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Leseprobe aus "Die Verschwörer von Styngard"

Kapitel 1: Showdown

Jason Kimble starrte reglos in das Halbdunkel der Garage und zog gelangweilt an seiner Zigarette. Sein Blick wanderte prüfend über die angespannten Gesichter der anderen.
"Nervös?", fragte er Joe McLaren, der mit unnatürlich bleichem Gesicht an einem Pfeiler lehnte und alle paar Sekunden auf die Uhr sah.
McLaren nickte. Er war noch ziemlich neu im Geschäft, gehörte erst seit einem halben Jahr zu Gingers Leuten. Er besaß noch nicht die routinierte Abgebrühtheit von Leuten wie Andy Short oder ihm.
Es war für sie beide das erste Mal, dass Ginger sie zu einem solchen Treffen mitnahm. Dennoch war die kribbelnde Anspannung, die Kimbles Sinne schärfte und seinen durchtrainierten Körper in eine leistungsfähige Maschine verwandelte eine andere als die, die McLaren empfand.
Kimble betrachtete den bulligen Andy Short, der durch das staubige, halbblinde Garagenfenster die nachtdunkle Straße beobachtete.
Short war Gingers rechte Hand. Eine starke Hand mit einer ebenso schnellen wie zielsicheren Pistole. Er erinnerte Kimble an einen Bullterrier, der sein Frauchen eifersüchtig bewachte. Nicht, dass sich Ginger White etwas aus ihrem Partner mit dem groben, zernarbten Gesicht gemacht hätte - Kimble bezweifelte stark, dass Ginger überhaupt jemand etwas bedeutete - aber entweder merkte Short das nicht oder er wollte es nicht wahrhaben, dass Ginger auch in ihm nicht mehr als nur ein Werkzeug sah.
Es hatte schon oft genug Fälle gegeben, wo Short jemanden, der sich Ginger gegenüber respektlos benahm oder den Fehler beging, allzu offensichtliches Interesse an ihr zu zeigen, brutal zusammengestaucht hatte. Wenn derjenige nicht sogar auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Kimble hatte keine Lust, sich mit dem mordlustigen Muskelpaket anzulegen, und so beschränkte er sich auf den einen oder anderen anerkennenden Blick auf Ginger White und ihre knackige Figur.
Sie sah schon gut aus, diese Frau. Selbst heute, unter ihrem schlabberig weiten Armeemantel, konnte man unschwer ihre wohlproportionierte Figur erahnen.
Jetzt ging sie zu Short hinüber, starrte über seine Schulter hinweg in die Dunkelheit. Er lächelte sie erfreut an, merkte aber schnell, dass sie zu sehr in Gedanken war, um ihn auch nur zu registrieren.
Draußen in der Nacht schnitt ein Paar Scheinwerfer durch die Dunkelheit und schleuderte zuckende Schatten an die Garagendecke.
"Sie kommen", flüsterte Ginger heiser. Das dumpfe Brummen des Motors wurde immer lauter. Dann hielt der Wagen mit leise quietschenden Bremsen und der Motor erstarb. Türen klappten, dann näherten sich knirschende Schritte auf dem Kiesweg. Jemand klopfte. Dreimal lang, zweimal kurz, dann eine heisere, rasselnde Stimme: "Rosebud."
Trotz aller Anspannung musste Jason Kimble lächeln. Auf so ein Kennwort konnte wohl nur Ginger mit ihrem Faible für alte Orson-Welles-Filme kommen.
Das Garagentor hob sich knarrend und gab Stück für Stück den Blick auf drei Männer frei. Sie waren alle gleich gekleidet. Schwarze Lackschuhe, in denen sich sogar das schwache Licht der Straßenlaternen spiegelte, dunkelgraue Stoffhosen mit messerscharfer Bügelfalte, zugeknöpfte blaue Jacketts mit goldenen Knöpfen über blütenweißen Hemden. Hellgraue Krawatten, halb in die Stirn gezogene Hüte mit weißem Schweißband und trotz der völligen Dunkelheit nachtschwarze Sonnenbrillen.
Jason Kimble registrierte sofort die klobigen Ausbeulungen in ihren Jacketts. Und diese drei hatten sicherlich keinen schlechten Schneider. Jason sah genauer hin und tippte auf kurzläufige Smith & Wessons.
Die drei schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein, das erkannte Jason an den elegant zugeknöpften Jacketts, die ein schnelles Ziehen der Waffen unmöglich machten. Der vordere, ein älterer Mann von vielleicht sechzig Jahren, setzte mit der linken Hand die Brille ab, klappte sie zusammen und ließ sie in der Brusttasche verschwinden.
Jason Kimble kannte dieses hagere, verwitterte Gesicht mit der ungesund fahlgelben Haut und den wässrigblauen Augen. Jeder kannte Doc Desmond, den ungekrönten König der Unterwelt.
Desmond lächelte Ginger zu und entblößte zwei Reihen so makellos weißer Zähne, dass sie einfach nicht echt sein konnten. Dann breitete er die Arme aus. "Meine liebste Ginger", strahlte er. "Wie lang ist es her? Zwei Jahre? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit."
Andy Short machte ein Gesicht, als habe man ihn gezwungen, auf einen Igel zu beißen. Man sah ihm an, dass er nichts lieber getan hätte, als Desmond sein strahlendes Grinsen mit der Faust aus dem Gesicht zu wischen.
Ginger knöpfte ihren wärmenden Mantel auf und reichte ihn an den hinter ihr stehenden Paddy Cochran weiter. Darunter trug sie ein hautenges rotes Samtkleid, das ihre atemberaubende Figur bestens zur Geltung brachte. "Hallo Doc", begrüßte sie ihn mit rauchiger Stimme und warf ihre blonden Locken mit einem energischen Ruck über die Schulter. "Ja, es ist lange her. Aber du hast dich kaum verändert."
Desmond fasste das offensichtlich als Kompliment auf, denn er lächelte weiterhin. "Du hast dich auch kaum verändert - doch, du bist sogar noch schöner geworden."
Ginger lächelte artig, doch sie wurde schnell wieder ernst. "Kommen wir zum Geschäft, Doc. Ich nehme an, du hast das Geld dabei?"
Desmond deutete mit dem Daumen über die Schulter auf den schwarzen Cadillac mit den getönten Scheiben, der im Halbdunkel der abgelegenen Seitenstraße stand. "Im Wagen."
"Ich würde es ganz gerne mal sehen." Ginger leckte sich unruhig über die Lippen.
"Selbstverständlich", nickte Desmond und schnippte mit den Fingern. "Carl?"
