfer - in was
für eine Welt war er da nur geraten! "Erzählen Sie
mir mehr über Ihr Land Veanon", forderte er den Alten auf.
"Veanon?" lachte der Alte. "Nein, dies hier ist nicht Veanon, sondern
Styngard. Veanon liegt im Süden."
"Und dort herrscht dieser Dagonrath?"
Der Alte nickte. "In letzter Zeit wagen er und seine Horden immer
häufiger Übergriffe auf unser Grenzgebiet. Er wird
immer stärker." Er spießte schweigend das Fleisch
mit einer zweizinkigen Gabel auf und wendete es.
"Wie ist Eure Welt? Erzählt mir davon", wandte er sich an
Jason.
"Tja, wo soll ich da anfangen", zuckte Jason die Schultern. "Sie ist
völlig anders als Eure Welt, soweit ich das beurteilen
kann..." Er erzählte dem interessiert zuhörenden
Alten von Staaten und Regierungen, Autos, Atomwaffen, Fabriken,
Büros und den riesigen Städten mit ihren krassen
Gegensätzen zwischen Armut und Reichtum und dem sich stetig
ausbreitenden Geschwür des Verbrechens. Er berichtete von den
mächtigen Syndikaten, die Polizisten und Politiker kauften,
und von dem fast aussichtslosen Kampf der Polizei gegen die Verbrecher.
Von Kommunisten und Kapitalisten, von Fastfood und Stress, von der
Wegwerfgesellschaft, ihrem Müll und der Zerstörung
der Umwelt. Von Mondflügen und Genmanipulationen, Telefonen
und Computern.
Er hielt nur gelegentlich kurz inne, um einen Bissen Fleisch zu essen
und ihn mit einem Schluck Milch herunterzuspülen. Danach
erzählte er weiter. Und er fand in dem Alten einen
interessierten Zuhörer, der das Gespräch mit
eingestreuten Zwischenfragen auf die Gebiete zu bringen verstand, die
ihn besonders zu interessieren schienen.
"Ihr lebt in einer seltsamen Welt", schüttelte der Alte
schließlich den Kopf. "Und ich möchte nicht dort
leben, das versichere ich Euch." Er nahm einen Schürhaken und
stocherte damit in den glühenden Holzscheiten herum. "Unsere
Welt ist wirklich anders. Bei uns kann jeder Mann sein Schicksal selbst
bestimmen, ohne von Regierungen behelligt zu werden. Es ist eine Welt
der Starken."
"Wie meinen Sie das?"
"Eure Welt ist eine Welt für Schwächlinge. Sie werden
geschützt und behütet, die Starken hingegen werden
klein gehalten, bis auch sie schwach sind. Wer sich gegen dieses System
wehrt, wird von euch als Verbrecher gejagt", sagte der Alte bitter.
"Aber eine Gesellschaft braucht feste Regeln, um zu existieren. Und sie
muss auf die Einhaltung dieser Regeln achten, wenn sie nicht untergehen
will", wandte Jason ein.
"Trotzdem dürfen diese Regeln den Einzelnen nicht einengen.
Die Grundlagen des Zusammenlebens bilden sich in jeder kleinen Gruppe
heraus. Wer sich dieser Gruppe anschließen will, muss ihre
Regeln befolgen. Wer andere Regeln will, muss eine eigene Gruppe
gründen. Aber er wird nur dann Anhänger finden, wenn
seine Gesetze gerecht sind", argumentierte der Alte. "Und so leben wir
hier in Styngard. Wir haben einen König, aber seiner Macht
ordnen sich die Fürsten nur dann unter, wenn dem Land Gefahr
droht. Ansonsten lebt jede kleine Gesellschaft nach ihren eigenen
Gesetzen. Und wir leben sehr gut so."
Jason schwieg. Er kannte die Verhältnisse dieses Landes nicht
gut genug, um dazu Stellung zu beziehen. Und so zuckte er nur die
Schultern und sagte: "Wir kommen wirklich aus sehr verschiedenen
Welten. Was für den einen eine
unumstößliche Wahrheit darstellt, ist für
den anderen unvorstellbar."
"Ein wahres Wort", lachte der Alte und schlug ihm freundschaftlich auf
die Schulter. "Nun seid Ihr jedenfalls hier und es sieht nicht so aus,
als ob Ihr in nächster Zeit in Eure Welt zurückkehren
könntet. Sehnt Ihr euch dorthin zurück?"
Die Frage wirkte wie beiläufig eingestreut, aber Jason
bemerkte den forschenden Blick des Alten. Er zögerte einige
Sekunden mit seiner Antwort, und der Schluss, zu dem er kam,
überraschte ihn selbst. "Nein", schüttelte er
nachdenklich den Kopf, "eigentlich nicht. Normalerweise sollte ich das,
nicht wahr? Ich wundere mich selbst, aber..."
Er lehnte sich zurück, um die Gedanken zu sortieren, die wie
aufgescheuchte Hornissen durch seinen Kopf schossen.
"Eigentlich gibt es nicht viel, was mich dort hält", sagte er
schließlich. "Ich habe weder Frau noch Kinder, die mich
vermissen werden. Nein, offen gestanden ist meine Neugier auf diese
unbekannte Welt weit stärker als alles, was mich dorthin
zurück ziehen könnte."
Urban lächelte mit einem angedeuteten Nicken, als ob er eine
ähnliche Antwort erwartet hätte. "Was also wollt Ihr
tun?"
"Ich weiß es nicht", gab Jason unumwunden zu. "Im Moment bin
ich erst einmal froh, dass ich noch am Leben bin. Weitere
Pläne habe ich noch nicht. Warum?"
"Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier bleiben. Ich habe hier einiges
an Arbeit zu erledigen und könnte eine helfende Hand gut
gebrauchen."
"Für Kost und Logis?" Jason schüttelte
unschlüssig den Kopf. "Nehmt es mir nicht übel, aber
ich würde doch lieber zur nächsten
größeren Stadt weiterziehen."
"Keine Chance", zerstörte der Alte seine Illusionen. "Wir
haben Winteranfang. In wenigen Tagen wird hier alles zugeschneit sein.
Ohne einen guten Führer, der sich in den Bergen auskennt,
kommt Ihr niemals lebend unten an."
"Ich werde es trotzdem versuchen", beharrte Jason.
"Ich mache Euch einen Vorschlag", lenkte der Alte ein. "In zwei Wochen
kommen Freunde von mir hier vorbei. Ihr könnt mit ihnen gehen.
Bis dahin helft Ihr mir hier und im Gegenzug erzähle ich Euch
einiges über unsere Welt, das Euch später
nützlich sein könnte." Er zögerte. "Es ist
nicht immer gut, sich als Fremder zu erkennen zu geben."
"Einverstanden", nickte Jason.
"Gut. Dann schlage ich vor, dass wir auf Förmlichkeiten
verzichten. Ich heiße Urban."
"Und ich bin Jason. Auf gute Zusammenarbeit!" Er hob den halbvollen
Becher und stieß mit Urban an. "Fangen wir am besten gleich
mit dem Unterricht an. Was gibt es zum Beispiel über die Berge
hier zu wissen?"
"Kommt drauf an. Was willst du denn wissen? Ich meine, über
das Wetter, die Bewohner, oder was für Tiere und Pflanzen es
hier gibt?"
Bei dem Wort Tiere zuckte Jason unwillkürlich zusammen. Der
Zusammenstoß mit der affenähnlichen Bestie fiel ihm
wieder ein. "Einem Vertreter eurer Tierwelt bin ich schon begegnet:
Groß, haarig, aufrecht gehend..."
Urban unterbrach ihn atemlos: "Einem Ork etwa?"
Jason zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, was für ein Biest
das war."
"Sah es aus wie ein hässlicher Mensch mit einem deformierten
Kopf?"
Jason nickte gespannt.
"Dann war es ein Ork! Danke den Göttern, dass du noch lebst!
Wie bist du ihm entkommen?"
"Ich habe ihn getötet", sagte Jason ruhig und nippte an seiner
Milch.
Urban sah ihn mit neu erwachtem Respekt an. "Wie?"
Jason lieferte ihm eine kurze Zusammenfassung seines Erlebnisses. Urban
nickte anerkennend. "Man merkt, dass du in deiner Welt ein
mächtiger Krieger warst. Aber du kannst dennoch von
Glück sagen, dass der Ork allein war. Zwei oder drei von ihnen
können auch dem größten Krieger einen Kampf
liefern, den er lange nicht vergisst."
"Was sind diese Wesen eigentlich genau? Sind es Tiere oder Menschen?"
"Weder noch", sagte Urban schlicht. "Sie sind einfach eine andere
Rasse. Sie leben in Clans in den Bergen und in der Steppe. Verwandt
sind sie am ehesten noch mit den Ogern."
"Oger?" fragte Jason. Die Namen kamen ihm seltsam bekannt vor, aber er
wusste nicht, woher.
"Die größere Ausgabe davon. Man hat schon Exemplare
von dreieinhalb Metern gesichtet, aber die sind
glücklicherweise selten. Sie sind nicht nur stärker,
sondern auch wesentlich schlauer als Orks. Dafür sind sie
Einzelgänger. Ich habe einmal mit einem gekämpft." Er
knöpfte seine Joppe auf. Quer über seine Brust
verliefen drei wulstige, verwachsene Narben. "Ich wünsche dir
nicht, dass du einmal in dieselbe Situation gerätst."
Jason sah sich die Narben genauer an. Er konnte sich nur schwer
vorstellen, wie jemand so eine schwere Verwundung überlebt
haben sollte. Der Alte musste zäher als Leder sein.
"Habt ihr viele verschiedene Rassen in eurer Welt?"
Urban nickte. "Gut ein Dutzend: Trolle, Gnome, Kobolde, Elfen,
Zwerge... Nicht alle leben hier in der Gegend, aber von Zeit zu Zeit
sieht man mal den einen oder anderen."
Jetzt fiel Jason ein, woher er die Namen kannte. Es waren Worte aus
längst vergessenen Märchen, die man ihm als Kind
vorgelesen hatte.
Irgendwann war er in das Alter gekommen, in dem man nicht mehr an
Märchen glaubte - oder glauben wollte - und alles mit Logik
und Naturwissenschaft zu erklären versuchte.
Und jetzt befand er sich mitten in dieser Welt der Märchen und
Mythen. In ihm keimte der unangenehme Gedanke auf, dass er in
Wirklichkeit schwer verletzt im Koma lag und dass dies alles nur wilde
Phantasien seines fehlgeleiteten Unterbewusstseins waren.
Aber schon während er diesen Gedanken weiterführte,
wurde ihm bewusst, wie unsinnig er war. Diese Welt hier war echt, keine
Halluzination. Er musste es als Fakt ansehen, dass diese Welt genauso
wie seine eigene Welt existierte, dass die Märchen seiner
Kindheit nicht reine Erfindungen waren, wie er immer geglaubt hatte.
Urban sah ihm seine Verwirrung offenbar an. "Woran denkst du?"
Jason sah ihn an; in seinem Gesicht spiegelten sich die
widersprüchlichsten Emotionen. "Ich weiß nicht, was
ich denken soll, das ist es ja gerade. Ich kenne eure Welt - aus den
Geschichten, die man bei uns den Kindern zum Einschlafen
erzählt. Ich dachte immer, dass diese Geschichten von Elfen
und Trollen reine Erfindung seien - nun ja, eben Märchen." Er
sah Urban mit einem schiefen Grinsen an. "Und jetzt erzählst
du mir so einfach, dass es diese ganzen Fabelwesen wirklich gibt. Als
Nächstes wirst du noch behaupten, dass es Drachen und
Einhörner gibt!"
"Einhörner?" runzelte Urban die Stirn. "Ich glaube nicht, dass
es sie wirklich gibt. Ich habe zumindest noch nie eines gesehen. Aber
Drachen - natürlich."
"Hast du etwa schon mal einen gesehen?"
"Nur einen toten", räumte Urban ein. "In der
östlichen Steinwüste. Aber ich sage dir, der Anblick
des Kadavers war beeindruckend genug."
"Können sie wirklich Feuer speien?"
"Selbstverständlich", nickte Urban.
"Du musst schon ziemlich weit herumgekommen sein, soviel wie du schon
erlebt hast", stellte Jason fest.
"Ziemlich", tat Urban die Bemerkung ab und begann, sich eine Pfeife zu
stopfen. Er schien kein Interesse daran zu haben, über seine
eigene Vergangenheit zu reden. Jason betrachtete die Pfeife genauer. Es
war kein klobiges, selbstgeschnitztes Holzteil, wie man es bei einem
Hirten erwarten würde. Der Kopf war aus einem
rötlichen Holz, perfekt geformt und so glatt geschliffen, dass
sich der Widerschein des Feuers darin spiegelte. Auch das sanft
geschwungene Mundstück wirkte wertvoll; das rötliche,
durchscheinende Material erinnerte Jason entfernt an Bernstein.