Desmonds linker Hintermann drehte sich auf dem knirschenden Kies um und ging zum Wagen zurück. Die Gier in Gingers Augen war nicht zu übersehen, als der junge Mann mit einem dicken Attaché-Lederkoffer zurückkehrte und ihn Desmond reichte. Der Gangsterboss legte den Koffer auf den Boden, ließ die beiden Schlösser aufschnappen und hob den Deckel. "Zufrieden?"
Ginger nickte. Es war auch für sie das erste Mal, dass sie fünfzig Millionen Dollar in bar sah. "Sehr", gurrte sie.
"Dann möchte ich doch auch gerne mal das Prachtstück sehen, für das ich so viel Geld ausgeben soll."
Ginger gab Joe McLaren einen Wink. Der junge Mann mit dem schmalen Studentengesicht ging zu dem grünen Metallcontainer hinüber, der wie ein dunkler Altar in der Mitte der diffus beleuchteten Garage stand. Er öffnete ihn und hob die Waffe vorsichtig aus der Schaumgummipolsterung, in der sie wie ein Kleinod eingebettet lag.
Desmond nahm sie emotionslos entgegen, betrachtete sie von allen Seiten, untersuchte Abzugsvorrichtung und Visier und zielte probehalber auf Jason Kimble. Obwohl Jason genau wusste, dass die Waffe nicht geladen war, wurde ihm bei dem Gedanken an die schreckliche Vernichtungskraft der Waffe abwechselnd heiß und kalt, bevor Desmond sie wieder absenkte.
"Ein schönes Stück", nickte er anerkennend und strich über das glatte, mattschwarze Kunststoffgehäuse. "Leicht, handlich, ich muss sagen: sie gefällt mir."
"Dann steht das Geschäft also?"
"Sicher", nickte Doc Desmond langsam. "Sobald ich mich davon überzeugt habe, dass sie auch in der Wirkung so toll wie versprochen ist."
Ginger dachte einen Augenblick nach, dann nickte sie, nahm die Waffe an sich und stellte sich in die Einfahrt der Garage. Joe McLaren reichte ihr ein Energiepack, das sie klickend im Magazinschacht einrasten ließ.
Mit dem Daumen entsicherte sie die Waffe, hob sie an die Schulter und zielte sorgfältig auf eine der Mülltonnen, die entlang der Mauer des alten Wohnhauses aufgereiht standen. Sie warf einen kurzen Seitenblick auf Desmond, der ihr fasziniert zusah, dann senkte sie die Waffe etwas und zog den Stecher durch.
Ein dünner silberner Strahl, fein wie ein Kratzer auf der massiven Schwärze der Nacht, zuckte auf den Cadillac zu. Die Konturen des Wagens leuchteten in einem grellen Grün auf, dann verschwand er, als habe es ihn nie gegeben und nur einen Handvoll glitzernder Staub senkte sich langsam zu Boden.
"Zufrieden?"
Desmond erwachte aus seiner Erstarrung. Sein ohnehin schon blasses Gesicht wurde noch um einige Nuancen bleicher. Er nickte wortlos.
Ginger funkelte ihn spöttisch an. "Ich meine, das dürfte dich davon überzeugt haben, dass wir hier keine sorgfältig abgekarteten Taschenspielertricks vorführen, nicht wahr?"
Doc Desmond war nicht zuletzt auch wegen seiner abgebrühten Kaltschnäuzigkeit berühmt. Er sah Ginger verblüfft an und als er dann lachte, klang es sogar echt.
"Wirklich gut", schmunzelte er, nahm ein dickes Bündel Geldscheine aus dem Koffer und zählte beiläufig eine halbe Million ab. Dann reichte er sie an Carl weiter. "Für den Wagen."
Jetzt war es Ginger, die ihn mit eingefrorenem Gesicht anstarrte. Doch bevor sie noch etwas sagen konnte, fiel ihr eine schneidende Stimme ins Wort. "Schluss mit der Scharade!"
Erbost wirbelte sie herum - und starrte genau in die Mündung einer .357er Desert Eagle. "Das Spiel ist aus, Ginger", schüttelte Jason Kimble den Kopf.
Ginger drehte sich um und sah Desmond hasserfüllt an. "Verräter", fauchte sie.
"Ich versichere dir, ich bin genauso überrascht wie du." Desmond starrte mit einer hochgezogenen Augenbraue an Ginger vorbei auf Kimble, der scheinbar völlig entspannt an der Garagenwand lehnte. Der Lauf der über zwei Kilo schweren Pistole schwankte keinen Millimeter.
"Du kannst ihm ruhig glauben, Ginger. Ich arbeite nicht für diese Ratte."
"Was willst du?" Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. "Geld?"
Jason schüttelte nur den Kopf.
"Die Waffe?"
"Unter anderem." Mit seiner freien Hand griff er in seine Jacke und zückte seine Brieftasche. "Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie, Ginger White, Sie, Leonard Desmond sowie alle Anwesenden wegen schweren Diebstahls, Hehlerei sowie unerlaubten Waffenbesitzes. Den Rest der Anklagepunkte wird man ihnen auf dem Revier mitteilen."
Ginger starrte ungläubig auf die silbern glänzende Polizeimarke. "Du bist ein Cop, Robards?"
"Lieutenant Jason Kimble, verdeckte Ermittlungen", nickte Jason. "Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Sollten Sie sich keinen eigenen Anwalt leisten können..." Jason lächelte spöttisch. "...wird ihnen vom Gericht..."
"Du kannst kein Cop sein!" fluchte Ginger wütend. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie du einen Bullen umgelegt hast!"
"Beim Harmon-Überfall?" Jason lachte. "Platzpatronen und jede Menge Filmblut. Die Sache war von langer Hand vorbereitet, um den Profikiller Jason Robards möglichst glaubwürdig in eure Gang einzuführen. Überrascht?"
"Ich habe deine Vergangenheit genau überprüfen lassen! Es war alles lückenlos: sogar die Gefängnisunterlagen stimmten!"
"Natürlich. Es gab wirklich mal einen Jason Robards, zu dem diese Akte gehörte. Er starb vor drei Jahren auf dem Elektrischen Stuhl. Nachdem wir diesen kleinen Schönheitsfehler aus der Akte entfernt hatten, brauchten wir nur noch die Fotos und ein paar andere Details ein wenig anzupassen - und schon war Jason Robards wieder auferstanden."
"Faszinierend", gab Doc Desmond zu. "Aber wir sind acht Mann. Sie hingegen sind allein. Eins zu acht. Ein ziemlich schlechtes Verhältnis, meinen Sie nicht auch?"
Jason schüttelte den Kopf. "In meiner Waffe sind neun Schuss. Eine für jeden von euch und eine in Reserve." Er lächelte melancholisch. "Nicht, dass ich mir einbilden würde, euch alle erledigen zu können, bevor ihr mich erwischt. Aber drei, vier von euch würde ich sicher noch mitnehmen. Wer will der erste sein? Sie, Doc?"
Der Hagere hob abwehrend die Hände, als der Lauf der Waffe in seine Richtung schwenkte. Seine Augenlider flatterten nervös.
"Oder du, Ginger?" Die Waffe schwenkte zurück. Er warf einen Blick auf ihr von einer Mischung aus Angst und Wut verzerrtes Gesicht und nickte. "Du also auch nicht. Und ihr wärt die einzigen, für die es sich lohnt. Keinem der anderen drohen mehr als ein paar Jahre Knast - nur auf euch beide wartet der Elektrische Stuhl."
Er stieß sich von der Wand ab und gab den anderen einen Wink mit der Pistole. "Und jetzt stellt euch entlang der Wand auf." Jason beobachtete mit raubtierhafter Aufmerksamkeit, wie die Gangster seinen Anweisungen nachkamen. "Hände an die Wand. Dann zwei Schritte zurücktreten und die Beine breit. Apropos: Ich könnte noch einen Kronzeugen für die Staatsanwaltschaft gebrauchen. Wie wär's mit dir, Joe?"
McLaren schluckte. "Straffreiheit?"
"Wenn du keine Kapitalverbrechen auf dem Kerbholz hast, von denen ich nichts weiß: ja."
"Dann bin ich dabei."
"Okay. Komm rüber zu mir."
Im selben Moment drehte sich Andy Short langsam um. Er schwitzte und in seinen Augen stand die nackte Angst. "Ich will nicht in den Knast, Jason! Wir waren doch immer gute Freunde, nicht wahr, Jason? Ich werde auch aussagen!" Er streckte Jason bittend die Arme entgegen. "Ich werde dir helfen, alles aufzudecken. Aber ich will nicht in den Knast!"
Jason sah ihn angewidert an. Für einen kurzen Moment ließ er in seiner Aufmerksamkeit nach. Und so registrierte er einen Sekundenbruchteil zu spät, wie Short seine Arme ruckartig streckte. Aus den Ärmeln seines zerknitterten Trenchcoats leckten zwei Flammenzungen.
Kimble hörte das Krachen der Schüsse erst, als die enorme Wucht der 12/76er Geschosse ihn gegen die Wand schleuderte. Trotz seiner kugelsicheren Weste presste ihm die Wucht des Aufpralls die Luft aus den Lungen und ließ ihn keuchend nach Luft schnappen.
"Stirb, du verfluchtes Bullenschwein!" brüllte Short. Sein Gesicht war eine hassverzerrte Grimasse. Mit einer fließenden Bewegung repetierte er die Läufe der in seinem Mantel verborgenen abgesägten Maverick Pump-Actions.
Diesmal war Jason schneller. Er riss die Desert Eagle hoch und feuerte, bevor der Killer erneut abdrücken konnte. Die Kugel traf den untersetzten Short in die Brust und schleuderte ihn an die Garagenwand, wo er in einer Blutlache zu Boden rutschte und wie eine zerbrochene Gliederpuppe liegen blieb.
Er bemerkte eine Bewegung aus dem Augenwinkel und wirbelte herum. Das letzte, was er sah, war Gingers mordlüsternes Gesicht hinter dem Lauf des Desintegrators. Dann zuckte ein feiner silberner Strahl auf ihn zu und schleuderte ihn ins Nichts.
Ginger sah noch einige Sekunden lang den langsam herabsinkenden Staubpartikeln zu, dann entspannte sich ihr Gesicht und sie lächelte Joe McLaren an. Es war ein Lächeln, das nicht ihre strahlend blauen Augen erreichte, das überlegene Lächeln einer Raubkatze, die ihre Beute gestellt hatte. "Kronzeuge, hm, Joe? Meinst du nicht auch, dass das eine etwas voreilige Entscheidung war?" Sie lachte böse.
Joe spürte, wie die Angst lähmend in ihm hochkroch. Er wusste, dass nichts, was er tun oder sagen könnte, noch etwas an dem drohenden Entschluss ändern konnte, der in ihren stahlblauen Augen geschrieben stand.
Doc Desmond legte ihr seine behandschuhte Hand auf die Schulter. "Lass mich den kleinen Bastard erledigen, Ginger."
Joe wusste, dass er verloren hatte.

Kapitel 2: Eine fremde Welt


Als Jasons Bewusstsein wieder zu erwachen begann, sah er den Nebel. Undurchdringlichen, blaugrauen Nebel, der sich in trägen Wolken um ihn bewegte. Irgendeine Kraft zog ihn voran, immer schneller durch die Nebelbänke. Nur selten lichtete sich der Dunst und ließ ihn erkennen, was sich dahinter verbarg und selbst dann weigerte sich der verbliebene rationelle Teil seines Bewusstseins, das Gesehene zu akzeptieren.
Er sah düstere, amorphe Gestalten, kriechende Schatten und drohende Schemen, doch er wurde immer schneller, schneller und schneller, bis der Nebel und die darin lauernden Schatten zu konturlosen Streifen verschwammen, bis alles zu einem rasenden Grauschleier verschmolz.
Er ahnte die Grenze mehr als er sie sah und plötzlich war da nur noch - Schwärze. Nacht. Dunkelheit.
Jason stöhnte und fasste sich mit der rechten Hand an die Stirn. "Wo zum Teufel bin ich hier?"
Langsam kamen Fragmente der Erinnerung zurück. Die Garage, Ginger, der Desintegrator... Der Desintegrator! Jason tastete hektisch an sich herab. Überall fühlte er nur nackte Haut.
Wo war seine Kleidung? Alles war verschwunden; auch die kugelsichere Weste, die ihm das Leben gerettet hatte, als Short auf ihn schoss. Aber die Quetschungen und Prellungen vom Aufprall der Geschosse waren noch da und machten sich schmerzhaft bemerkbar.
Erst jetzt kam Jason wieder so weit zu sich, dass er seine Umgebung bewusst wahrnahm. Es war kalt hier und der Untergrund, auf dem er lag, war hart und scharfkantig. Außerdem roch es muffig und stickig. Das Wort modrig drängte sich in Jasons Bewusstsein.
Er versuchte, sich aufzurichten und stieß gegen Stein. Er versuchte, die Arme nach den Seiten auszustrecken, und wieder war da Stein, rauer, grob behauener Stein.
Mein Gott, dachte Jason entsetzt, man hat mich begraben. Nein nicht begraben, das hier war kein Sarg und er trug auch kein Totenhemd. Sie hatten ihn vergraben, alle Spuren beseitigt, ihn irgendwo im Keller eines alten Hauses verscharrt und eingemauert.
Jason spürte die aufkeimende Panik und zwang sich, tief und ruhig durchzuatmen. Tief und ruhig. Er schloss die Augen, wartete, bis sein rasender Herzschlag sich etwas beruhigt hatte und schlug die Augen wieder auf. Und dann sah er das Licht.