"Eine schöne Pfeife hast du da", versuchte er das
Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
"Eine kleine Liebhaberei von mir", lächelte Urban. "Ein
Erinnerungsstück an die alten Zeiten." Er stopfte die Pfeife
fertig, hielt einen Holzspan in das Kaminfeuer und entzündete
sie damit. Mit einem zufriedenen Lächeln hüllte er
sich in eine Rauchwolke.
"Erzähl mir doch zur Abwechslung mal etwas von dir", schlug
Jason vor.
"Es gibt interessantere Themen als meine Wenigkeit", winkte Urban ab.
"Vielleicht ein anderes Mal."
Jason merkte, dass es keinen Sinn hatte, jetzt weiter in den Alten
dringen zu wollen. "Was für größere
Städte gibt es eigentlich in Styngard?" wechselte er
übergangslos das Thema.
"Da ist zunächst einmal Dornheim, die Stadt des Regenten.
Dornheim ist zugleich die größte Stadt Styngards mit
über vierhunderttausend Einwohnern. Wichtig ist auch noch
Falckenhorst. Sie ist nach der Festung von Lord Narvik benannt, die auf
einem Berg über der Stadt thront. Lord Narvik ist ein Cousin
des Königs und hat die größte Streitmacht
Styngards. Er gilt als der wahrscheinlichste Kandidat für die
Nachfolge des Königs.
Und dann natürlich Eislay, die geteilte Stadt. Sie wuchert -
anders kann man es wirklich nicht mehr nennen - über die
Hänge zweier Berge, die nur durch eine breite Brücke
miteinander verbunden sind. Eine gefährliche Stadt: voller
Mörder und Straßenräuber. Der
Fürst von Eislay, Lord Athos, lässt die
Zügel sehr locker; außerdem ist er selbst eine recht
zweifelhafte Erscheinung: man vermutet, dass der alte Haudegen hinter
mehreren Räuber- und Schmugglerbanden steckt, die hier in der
Gegend ihr Unwesen treiben. Das waren auch schon die wichtigsten
Städte. Alle anderen sind ein gutes Stück kleiner und
unwichtiger."
"Aus welcher Stadt kommen deine Freunde?" erkundigte sich Jason.
"Thaune, ein kleines Nest in der Nähe von Eislay. Nicht mehr
als ein paar hundert Häuser und Hütten." Er starrte
aus dem Fenster in die bodenlose Dunkelheit. "Es ist schon
spät. Morgen müssen wir früh raus. Wir
sollten jetzt besser schlafen."
Er griff ins Regal und warf Jason eine Wolldecke zu. "Machs dir neben
den Kamin bequem. Da bleibt es auch während der Nacht
schön warm."
"Danke", nickte Jason und rollte sich neben dem Kamin in die Wolldecke
ein. Es dauerte keine drei Minuten, bis er in einen tiefen, traumlosen
Schlaf versank.
Kapitel 4: Der Hinterhalt
Jason erwachte von einem leichten Rütteln an seiner
Schulter.
"Jason, aufwachen!" schnitt Urbans fröhliche Stimme durch
seine schlaftrunkenen Gedanken. "Es ist schon helllichter Tag!"
Während er sich noch mühsam die Müdigkeit
aus den Augen rieb, zog Urban ihm schon die Decke weg und riss das
Fenster weit auf.
Die klare, kalte Morgenluft ließ Jason frösteln und
vertrieb schnell die letzten Reste des Schlafs aus seinen Gliedern. Er
stand auf und sah aus dem Fenster. Im hellen Licht der goldenen Sonne,
die sich langsam zwischen den Bergen erhob, bot das schneebedeckte
Gebirgspanorama einen beeindruckenden Anblick.
Jetzt erst fiel Jason die dünne Schneedecke auf, zwischen der
nur hier und da ein paar grüne Grashalme hervorlugten. Urban
sah Jasons verdutzten Gesichtsausdruck und lachte. "Ich sagte doch,
dass wir Winteranfang haben. Wart ab, in ein paar Tagen liegt der
Schnee hier einen halben Meter hoch."
"Was gibt's denn heute zu tun?"
"Mehr als genug", lachte Urban. "Die Ziegen müssen gemolken
und gefüttert werden, das Gatter ausgebessert und neues
Brennholz brauchen wir auch. Aber erstmal wollen wir
frühstücken."
Er kramte ein halbes Dutzend Eier aus dem Regal, schlug sie in die
Pfanne und schnitt ein paar dicke Streifen von einer Speckseite dazu.
Dann fegte er mit einem struppigen Reisigbesen die Asche aus dem Kamin
und kippte sie aus dem Fenster, bevor er neue Scheite
auftürmte und das Feuer entfachte.
Der kleine Trupp Reiter arbeitete sich langsam auf den
gewundenen, halb
verschneiten Serpentinen bergauf. Es waren sechs Mann, alle in dicke,
schwarze Pelzmäntel gehüllt, mit silbern
glänzenden Helmen und langen Schwertern, die von ihren
Hüften herabbaumelten. Auch die Pferde waren mit schwarzem
Zaumzeug gesattelt. Sie trugen dicke Packtaschen, die dem Gang der
Pferde nach ziemlich schwer sein mussten.
Die Reiter schienen sich sicher zu fühlen: sie unterhielten
sich laut, lachten schallend über irgendwelche Witze und
nahmen nicht mehr als ihre unmittelbare Umgebung wahr.
Einer der Männer zog eine korbumhüllte bauchige
Flasche aus der Satteltasche, nahm einen großen Schluck und
reichte sie mit einem lauten Rülpser an seinen Nebenmann
weiter.Er bemerkte nicht, dass etwas Kleines, Silbernes aus der Tasche
fiel und glitzernd im Schnee liegen blieb.
Dafür entging es Gorn nicht, der ein Stück
aufwärts hinter einer Schneewehe lag und aufgeregt sein
Fernrohr ans Auge presste. So sehr er sich auch bemühte, er
konnte das glitzernde Etwas nicht genau genug erkennen, um es
identifizieren zu können.
Es hätte alles sein können: eine Münze, ein
kleiner Spiegel oder einfach ein Stück Glas. Aber Gorn wusste
instinktiv, dass es nicht so war. Er kannte dieses Glitzern nur zu
genau.
Er schwenkte das Fernrohr, bis er die Männer wieder im
Blickfeld hatte: Er sah sie einen nach dem anderen an, prägte
sich die Gesichter genau ein. Der Anführer war ein
breitschultriger, vierschrötiger Kerl mit einem Gesicht wie
ein Wolf. Mit wachsamen, kalten Augen musterte er das vor ihnen
liegende Wegstück. Bei seinem Anblick zuckte Gorn zusammen. Er
kannte diesen Mann, zwar nicht von Angesicht zu Angesicht, aber aus
vielen Erzählungen. Rhebok, der Trilonier. Gorn sah an ihm
herab, bis er den Knauf des Kurzschwerts sah. Tatsächlich. Die
Drachenklinge.
Die anderen Männer waren Gorn unbekannt. Verschlagene
Gesichter mit unruhigen Augen. Halsabschneider aus den Grenzgebieten.
Aber sie hatten gute Waffen, denen man die
regelmäßige Pflege ansah.
Gorn wartete, bis der kleine Trupp um die nächste Biegung
verschwunden war, dann kletterte er den Hang hinab zu der Stelle, wo
das glitzernde Etwas im Schnee gleißte.
Er bückte sich, hob es auf und befreite es mit flinken Fingern
von Schnee und Lehm. Ein Diamantring, mindestens zehn Karat, in einer
fein geschmiedeten Silberfassung.
Gorn hauchte einen Kuss auf den kalten Stein und starrte in die
Richtung, in die die Reiter verschwunden waren. Er brauchte ihnen nicht
zu folgen. Es gab nur einen Weg, dem sie folgen konnten, und er kannte
die Berge gut genug, um zu Fuß lange vor ihnen dort zu sein.
Lange genug, um vorher noch eine alte Freundschaft wieder aufleben zu
lassen.
Jason und Urban waren gerade dabei, die von Wind und Wetter
stark
mitgenommenen Bohlen des Gatters auszubessern, als Urban sich
plötzlich aufrichtete und mit gerunzelter Stirn den Berg
hinabspähte. Jason sah in dieselbe Richtung und entdeckte eine
kleine Gestalt, die sich zielstrebig auf die Hütte zu bewegte.
"Da soll mich doch der Teufel holen, wenn das nicht...", grollte Urban.
Er schien wesentlich bessere Augen als Jason zu haben. Er unterbrach
den Satz, drehte sich um und ging zur Hütte zurück.
"Wo willst du denn hin?" rief Jason ihm nach, aber Urban antwortete
nicht. Jason hörte ein dumpfes Poltern aus der Hütte,
als ob der Alte Möbel rückte. Er überlegte,
ob er Urban folgen sollte, entschied sich dann aber doch
dafür, die seltsame Gestalt weiter zu beobachten.
Sie wirkte klein und gedrungen, nicht dick, aber untersetzt und je
näher sie kam, desto mehr Details konnte Jason erkennen: den
dichten Vollbart, den Helm mit den beiden Stummelhörnern und
den grauen Umhang, der um den Mann wie die Flügel einer
Fledermaus herumflatterte. An seiner Hüfte baumelten ein
wuchtiger Streitkolben und ein Dolch.
Der Mann war jetzt nur noch wenige hundert Meter von der Hütte
entfernt. In höchstens zwei Minuten würde er sie
erreicht haben. Jason legte Hammer und Nägel zur Seite und
setzte sich auf das Gatter, von wo aus er mit verschränkten
Armen den nahenden Fremden beobachtete.
Erst als der Mann bis auf weniger als hundert Meter herangekommen war,
fiel Jason sein exotisches Äußeres auf. Sein Gesicht
mit der ledrig braunen Haut hatte einen fremdartigen Schnitt mit hohen
Backenknochen und tief in den Höhlen liegenden Augen.
Wässrig hellen Augen, die gar nicht zu seinem sonnengegerbten
Äußeren zu passen schienen. Selbst seine Ohren
wirkten unnatürlich lang und spitz.
"Sei gegrüßt", sagte der Fremde und deutete eine
Verbeugung an. "Sag mir, wo ist mein alter Freund Urban?"
"Freund?" grollte eine empörte Stimme von der Hütte
her. "Ich hätte nicht gedacht, dass du räudiger Hund
dich noch einmal hierher wagen würdest! Ich werde dir dein
stinkendes Fell über die Ohren ziehen und es mir an die Wand
nageln!"
"Mein guter Urban", lächelte der Fremde sanft. "Das alles war
doch nichts anderes als ein großes Missverständnis.
Um was ging es denn schon?"
"Um fast dreihundert Dyr", fauchte Urban erbost und fasste mit beiden
Händen das Langschwert, das er aus der Hütte geholt
hatte. Und er sah so aus, als könne er auch gut damit umgehen.
"Wirklich eine lächerlich geringe Summe. Und als Beweis, dass
das alles wirklich nur ein dummes Missverständnis war, habe
ich dir dein Geld mitgebracht."
Urban erstarrte in der Bewegung und schob den Unterkiefer vor. "Was
hast du?"
"Natürlich habe ich es nicht bar", beeilte der Gnom sich zu
sagen. "Aber dieser Ring hier ist unter Brüdern gut das
Doppelte wert."
Urban nahm den Ring und hielt ihn gegen das Licht. "Gnade dir Gott,
wenn du lügst." Prüfend drehte er den glitzernden
Edelstein zwischen den Fingern. "Er ist tatsächlich echt",
stellte er schließlich fast bedauernd fest und steckte sein
Schwert in den Gürtel zurück. "Also raus mit der
Sprache: Was willst du von mir?"
"Ich? Oh nein", beteuerte der Gnom. "Ich wollte nur meinem alten Freund
Urban einen Gefallen tun."
"Vergiss das mit dem alten Freund und rede nicht um den
heißen Brei herum", knurrte Urban unwillig. "Du bist doch so
selbstlos wie eine Klapperschlange, Gorn. Wenn du auch nur ein
Kupferstück mehr rausrückst, als du musst, kann man
schon davon ausgehen, dass du dir einen satten Profit ausrechnest."
Wenn Gorn sich durch die Bemerkung getroffen fühlte, zeigte er
das nicht. "Willst du noch mehr davon?" Er deutete mit seinem knochigen
Finger auf den Ring in Urbans Hand. "Ich weiß, wo noch sehr
viel mehr davon ist. Eine schnelle, glatte Sache."
"Ich bin raus aus dem Geschäft", sagte Urban rau. "Schon seit
Jahren, und das weißt du genau."