Es war nicht mehr als ein schmaler Streifen goldenen Lichts, der durch einen Spalt in sein Gefängnis fiel und mit den umhertanzenden Staubkörnern spielte. Aber für Jason war dieses Licht heller und wärmender als tausend Sonnen.
Fieberhaft tastete er die Decke über sich ab, bis er den schmalen Ritz fand. Er atmete tief durch, spannte seine Muskeln an und drückte mit aller Kraft gegen die Steinplatte. Sie rührte sich kaum, aber als er keuchend auf dem kantigen Untergrund lag, hatte er das Gefühl, dass der Lichtstrahl etwas breiter geworden war.
Er wartete mit halbgeschlossenen Augen, bis er sich erholt hatte, dann startete er einen erneuten Versuch. Millimeter um Millimeter gab die Platte nach. Die Pausen zwischen den einzelnen Versuchen wurden immer länger, aber schließlich war der Spalt breit genug, dass er ein Auge daran legen und einen Blick auf seine nähere Umgebung werfen konnte.
Er befand sich in einer Felsenhöhle. Hoch über ihm wuchsen milchig weiße Stalaktiten von der Decke herab. Am Rand seines Blickfelds konnte Jason den bizarr geformten, verwitterten Höhleneingang erkennen und erhaschte einen kurzen Blick auf schneebedeckte Gipfel, die halb hinter wattigen Wolkenschichten verborgen lagen.
Wo war er hier? Vergeblich zermarterte sich Jason den Kopf, versuchte, wenigstens ungefähr herauszufinden, wohin man ihn verschleppt hatte. Vergeblich.
Es dauerte noch bis zum frühen Abend, bis Jason mit einer letzten Kraftanstrengung die Steinplatte über den Rand wuchtete, wo sie mit einem dumpfen Knirschen aufschlug.
Dann stand er zitternd auf, zitternd nicht nur wegen des kühlen Windes, der um seinen fröstelnden Körper spielte, sondern auch, weil er endlich sah, wo er sich befand. Mit einem Schlag fiel das Gebäude seiner sorgfältig genährten Hoffnungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Er war nicht nur nicht mehr in Detroit, dies hier war nicht einmal Amerika. Und Jason hatte ernste Zweifel, dass er sich noch auf der Erde befand.
Die schneebedeckten Gipfel, die drohend und massiv vor dem Höhleneingang aufragten, waren zerklüftet und kahl und die wilden, fremdartigen Schreie der Vögel, die hoch über ihm ihre Kreise zogen, erinnerten ihn an keine Vogelart, die er jemals gehört hatte.
Sein nackter Fuß stand auf etwas Hartem, Kantigem, das unter dem Druck ächzte und knirschte. Jason sah an sich herab - und erstarrte. Er stand auf einer Rüstung, einer silbernen Rüstung mit filigranen goldenen Ornamenten. Zwischen den engmaschigen Gliedern des Kettenhemds sah er undeutlich die grauen Rippen desjenigen durchschimmern, den man hier in seiner Rüstung begraben hatte.
Zwischen den über der Brust gefalteten Händen des Skeletts lag eine gewaltige Streitaxt mit zwei scharfen, halbmondförmigen Klingen und einem Griff aus massivem Stahl, der jedoch wundersamerweise trotz der Jahrzehnte, nein, eher Jahrhunderte, die die Waffe hier in der Berggruft gelegen haben musste, nicht einen einzigen Rostfleck aufwies.
Jahrhunderte, in denen kein menschliches Wesen die Ruhe des Toten gestört hatte, dachte Jason erschaudernd. Angesichts der ganz offensichtlich äußerst wertvollen Waffe und Rüstung fielen ihm nur drei plausible Erklärungen dafür ein.
Erstens: Kein Mensch wusste, dass sich solche Schätze in der Gruft befanden.
Zweitens: Die Leute hatten eine geradezu abergläubische Furcht vor diesem Ort.
Drittens: Es gab hier weit und breit keine anderen Menschen. Diese Möglichkeit war ebenso erschreckend wie wahrscheinlich. Dieses Gebirge wirkte dermaßen unwirtlich und karg, dass sich Jason nicht vorstellen konnte, dass jemand freiwillig hier leben würde.
Jason bückte sich und nahm die Axt genauer in Augenschein. Die kunstvoll geschmiedeten Klingen fielen ihm als Erstes ins Auge: Genau wie die Rüstung waren sie mit fein ziselierten goldenen Ornamenten eingelegt, die sich in feinen Ranken und fremdartigen Symbolen bis zum Stiel zogen.
Nachdenklich wischte er den Staub von der Waffe, und jetzt erst fiel ihm der in den Schaft eingravierte Schriftzug auf, der sich wie eine silberne Schlange von den Klingen bis zum verzierten Knauf wand.
Aber da war noch etwas an dieser Waffe, etwas, das man mit den Augen nicht erkennen konnte, das spürte Jason im gleichen Moment, als er sie berührte. Ein plötzlicher Lufthauch ließ ihn frösteln. Er sah nach draußen, wo sich dunkle Gewitterwolken am Horizont ballten. Es würde ein Unwetter geben, vielleicht nicht sofort, aber bestimmt innerhalb der nächsten Stunden.
Hier konnte er nicht bleiben, oder er würde die kommende Nacht nicht überleben. Schon jetzt war es empfindlich kalt und die Temperatur fiel ständig. Bis zum Einbruch der Nacht würden hier Temperaturen unter dem Gefrierpunkt herrschen.
Er brauchte Kleidung, einen Unterschlupf und ein Feuer, an dem er sich wärmen konnte. Er sah sich suchend in der Höhle um, aber bis auf den schweren Sarkophag mit den vom Wind und Wetter glatt geschliffenen Außenwänden war die Höhle leer. Jason fühlte über den kühlen Stein des Deckels. Irgendwann einmal mochten Bilder oder Inschriften darauf gewesen sein, aber das raue Wetter hatte sie schon längst bis zur Unkenntlichkeit verschliffen.
Wo war er hier? Die Frage drängte sich mit geradezu schmerzhafter Intensität wieder in Jasons Gedanken. Er musste tot sein. Er hatte gesehen, was mit Desmonds Cadillac passiert war.
Aber das beantwortete seine Frage auch nicht. War das hier etwa der Himmel? Oder die Hölle? Oder ... Walhalla?
Jason war nie ein besonders religiöser Mensch gewesen. Er hatte sich stets als Agnostiker betrachtet, hatte seinen Weg und seine eigene Auffassung gefunden, aber was er hier erlebte, stellte alles was er als wahr und unabänderlich betrachtet hatte, in Frage und warf  ihn somit nicht nur körperlich, sondern auch geistig verlassen in eine fremde Welt, die er sich nicht erklären konnte.