"Und die Sache mit dem Steuereintreiber letztes Jahr?" hakte Gorn nach.
Er lächelte listig. "Bei der Sache hier könntest du
noch einen wesentlich besseren Schnitt machen."
"Warum ziehst du die Sache nicht allein durch? Wo ist der Haken?"
"Alleine schaffe ich es nicht. Zu zweit stehen die Chancen schon
besser. Wenn dein junger Freund hier vielleicht auch mitmachen will?"
Er sah Jason fragend an.
Jason wusste nicht, was er denken sollte. Allem Anschein nach plante
dieser Gorn eine Schurkerei größeren Umfangs. Einen
Überfall oder etwas Schlimmeres. Aber trotzdem stand er dem
Vorschlag nicht so ablehnend gegenüber, wie es hätte
sein sollen. Sei es, dass der Wechsel in diese wilde, raue Welt ihm
zusammen mit seiner Orientierung auch einen Teil seines moralischen
Wertesystems genommen hatte oder dass er Urban inzwischen als seinen
Freund betrachtete, Jason stand jedenfalls auf und ging auf Gorn zu.
"Um was für eine Sache geht es?"
"Sechs Reiter. Sie haben die Satteltaschen prall mit Gold und
Geschmeide gefüllt. Ich weiß, welchen Weg sie nehmen
werden und wo der perfekte Platz für einen Hinterhalt ist."
"Kaufleute?" fragte Urban ablehnend.
Gorn schüttelte den Kopf. "Nein. Sie tragen die Uniformen von
Veanon."
"So weit hier oben im Norden?" zweifelte Urban. "Warum sollten sie das
Risiko eingehen, sich so weit ins Feindesland zu wagen?"
"Ich glaube, ich weiß es. Sie wollen sich hier einen
Verbündeten kaufen: Sodom!"
"Sodom? Ich dachte, die königlichen Husaren hätten
ihn gefangen und im Kastell eingekerkert?"
"Das stimmt, aber er ist geflohen, bevor man ihn hinrichten konnte. Und
gestern habe ich einen seiner Wachtposten in der Nähe des
Gipfels entdeckt. Es war der Einäugige."
"Hat er dich auch gesehen?"
Gorn sah beleidigt drein. "Ich sagte, ich habe ihn entdeckt, nicht
entleibt. Nein, er hat mich natürlich nicht gesehen."
"Vermutlich hast du recht", nickte Urban entschlossen. "Dagonraths
Speichellecker dürfen Sodoms Camp niemals erreichen." Er
wandte sich an Jason. "Bist du mit von der Partie?"
Jason nickte. "Ich lege nur noch meine Rüstung an."
"Vergiss sie. Sie glänzt und glitzert viel zu sehr. Wenn du
sie anziehst, entdecken die uns schon aus mehreren Meilen Entfernung.
Nimm die Axt mit und noch den Dolch, der neben dem Bett hängt"
schüttelte Urban den Kopf.
Während Jason zur Hütte hastete, um die Waffen zu
holen, dachte er daran, wie falsch er Urban auf den ersten Blick
beurteilt hatte. Der Alte war kein harmloser Hirte, vermutlich nie
einer gewesen, sondern ein Wegelagerer im Ruhestand. Was ihn aber noch
mehr wunderte, war, dass Urban ihm dadurch keineswegs unsympathischer
wurde.
Als er mit den beiden Waffen zurückkehrte, erwarteten Urban
und Gorn ihn schon ungeduldig. Gemeinsam machten sie sich an den
Aufstieg zum Gipfel.
Kapitel 5: Die Drachenklinge
Sie waren schon eine halbe Stunde unterwegs und hatten
bereits einen
guten Teil der Strecke zurückgelegt, als das Schicksal ihnen
einen Strich durch die Rechnung machte.
Sie hatten gerade einen Steilhang von fast dreißig Metern
erklettert und Jason war schon im Begriff, sich über den Rand
der Klippe hinaufzuziehen, als Urban ihn mit einem heftigen Ruck wieder
in Deckung zog und ihm gleichzeitig die Hand auf den Mund legte.
"Was ist denn?" fragte er leise, nachdem Urban seinen Griff etwas
gelockert hatte.
Der Alte rümpfte die Nase. "Riechst du es nicht? Ein Feuer!"
Gorn schnüffelte aufgeregt und sog die Luft tief in die
Lungen. "Du hast Recht." Er nahm sein Fernrohr, zog es zur vollen
Länge aus und krabbelte im Schutz einer Schneewehe so weit
nach oben, dass er gut sehen konnte.
"Orks!" fluchte er erbittert. "Eine ganze Horde. Sie scheinen da oben
ihr Camp aufgeschlagen zu haben."
Jason fand neben Gorn einen schmalen Felsvorsprung, auf dem er gut
stehen konnte und ließ sich von dem Gnom das Fernrohr reichen.
Aufmerksam beobachtete er die Orks, die zusammengekauert um das Feuer
im knöcheltiefen Schnee hockten. Neben dem Feuer lagen ein
paar zusammengeschnürte Bündel mit ihren
Habseligkeiten.
Im Gegensatz zu dem einen Exemplar, dem Jason beim Abstieg begegnet
war, waren diese sechs bewaffnet. Bei einem entdeckte Jason ein
Schwert, bei einem zweiten einen rostigen Morgenstern. Die anderen
waren mit Knüppeln und primitiven Steinäxten
bewaffnet.
Gorns Blick fiel auf den schlecht sitzenden Helm, den einer der Orks -
offensichtlich der Anführer - sich schief auf die wulstige
Stirn gedrückt hatte. "Der Helm eines königlichen
Husaren", fluchte er bitter. "Dies ist kein normales Rudel. Es sind
auch keine Weibchen dabei. Das sind Jäger!"
"Wir müssen zurück", entschied Urban bestimmt.
"Bist du verrückt?" zischte Gorn. In seinen Augen stand ein
gieriges Funkeln. "Wenn wir jetzt umkehren, verlieren wir viel zu viel
Zeit."
"Wir haben keine Chance, an ihnen vorbei zu gelangen", argumentierte
Urban. "Selbst wenn wir den Überraschungseffekt
einkalkulieren, sind sie doppelt so viele wie wir."
Gorn sah noch einmal zu der Jägerhorde hinüber. Dann
nickte er widerstrebend. "Vermutlich hast du Recht. Wir umrunden sie
großräumig und versuchen es über den
Südhang. Vielleicht schaffen wir es trotzdem noch, sie am Maul
abzufangen."
Als sie eine halbe Stunde später den von Wind und Wetter in
das Gestein gekerbten schmalen Durchgang erreichten, den Gorn als 'das
Maul' bezeichnet hatte, wussten sie, dass sie zu spät gekommen
waren.
Die Hufabdrücke im pulverigen Neuschnee sprachen eine
deutliche Sprache. Hier waren Reiter vorbei gekommen, sechs Mann, wie
Gorn es gesagt hatte. Es konnte nicht mehr als einige Minuten her sein,
weil der frostige Wind die Spuren noch nicht verweht hatte.
Gorn sog prüfend die kalte Luft ein, als hoffe er, noch den
Geruch der Pferde wahrzunehmen. "Wir werden ihnen den Weg abschneiden!"
verkündete er entschlossen. "Mit ihren Pferden sind sie
gezwungen, den gesamten Weg auf den verwundenen Serpentinen
zurückzulegen. Aber ich kenne eine Abkürzung, die uns
bis wenige hundert Meter vor Sodoms Höhle bringt. Wir
müssen verdammt vorsichtig sein, damit uns seine Wachen dort
nicht entdecken, aber das Risiko müssen wir eingehen. Von da
oben aus können wir über die Serpentinen
zurück und sie überrumpeln, bevor sie ihr Ziel
erreichen. Es gibt da dort noch ein paar akzeptable Hinterhalte. Folgt
mir, wir müssen uns beeilen!"
Urban nickte und dann folgten sie Gorn, der sich mit schnellen,
sicheren Schritten seinen Weg zwischen Felsen und kargem
Gestrüpp hindurch bahnte. Schon bald erkannte Jason, welchen
Ort Gorn meinte. In einigen hundert Metern Entfernung ragte eine
zerklüftete Steilwand empor, die wenige Meter unterhalb des
Gipfels mit einer schneebedeckten Plattform endete. Soweit er das aus
dieser Entfernung einschätzen konnte, bot der von Rissen
durchzogenen Fels einem halbwegs geübten Bergsteiger
genügend sichere Griffe.
Er dachte erleichtert an seine alljährlichen
Herbstausflüge in die Rocky Mountains. Er liebte die
Abgeschiedenheit der Berge, die ihm stets Gelegenheit geboten hatte,
mit sich ins Reine zu kommen und seine innere Ruhe wieder zu finden.
Die Übung, die er sich auf seinen zahlreichen Klettertouren
erworben hatte, würde ihm jetzt nützlich sein.
Bereits die ersten Meter zeigten ihm, dass seine Einschätzung
richtig gewesen war. Der Fels war fest und bot ausreichend sichere
Griffe. Er hatte sich immer für einen guten Bergsteiger
gehalten, aber Gorn hängte ihn schon auf den ersten Metern ab.
Er schien die für seine geringe
Körpergröße viel zu weit auseinander
liegenden Vorsprünge und Einkerbungen gar nicht zu brauchen,
sondern glitt wie eine flinke, geschmeidige Eidechse den Fels empor.
Er war als erster oben und half erst Jason und dann Urban mit einem
Ruck seiner überraschend kräftigen Arme auf die
Plattform.
Schnaufend sahen sie sich um. Gorn hatte wirklich nicht zu viel
versprochen. Von hier aus sah man auf sich windende Serpentinen hinab,
die bis zum Gipfel hinaufführten - bis zu dem von Fackeln nur
unzureichend erhellten Eingang der Räuberhöhle.
Der Anblick, der sich ihnen bot, zerstörte alle Hoffnungen,
die sie noch gehegt haben mochten. Sie sahen die sechs schwarz
gekleideten Reiter, die von einer johlenden Eskorte abenteuerlich
aussehender Gestalten zur Höhle geführt wurden.
Gorn stieß einen wütenden Fluch in einer fremden
Sprache aus, die weder Jason noch Urban verstanden. "Sie sind uns
entwischt!"
"Gib mir das Fernrohr!" forderte Jason und streckte Gorn die Hand
entgegen, ohne den Blick von dem in flackerndes Licht getauchten
Höhleneingang zu wenden. Als er das kalte Metall in seiner
Hand fühlte, huschte er zu einem Felsen hinüber, der
auf halber Strecke zwischen der Klippe und der Höhle lag.
Hinter diesem Felsen kauerte er sich nieder und zog das Fernrohr
auseinander.
Von hier aus konnte er die ersten dreißig Meter der
Höhle einsehen - und das reichte auch. Durch das Fernrohr
konnte er mehr im Halbdunkel der Höhle erkennen, als er aus
der Entfernung für möglich gehalten hätte.
Auch der Wind stand günstig und trug immer wieder Fetzen der
Gespräche zu ihnen hinüber.
Um ein großes Feuer in der Mitte der Höhle lungerten
neun verwegene Gestalten. Nur drei von ihnen waren Menschen, die
anderen, vermutete Jason, mochten Trolle, Goblins oder
ähnliche Wesen sein. Den Mann, der Sodom sein musste, erkannte
er sofort. Breit und massig saß er in seinem aus dem rohen
Fels gehauenen Steinthron und starrte den sechs
Neuankömmlingen herablassend entgegen.
Er war ein Riese, knappe zweieinhalb Meter hoch, der sicher seine vier
Zentner wog. Und er sah nicht so aus, als ob viel davon aus Fett
bestünde.
Jason erkannte ein grobes, vom Branntwein gerötetes Gesicht
mit kleinen, tückisch glitzernden Schweinsaugen und einem
verfilzten schwarzen Vollbart, der bis über seine Brust
herabhing. Seine Kleidung bestand aus einem nietenbesetzten schwarzen
Lederpanzer, kniehohen Schnürstiefeln, roter Samthose und
-jacke und einen silberbesetzten schwarzledernen Lendenschurz.
Die Aura des Bösen und der Gewalt, die von diesem Mann
ausging, spürte Jason bis ins Mark. Er spürte, wie
ihm ein eisiger Schauer den Rücken herunter lief. Die sechs
Reiter spürten es offenbar auch, denn je näher sie
dem Banditen kamen, desto mehr verschwand ihre rüpelhafte
Selbstsicherheit und machte demütiger Höflichkeit
Platz.
Der einzige der Soldaten, dem man keine Reaktion anmerkte, war ihr
Anführer, ein vierschrötiger Kerl, der auf seine Art
ebenso gefährlich wie der riesige Sodom wirkte.