Aber Jasons Lebenswille ließ sich nicht so schnell unterkriegen. Je mehr ihn diese rätselhafte, fremde Welt, in der er da gelandet war, vor Rätsel stellte, desto entschlossener war er, herauszufinden, was mit ihm passiert war.
Er musste überleben, und wenn es nur war, um herauszufinden, wo er hier war und wie er hier hergekommen war.
Entschlossen drehte er sich zum Sarkophag um und hob den mumifizierten Leichnam heraus. Er brauchte die Rüstung, denn auch wenn sie nur wenig Schutz gegen die aufziehende Kälte bot - ohne sie würde er sterben.
Mit klammen Fingern nestelte er an den Schnallen und Verschlüssen herum, bis er die Rüstung öffnen und den Toten herausheben konnte. Er musste einmal ein großer, kräftiger Mann gewesen sein, vielleicht ungefähr von Kimbles Statur, aber jetzt war sein ausgetrockneter, mumifizierter Körper so leicht, als ob er aus Pergament und Balsaholz bestünde.
Woran der Mann auch gestorben sein mochte, es war mit Sicherheit kein leichter und schneller Tod gewesen. Denn obwohl Jason keine sichtbaren Verletzungen erkennen konnte, war das kantige Gesicht des Toten eine schmerzverzerrte Grimasse: weit aufgerissene Augen, schief zusammengebissene Zähne. Jason fragte sich, wer dieser Mann gewesen sein mochte. Ein Krieger, vermutlich ein Adliger, nach seiner aufwändigen Bewaffnung zu schließen. Nun, jetzt war er jedenfalls schon lange tot, aber seine Rüstung würde ihm heute helfen, zu überleben.
Kimble legte die Rüstung an, zurrte die Gurte fest und setzte den Helm auf. Alles passte wie angegossen. Er schulterte die Axt und wollte schon die Höhle verlassen, als sein Blick noch einmal auf den Leichnam des unbekannten Kriegers fiel. Wer immer dieser Mann gewesen sein mochte, er sollte nicht aus seiner letzten Ruhestätte herausgerissen werden.
Jason lehnte die Waffe wieder an die Felswand, hob den Leichnam auf und bettete ihn wieder in seinen Sarg. Schließlich wuchtete er noch die Steinplatte an ihren alten Platz und verschloss so das Grab wieder, bevor er die Streitaxt nahm und hinaus ins Freie trat.
Als er auf dem schmalen Felsvorsprung vor der Höhle stand, bot sich ihm ein beeindruckendes Panorama: Die zerklüfteten grauen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln schienen im Licht der langsam hinter dem Horizont versinkenden Abendsonne rötlich zu glühen und der mit grauen Gewitterwolken übersäte Himmel erstrahlte in roten und violetten Tönen.
Es war ein Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch. Ein paar Minuten stand Jason einfach da, saugte die kalte, klare Luft in seine Lungen und ließ die ursprüngliche Wildheit dieser Landschaft auf sich einwirken. Sei es durch die Erleichterung, dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen zu sein oder durch den Anblick dieser fremden, unbekannten Welt - Jason fühlte sich so lebendig und frei wie schon lange nicht mehr.
Dann sah er den steilen Hang hinab, versuchte einen begehbaren Weg zwischen den wie von einer Riesenhand verstreuten Felsen und den wenigen struppig dornigen Gewächsen zu finden, die sich verzweifelt an den nackten Felsen klammerten. Die Sicht wurde schon langsam schlechter, weiter unten erkannte Jason nur noch konturlose Schatten.
Kurzentschlossen machte er sich an den Abstieg. Halb kletterte, halb rutschte er den geröllbedeckten Hang hinab. Es ging unerwartet gut und die Rüstung behinderte ihn weit weniger, als er befürchtet hatte. Im Gegenteil schützte sie ihn vor den sonst unvermeidlichen Schrammen und Kratzern.
Jason war vielleicht zehn Minuten unterwegs, als er ein Geräusch zu hören glaubte. Er blieb stehen und lauschte. Nichts. Das einzige, was er hörte, war das Pfeifen des Windes, der sich in seinem Helm fing.
Er war schon bereit, das Ganze als eine Täuschung anzusehen, als er das Geräusch wieder hörte. Diesmal war es näher. Ein Kratzen, wie von Krallen auf Stein. Und diesmal war Jason sicher, dass er sich nicht verhört hatte. Trotzdem hätte er nicht sagen können, aus welcher Richtung der Laut gekommen war.
Eine Vielzahl unangenehmer Vorstellungen schoss ihm durch den Kopf. Er war in einer fremden Welt, einer Welt, die nicht viel mit seiner Welt gemeinsam hatte. Also rechnete er vorsichtshalber mit dem Schlimmsten: Vor seinem geistigen Auge sah er ein unbeschreibliches Monstrum, das unvorsichtige Wanderer in der Dunkelheit beschlich und sie dann grausam abschlachtete.
Einen Augenblick lang überlegte er, ob er den Helm abnehmen sollte, um besser hören zu können, verwarf den Gedanken dann aber sofort wieder. Wenn irgendwo da draußen wirklich ein angriffslustiges Tier oder so etwas lauerte, war es besser, sich keine Blöße zu geben.
Er packte die Streitaxt mit beiden Händen und drehte sich abrupt um. Er glaubte, einen dunklen, entfernt menschenähnlichen Schatten gesehen zu haben, der sofort behände davon glitt und mit den umgebenden Schatten verschmolz.
Jason spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Wer zum Teufel war das - oder eher: Was war das? Die Bewegungen des Wesens wirkten zu geschmeidig für einen Menschen. Weit entfernt zuckte ein greller Blitz vom Himmel und tauchte die Landschaft in ein unheimliches weißes Licht.
Diesmal sah Jason die Gestalt genauer: Sie stand keine zehn Meter von ihm entfernt im Schatten eines Felsens; groß, größer als ein Mensch, vielleicht zweieinhalb Meter. Zottiges Fell, das im aufziehenden Sturmwind flatterte, eine affenähnliche Schnauze mit langen Reißzähnen und zusammengekniffenen Augen, in denen sich das Zucken des Blitzes widerspiegelte. Der Kehle des Monstrums entrang sich ein drohendes Knurren, das sich mit dem dumpfen Grollen des nahenden Donners vermischte.
"Oh mein Gott", stammelte Jason entsetzt und verkrampfte seine Hände so fest um den Griff der Axt, dass seine Knöchel unter der Haut weiß hervortraten. Jetzt begann der Regen herabzuprasseln, ein wahrer Wolkenbruch, der ihm endgültig jede Chance nahm, seinen Gegner zu hören. Jason fühlte die Regentropfen auf die Rüstung prasseln, spürte, wie sie ihm eiskalt über Brust und Rücken herabliefen, und während ihm ein eisiger Schauer über den Rücken lief, wuchs auch die innere Kälte in ihm. Die Erregung blieb, aber jetzt war es nur noch die normale Nervenanspannung vor einem Kampf; die selbstzerstörerische Furcht jedoch war verschwunden.
Ein weiterer Blitz flammte auf und beleuchtete das gespenstische Szenario. Die Bestie stand nicht mehr am selben Platz. Jason wirbelte herum, bis er sie sah. Sie war näher gekommen, war keine fünf Meter mehr entfernt und umkreiste ihn lauernd, als wolle sie seine Stärken und Schwächen ausloten.
Dann stieß die Kreatur ein unmelodisches Heulen aus, das Jason eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Er spürte instinktiv, dass das Wesen auf Verstärkung wartete. Seine einzige Chance lag darin, dieses eine Wesen zu töten und zu fliehen, bevor die anderen hier auftauchten.
Schon dieses eine Monster war ihm körperlich weit überlegen, und seine Chancen gegen ein ganzes Rudel dieser Bestien würden geringer sein als die eines Schneeballs in der Hölle.
Er versuchte einen Ausfall nach der Seite, aber die Kreatur erkannte seine Absicht sofort. Mit einem raubtierhaften Satz versperrte sie Jason den Weg und knurrte ihn mit drohend gefletschten Zähnen an.
Gut, dachte Jason und lächelte mit grimmiger Entschlossenheit, du bist also schneller als ich. Also auf die harte Tour... Er drehte sich auf der Stelle um und hetzte mit großen Sprüngen in die Dunkelheit. Die Bestie brüllte auf. Jason wusste, dass sie hinter ihm war - und näher kam. Jetzt! Er sank in einer Hundertachtzig-Grad-Drehung in die Knie und ließ die Klinge der Axt wie ein blitzendes Pendel im Halbkreis schwingen. Auf halbem Weg traf sie den haarigen Körper im Sprung und glitt fast ohne Widerstand hindurch.
Jason dachte schon, er hätte das Monstrum verfehlt oder höchstens gestreift und warf sich mit einem verzweifelten Sprung zur Seite. Doch noch während er sich über die Schulter abrollte hörte er, wie das Wutgebrüll der Bestie in ein jaulendes Winseln überging und dann abrupt verstummte. Er kam stolpernd auf die Beine und hielt die Axt schützend vor sich. Im Licht eines jäh aufflammenden Blitzes sah er, wie der strömende Regen dünne Blutfäden von der glänzenden Klinge spülte.
An der Stelle, wo er eben noch gekniet hatte, lag der reglose Körper der Bestie, die wulstigen Lippen noch im Tod zu einer blutgierigen Grimasse verzerrt. Jason ging auf ihn zu und trat ihm in die Rippen. Es knirschte dumpf, aber die Bestie rührte sich nicht mehr. Tot, dachte Jason erleichtert, der trotz der großen Blutlache keine Wunden sehen konnte. Zögernd bückte er sich und wälzte den Kadaver auf den Rücken. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, wurde ihm beinahe schlecht. Die Klinge hatte die Bestie von einer Seite zur anderen aufgeschlitzt, ein Schnitt durch Fell, Muskeln und Eingeweide, der die blanke Wirbelsäule freilegte. Der Kadaver war fast in der Mitte durchtrennt.
Jason warf einen ungläubigen Blick auf die Axt. Er hatte nur einen winzigen Ruck gespürt! Diese Klinge musste schärfer sein als alles, was er jemals gesehen hatte...

Kapitel 3: Urban


Jason tastete sich frierend an den scharfkantigen Felsen entlang. Er wusste zwar die ungefähre Richtung, die er einschlagen musste, aber jedes Mal, wenn ein Blitz die Landschaft erleuchtete, merkte er, dass er wieder ein paar Meter vom Weg abgekommen war.
Auf einmal, als er um einen Felsvorsprung bog, sah er ein rötlich schimmerndes Licht in ein paar hundert Metern Entfernung. Im ersten Moment dachte er, einer der Blitze habe das dünne Gesträuch am Hang entzündet, aber dann erkannte er, was es war: ein Fenster. Ein Fenster in dieser gottverdammten Einöde!
Er hastete voran, stolperte und rollte die nächsten paar Meter den Hang hinunter, bis ein zwischen den Felsen verkeilter Dornenstrauch seinen Sturz aufhielt. Vorsichtiger geworden näherte er sich der Hütte, deren Lichtschein ihn anzog wie die Kerze eine Motte. Er brauchte fast eine Viertelstunde, bis er sie endlich erreicht hatte.
Die windschiefe Hütte kauerte sich wie ein schutzsuchendes Tier zwischen die schützenden Felsen. Jason umrundete sie einmal und entdeckte dabei ein kleines Beet und ein grob gezimmertes Gatter, in dem ein paar Ziegen hektisch hin und her liefen.
Nachdem er wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen war, ohne etwas Verdächtigtes entdeckt zu haben, schlich er sich an das hell erleuchtete Fenster und starrte fröstelnd hinein.
Vor einem prasselnden, knackenden Kaminfeuer hockte ein grauhaariger Mann in einer weißen Felljoppe auf einem mit Ziegenfell bespannten Holzklotz und wärmte sich die ausgestreckten Hände an den Flammen.
Der Mann sah zwar kräftig, aber nicht unbedingt gefährlich aus, und so ging Jason an die Tür und klopfte. Von innen hörte er ein scharrendes Geräusch, dann langsame Schritte, dann öffnete sich quietschend die Tür und Jason stand dem Besitzer der Hütte Auge in Auge gegenüber. Nachdem er ihn bisher nur von hinten gesehen hatte, sah er nun zum ersten Mal sein Gesicht: ein hartes, kantiges Gesicht mit breitflächigen Zügen, buschigen Augenbrauen und grauen Augen, die so kalt wie Eiskristalle blickten.
Der Mann musterte ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Erstaunen, öffnete die Tür ganz und winkte ihn mit einer übertrieben wirkenden Verbeugung herein. Jason trat in die anheimelnde Wärme der Stube und sah sich ungeniert um.
An den Wänden hingen Regale mit Lebensmittelvorräten und Werkzeugen, in der Ecke neben dem Kamin stand eine Pritsche mit einer Felldecke und einem ausgestopften Sack, der als Kissen diente.
"Nehmt doch Platz, edler Herr", brach der Alte zum ersten Mal das Schweigen und Jason war sich sicher, so etwas wie Spott aus seiner Stimme herausgehört zu haben.