"Sei gegrüßt, Sodom, Beherrscher der Berge",
begrüßte er sein Gegenüber mit einer
angedeuteten Verbeugung. "Wir entbieten dir Grüße
von unserem Herrscher, dem ehrwürdigen Dagonrath."
Sodom sah seine Männer der Reihe nach an, bis jeder von ihnen
schwieg und ihn erwartungsvoll ansah. Jetzt erst erhob sich Sodom aus
seinem steinernen Thron und Jason musste feststellen, dass er mit
zweieinhalb Metern eher zu niedrig gegriffen hatte.
"Und ich grüße dich, Rhebok, großer
Krieger", grinste der Bandit breit. "Ich hoffe, du hast mehr
vorzuweisen als bloß Grüße von Dagonrath."
Nur ein wütendes Funkeln in Rheboks Augen verriet, dass er
sich über Sodoms respektloses Verhalten ärgerte. Er
hatte eine diplomatische Mission zu erfüllen und wusste, dass
er sich nicht von seiner persönlichen Abneigung gegen diesen
Mann leiten lassen durfte.
"Ich bringe dir auch Geschenke", sagte er daher mit erzwungener Ruhe.
"Geschenke, die unser Bündnis gegen König Armin
besiegeln sollen."
Er breitete eine kunstvoll bestickte Decke auf dem rauen
Höhlenboden aus. Dann kamen nacheinander seine Männer
und schütteten den Inhalt der Packtaschen auf der Decke aus.
Sodoms Grinsen wurde immer breiter, während der Berg aus Gold
und Juwelen wuchs und wuchs. "Sehr gut, Freund Rhebok. Ich und meine
tapferen Krieger werden Dagonrath in seinem Kampf gegen Armin zur Seite
stehen."
"Wie viele Männer hast du momentan?"
Sodom grinste sphinxenhaft. "Wie viele Sterne stehen nachts am Himmel?"
"Sprich nicht in Rätseln", ermahnte Rhebok ihn ungeduldig.
"Ich sehe hier ein Dutzend fußlahmer Vagabunden, mehr nicht.
Wo ist der Rest?"
Sodoms Gesicht gefror. "Eine Hundertschaft meiner Leute
plündert gerade die Stadt Thaune, weitere fünfzig
sind mit reicher Beute auf dem Rückweg. Sie werden innerhalb
der nächsten Stunde hier eintreffen. Weitere fünfzig
durchstreifen in kleinen Trupps die Steppen rund um die große
Handelsstraße. Aber das sind noch lange nicht alle. Der
größte Teil meiner Männer lebt
unauffällig in Städten und Dörfern, bis ich
sie zu den Waffen rufe. Sie sind meine Augen und Ohren. Nun, wie viele
Sterne stehen am Himmel?"
Rhebok nickte nur schweigend. Ja, es sah so aus, als ob Dagonrath bei
der Wahl seines Verbündeten eine kluge Entscheidung getroffen
hätte. Selbst diese gewaltige Menge Gold schien nicht zuviel,
um sich einen kampfstarken Verbündeten wie Sodom zu kaufen,
der Land und Leute genauestens kannte.
Sodom warf noch einen zufriedenen Blick auf den riesigen Goldhaufen, in
dem sich die zuckenden Flammen des Lagerfeuers widerspiegelten, dann
klatschte er in die prankenartigen Hände.
"Lasst uns feiern", röhrte er mit schnapsrauer Stimme. "Lasst
uns saufen und tanzen!"
Er winkte herrisch zu einem Vorhang aus Elchfell hinüber und
vier Frauen huschten kichernd aus dem abgesperrten hinteren Teil der
Höhle. Rhebok betrachtete sie mit Widerwillen. Sie waren noch
recht jung, wirkten aber dennoch bereits verbraucht und verlebt. Ihre
Gesichter verschwanden halb unter Schichten billiger, greller Schminke
und ihre Kleider, die vor Jahren einmal kostbar gewesen sein mochten,
waren heute nicht mehr als abgetragene Lumpen.
Er verbarg seinen Ekel hinter einer steinernen Fassade und trat in den
Schatten zurück. Er hatte für Exzesse jeglicher Art
nichts übrig und beim Gedanken an diese aufgetakelten Dirnen
überkam ihn Brechreiz.
Sodoms Männer teilten Rheboks Zurückhaltung in
keinster Weise. Während sie Flaschen mit selbstgebranntem
Fusel herumreichten und in ihren Habseligkeiten nach Karten und
Würfeln kramten, grapschten andere der betrunkenen Halunken
nach den drallen Huren, die ihnen aufreizend kichernd scherzhaft zu
entkommen versuchten.
Rhebok winkte seine Männer zu sich. "Ihr werdet nichts
trinken", befahl er ihnen leise. "Nicht, dass ich Sodom misstraue, aber
wir müssen stets auf jede Eventualität vorbereitet
sein. Wenn man euch zum Trinken nötigt, trinkt kleine Schlucke
und macht große Pausen dazwischen. Meinetwegen tut so, als ob
ihr besoffen wärt, aber wenn ich einen von euch erwische, der
nicht mehr nüchtern ist, frisst er seine Eier zum
Frühstück. Habt ihr mich verstanden?"
Die Männer nickten betreten und mischten sich wieder unter
Sodoms Leute. Der Befehl gefiel ihnen zwar ganz und gar nicht, aber es
war nicht ratsam, gegen einen von Rheboks Befehlen zu
verstoßen und so tranken sie nur, wenn sie mussten - und auch
das in Maßen.
Jason fuhr herum, als er leise Schritte hinter sich im
Schnee knirschen
hörte. Gorn kauerte hinter ihm.
"Wie ist die Lage?" erkundigte er sich, während er angestrengt
über Jasons Schulter spähte.
"Mehr Gold, als ich jemals gesehen habe. Und mit den sechs Schwarzen
fast zwanzig Mann. Aber sieh selbst!" Er reichte dem Gnom das Fernrohr.
Gorn starrte fast eine Minute lang in die Höhle und als er das
Rohr wieder senkte, sprühten seine Augen vor Hass. "Sodom, der
Schlächter! Er ist selbst im Lager!"
Hinter ihnen näherte sich Urban. "Worauf wartet ihr zwei denn
noch?" fluchte er im Flüsterton. "Sehen wir, dass wir hier weg
kommen!"
"Weg?" fragte Gorn ungläubig, als spräche er mit
einem kleinen Kind. "Bist du verrückt? Da unten liegt mehr
Gold, als wir in unserem ganzen Leben ausgeben können!"