Erschöpft wie er war kam er der Aufforderung widerspruchslos nach und ließ sich auf die Pritsche sinken. Erst als er schon saß, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Der Mann hatte ihn auf Englisch angesprochen, zwar mit einem sehr fremdartigen Akzent, aber es war einwandfrei Englisch. "Sie sprechen meine Sprache?" fragte er erstaunt.
"Ihre Sprache?" Die Überraschung in der Stimme des Alten wirkte echt. "Wie meint Ihr das?"
Jason winkte müde ab. "Vergessen Sie es. Ich komme von ... weit her und wunderte mich nur, dass Sie hier dieselbe Sprache wie in meiner Heimat sprechen."
"Ihre Heimat?" fragte der Alte lauernd. "Wo ist das?"
Jason deutete mit dem Finger den Berg hinauf. "Viele Tagesreisen in diese Richtung."
Der Alte sah die nackte Haut, die an manchen Stellen unter der Rüstung hervorschimmerte. "Ihr müsst sehr eilig aufgebrochen sein", grinste er anzüglich, wühlte kurz in einem Sack, der in der Ecke stand und zog ein paar wollene Kleidungsstücke hervor. "Nehmt dies, Ihr werdet Euch sonst noch den Tod holen. Habt Ihr Hunger?"
Jason nickte. Während er die Rüstung ablegte und in die zwar schlichten, aber sauberen Kleidungsstücke schlüpfte, schob der Mann einen Rost über das Feuer, holte zwei große Stücke Fleisch von den Haken an der Decke und warf sie auf den Rost. Es zischte und brutzelte und innerhalb von Sekunden stieg Jason ein appetitlicher Duft in die Nase.
Der Alte nahm zwei tönerne Becher aus dem Regal und füllte sie mit Milch aus einem irdenen Krug. Eine Zeitlang saßen sie schweigend da und starrten in die Flammen.
"Wollt Ihr mir nicht die Wahrheit erzählen?" fragte der Alte sanft.
Jason sah ihn an. "Die Wahrheit?"
Der Alte nickte. "Ihr taucht hier mitten in der Nacht auf, das einzige, was Ihr tragt, ist die seit Jahrhunderten verschollene Rüstung von Khazar und dann habt Ihr auch noch den Todbringer. Und zu allem Überfluss versucht Ihr mir auch noch diese haarsträubende Geschichte aufzutischen, Ihr kämt von jenseits des Gebirges. Aber dort ist nur der Ozean." Er lächelte. "Ich muss zugeben, ich bin auf Ihre Geschichte gespannt - auf die wahre Geschichte."
"Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht mit einem Schiff gekommen bin?"
"Weil die ganze Küste nur aus Riffen und Klippen besteht. Selbst die erfahrensten Seeleute wagen sich nicht näher als eine Meile an die Küste. Und Ihr wollt da gelandet sein?"
Jason schüttelte den Kopf. "Natürlich haben Sie Recht. Die ganze Geschichte war reine Erfindung; etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein. Aber ich glaube kaum, dass Sie mir die Wahrheit glauben werden. Sie ist noch wesentlich phantastischer als jede erfundene Geschichte."
"Probiert es doch einfach aus", schlug der Mann vor und sah ihn erwartungsvoll an.
"Würden Sie mir glauben, dass ich aus einer anderen Welt komme?" grinste Jason schief.
Der Alte zuckte die Achseln. "Warum nicht? Es gibt viele Mythen, die von anderen Welten neben unserer berichten."
"In meiner Welt bin ich gestorben", fing Jason düster an. "Ich hatte das Gefühl, durch eine Art Nebel zu schweben und als ich erwachte, war ich in einer Höhle dort oben im Gebirge. Dort fand ich auch die Rüstung und die Axt." Er sah den Alten an. "Das ist die Wahrheit."
"Wie seid Ihr in Eurer Welt gestorben?"
"Eine Frau hat mich mit einer Strahlenwaffe getötet."
"Strahlen?" Die Stirn des Alten legte sich in nachdenkliche Falten. "Eine magische Waffe?"
Jason wollte schon grinsend den Kopf schütteln, aber dann kam ihm ein gewagter Gedanke. Was wusste er schon über Magie? Als 'zivilisierter' Mensch lachte man über so etwas, aber in seiner jetzigen Lage hielt er nichts mehr für unmöglich. Also nickte er nur und sagte "Vielleicht."
"Das erklärt manches. Was hattet Ihr bei Euch, als Ihr ... ankamt?"
"Nichts. Meine Kleidung, meine Waffe - alles war einfach verschwunden."
Der Alte nickte zufrieden. Offensichtlich ergab das alles für ihn einen Sinn. "Es war Magie", stellte er fest. "Es gibt Formen der Magie, die nur auf unbelebte Materie wirken, andere, die nur lebendige Wesen beeinflussen. Diese Art von Magie hat Euch hierher gebracht."
Jason wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Technologie und Magie - vielleicht griffen beide auf dieselben geheimnisvollen Naturkräfte zurück, von deren wahrem Verständnis die Menschheit immer noch weit entfernt war. Und vielleicht hatte der Alte wirklich Recht. Noch immer erschien diese Möglichkeit Jason so phantastisch, dass er es nicht glauben wollte; aber - was sollte er sonst glauben?
"Sie erwähnten die Rüstung und etwas, das Sie den Todbringer nannten", erinnerte er den Alten.
"Diese Rüstung ist die legendäre Rüstung von Khazar, und die Streitaxt ist der Todbringer", murmelte der Alte, während er in längst vergessen geglaubten Erinnerungen wühlte. "Die Überlieferungen sagen, dass beide einst Theron von Khazar gehörten. Er war ein mächtiger Krieger und ein Adept der Weißen Magie. Er lebte vor mehr als fünfhundert Jahren, als das Alte Reich noch existierte. Er kam aus dem Inselreich des Westens, das inzwischen schon lange unter den Fluten des Ozeans begraben liegt, und stand König Elric im Kampf gegen Dagonrath und seine Dunklen Legionen bei."
"Und haben sie gewonnen?" fragte Jason gespannt.
Der Alte schüttelte den Kopf. "Dagonrath lockte Theron in eine Falle. Er und zwölf seiner Schwarzen Adepten lauerten ihm und seinem Gefolge in den Nebelbergen auf und töteten ihn." Er sah Jason mit einem seltsamen Blick an, den dieser nicht zu deuten wusste. "Therons Anhänger bestatteten ihn im Geheimen mit seinen Waffen. Niemand wusste wo - bis heute."
"Und Dagonrath?"
"Dagonrath und seine höllischen Schergen herrschen bis heute über ganz Veanon."
"Dann müsste dieser Dagonrath ja über fünfhundert Jahre alt sein", staunte Jason ungläubig.
"Fünfhundert?" Der Alte prustete verächtlich. "Dagonrath ist mehr als tausend Jahre alt. Er ist unsterblich. Man behauptet, dass er seine Lebensenergie aus Menschenopfern bezieht."