"Unser ganzes Leben?" spottete Urban. "Das kann verdammt kurz sein. Du
bist dir vielleicht nicht bewusst, dass da unten zwanzig
schwerbewaffnete Halsabschneider hocken!" Er deutete mit dem
ausgestreckten Arm auf die Höhle, von wo ein weinseliges
Grölen herauf klang.
"Der Überraschungseffekt ist auf unserer Seite", argumentierte
Gorn kalt. "Und wenn wir noch etwas warten, haben die sich so weit um
den Verstand gesoffen, dass wir sie wie gemästete Kapaune
abservieren können."
Urban öffnete den Mund zu einer heftigen Entgegnung, aber er
kam nicht mehr dazu. "Halt!" schnitt ihm eine hallende Stimme das Wort
ab. "Keine falsche Bewegung, Fremde! Was habt ihr hier zu suchen?"
Jason drehte sich langsam um und sah den Sprecher an, der wenige Meter
neben ihnen um die Ecke gekommen war. Hager, sehnig, mit grauen
Wolfsaugen und einer strähnigen, weizenblonden Mähne,
die ein totenbleiches Gesicht umrahmte. Zwischen seinen langen,
knochigen Händen drehte er eine schlanke Lanze, an deren
beiden Enden je vier gebogene Sichelklingen prangten.
"Ich habe euch was gefragt", knurrte der Wächter ungeduldig.
"Raus mit der Sprache!"
Gorn ging mit demütig gesenktem Kopf einen Schritt auf den Elf
zu. "Verzeiht mir, Herr, aber wir sind Hirten. Eine Ziege ist uns
entlaufen und wir sind ihren Spuren bis hierher gefolgt."
"Eine Ziege!" schnaubte der Elf verächtlich. "Für wie
blöd haltet ihr mich eigentlich?"
"Aber Herr", jammerte Gorn kopfschüttelnd, "da steht sie doch!"
Der Wächter blickte einen Augenblick in die Richtung, in die
der Gnom deutete. Nur aus dem Augenwinkel sah er, wie Gorns Hand zum
Gürtel herabfuhr und warf sich herum.
Dadurch traf ihn die Klinge des Dolchs nicht wie geplant in den Hals,
sondern trat zwischen der dritten und der vierten Rippe in seine rechte
Brustseite ein. Der Elf brüllte vor Schmerz und Wut wie ein
angestochener Stier. Er schlug mit der Sichellanze zu und verfehlte
Gorn nur knapp.
Als der Gnom sich mit einem raschen Sprung in Sicherheit brachte,
sprang Jason kurzentschlossen vor und riss die Axt hoch. Der Schrei
verstummte so abrupt, als ob man dem Mann die Kehle durchgeschnitten
hätte. Und das kam der Wahrheit auch ziemlich nahe.
Jason starrte noch auf die glänzende Klinge, von der das
Blut
in dünnen Fäden tropfte, als ihn ein heftiger Schlag
gegen die Schulter aus seiner Erstarrung riss.
"Wir greifen an", bestimmte Urban. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung
aus wilder Entschlossenheit und blanker Angst. "Flucht ist sinnlos. Die
holen uns so oder so ein."
Ohne Jasons Reaktion abzuwarten machte er auf der Ferse kehrt und
rannte schwertschwingend auf die Höhle zu, die knappe
zweihundert Meter hangabwärts lag. Als die Banditen
aufblickten und ihn sahen, stieß er einen röhrenden
Kampfschrei aus, der sich wie das Fauchen einer wilden Raubkatze
anhörte.
Gorn packte die Sichellanze des Toten und hetzte hinter Urban her. In
seiner lautlosen Geschmeidigkeit wirkte er womöglich noch
gefährlicher als der schwertschwingende Urban.
Auch Jason preschte los. Der Gedanke an die zwanzig Bewaffneten dort
unten wurde immer mehr vom wie ein loderndes Feuer aufkeimenden
Kampffieber verdrängt. Er war jetzt ganz Augen, ganz Ohren,
ganz Sehnen und Reflexe.
Vor ihm hatte Urban bereits den Höhleneingang erreicht, wich
geschickt einem heranstürmenden Troll aus und enthauptete ihn
mit einem schnellen Schwertstreich, der zwei nachdrängende
Gnome entsetzt zurückweichen ließ.
Doch da war Gorn auch schon unter ihnen. Seine Sichellanze zuckte wie
ein stählerner Blitz hin und her und riss eine Bresche aus Tod
und Vernichtung in die Reihen der anstürmenden Feinde. Kein
Gegner schien seinen schnellen, sicheren Stößen und
Hieben gewachsen zu sein.
Als Jason in das brodelnde Kampfgetümmel eintauchte lagen
schon fünf von Sodoms Männern und einer der
Schwarzmäntel erschlagen in ihrem Blut. Wie er schnell
feststellte, waren die Veanon-Soldaten eindeutig die besten
Kämpfer in dieser Schlacht. Wie ein Wolfsrudel deckten sie
sich gegenseitig und stimmten ihre Ausfälle so gut ab, dass
Jason ihnen mehrmals nur mit knapper Not entkam.
Er merkte, dass er immer mehr zur Seite abgedrängt wurde und
plötzlich spürte er die harte Felswand im
Rücken. Halbmondförmig aufgefächert kamen
die Soldaten auf ihn zu, ohne auch nur einen Augenblick ihre Deckung zu
vernachlässigen. Jason wechselte die Axt von einer Faust in
die andere und wieder zurück, bevor er sie
schließlich mit beiden Händen packte und auf den
letzten Angriff wartete.
Da durchschnitt ein greller Pfiff die frostige Luft wie ein
Peitschenhieb. Genau wie die fünf Veanon-Soldaten starrte auch
Jason den Mann an, von dem der Pfiff gekommen war. Es war der
vierschrötige Anführer der Männer, der nun
langsam sein Kurzschwert zog und es andächtig an die Lippen
führte. Jason sah, dass die Klinge von einem feinen blauen
Lichtschleier umgeben war, wie manche Moose, die im Dunkeln leuchteten.
Rhebok küsste die Klinge sanft und streckte sie herausfordernd
vor. Der Lichtschein verfärbte sich rötlich. "Dieser
Mann gehört mir!" befahl er seinen Männern, bevor er
sich an Jason wandte. "Ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber
dich kenne deine Axt. Der Todbringer gegen die Drachenklinge - von
diesem Kampf wird man noch lange erzählen!"
Während sich der Halbkreis der Männer langsam
öffnete kam Rhebok auf Jason zu...
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