Jason schauderte. Magier, Monster und Menschenopfer - in was für eine Welt war er da nur geraten! "Erzählen Sie mir mehr über Ihr Land Veanon", forderte er den Alten auf.
"Veanon?" lachte der Alte. "Nein, dies hier ist nicht Veanon, sondern Styngard. Veanon liegt im Süden."
"Und dort herrscht dieser Dagonrath?"
Der Alte nickte. "In letzter Zeit wagen er und seine Horden immer häufiger Übergriffe auf unser Grenzgebiet. Er wird immer stärker." Er spießte schweigend das Fleisch mit einer zweizinkigen Gabel auf und wendete es.
"Wie ist Eure Welt? Erzählt mir davon", wandte er sich an Jason.
"Tja, wo soll ich da anfangen", zuckte Jason die Schultern. "Sie ist völlig anders als Eure Welt, soweit ich das beurteilen kann..." Er erzählte dem interessiert zuhörenden Alten von Staaten und Regierungen, Autos, Atomwaffen, Fabriken, Büros und den riesigen Städten mit ihren krassen Gegensätzen zwischen Armut und Reichtum und dem sich stetig ausbreitenden Geschwür des Verbrechens. Er berichtete von den mächtigen Syndikaten, die Polizisten und Politiker kauften, und von dem fast aussichtslosen Kampf der Polizei gegen die Verbrecher. Von Kommunisten und Kapitalisten, von Fastfood und Stress, von der Wegwerfgesellschaft, ihrem Müll und der Zerstörung der Umwelt. Von Mondflügen und Genmanipulationen, Telefonen und Computern.
Er hielt nur gelegentlich kurz inne, um einen Bissen Fleisch zu essen und ihn mit einem Schluck Milch herunterzuspülen. Danach erzählte er weiter. Und er fand in dem Alten einen interessierten Zuhörer, der das Gespräch mit eingestreuten Zwischenfragen auf die Gebiete zu bringen verstand, die ihn besonders zu interessieren schienen.
"Ihr lebt in einer seltsamen Welt", schüttelte der Alte schließlich den Kopf. "Und ich möchte nicht dort leben, das versichere ich Euch." Er nahm einen Schürhaken und stocherte damit in den glühenden Holzscheiten herum. "Unsere Welt ist wirklich anders. Bei uns kann jeder Mann sein Schicksal selbst bestimmen, ohne von Regierungen behelligt zu werden. Es ist eine Welt der Starken."
"Wie meinen Sie das?"
"Eure Welt ist eine Welt für Schwächlinge. Sie werden geschützt und behütet, die Starken hingegen werden klein gehalten, bis auch sie schwach sind. Wer sich gegen dieses System wehrt, wird von euch als Verbrecher gejagt", sagte der Alte bitter.
"Aber eine Gesellschaft braucht feste Regeln, um zu existieren. Und sie muss auf die Einhaltung dieser Regeln achten, wenn sie nicht untergehen will", wandte Jason ein.
"Trotzdem dürfen diese Regeln den Einzelnen nicht einengen. Die Grundlagen des Zusammenlebens bilden sich in jeder kleinen Gruppe heraus. Wer sich dieser Gruppe anschließen will, muss ihre Regeln befolgen. Wer andere Regeln will, muss eine eigene Gruppe gründen. Aber er wird nur dann Anhänger finden, wenn seine Gesetze gerecht sind", argumentierte der Alte. "Und so leben wir hier in Styngard. Wir haben einen König, aber seiner Macht ordnen sich die Fürsten nur dann unter, wenn dem Land Gefahr droht. Ansonsten lebt jede kleine Gesellschaft nach ihren eigenen Gesetzen. Und wir leben sehr gut so."
Jason schwieg. Er kannte die Verhältnisse dieses Landes nicht gut genug, um dazu Stellung zu beziehen. Und so zuckte er nur die Schultern und sagte: "Wir kommen wirklich aus sehr verschiedenen Welten. Was für den einen eine unumstößliche Wahrheit darstellt, ist für den anderen unvorstellbar."
"Ein wahres Wort", lachte der Alte und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. "Nun seid Ihr jedenfalls hier und es sieht nicht so aus, als ob Ihr in nächster Zeit in Eure Welt zurückkehren könntet. Sehnt Ihr euch dorthin zurück?"
Die Frage wirkte wie beiläufig eingestreut, aber Jason bemerkte den forschenden Blick des Alten. Er zögerte einige Sekunden mit seiner Antwort, und der Schluss, zu dem er kam, überraschte ihn selbst. "Nein", schüttelte er nachdenklich den Kopf, "eigentlich nicht. Normalerweise sollte ich das, nicht wahr? Ich wundere mich selbst, aber..."
Er lehnte sich zurück, um die Gedanken zu sortieren, die wie aufgescheuchte Hornissen durch seinen Kopf schossen.
"Eigentlich gibt es nicht viel, was mich dort hält", sagte er schließlich. "Ich habe weder Frau noch Kinder, die mich vermissen werden. Nein, offen gestanden ist meine Neugier auf diese unbekannte Welt weit stärker als alles, was mich dorthin zurück ziehen könnte."
Urban lächelte mit einem angedeuteten Nicken, als ob er eine ähnliche Antwort erwartet hätte. "Was also wollt Ihr tun?"
"Ich weiß es nicht", gab Jason unumwunden zu. "Im Moment bin ich erst einmal froh, dass ich noch am Leben bin. Weitere Pläne habe ich noch nicht. Warum?"
"Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier bleiben. Ich habe hier einiges an Arbeit zu erledigen und könnte eine helfende Hand gut gebrauchen."
"Für Kost und Logis?" Jason schüttelte unschlüssig den Kopf. "Nehmt es mir nicht übel, aber ich würde doch lieber zur nächsten größeren Stadt weiterziehen."
"Keine Chance", zerstörte der Alte seine Illusionen. "Wir haben Winteranfang. In wenigen Tagen wird hier alles zugeschneit sein. Ohne einen guten Führer, der sich in den Bergen auskennt, kommt Ihr niemals lebend unten an."
"Ich werde es trotzdem versuchen", beharrte Jason.
"Ich mache Euch einen Vorschlag", lenkte der Alte ein. "In zwei Wochen kommen Freunde von mir hier vorbei. Ihr könnt mit ihnen gehen. Bis dahin helft Ihr mir hier und im Gegenzug erzähle ich Euch einiges über unsere Welt, das Euch später nützlich sein könnte." Er zögerte. "Es ist nicht immer gut, sich als Fremder zu erkennen zu geben."
"Einverstanden", nickte Jason.
"Gut. Dann schlage ich vor, dass wir auf Förmlichkeiten verzichten. Ich heiße Urban."
"Und ich bin Jason. Auf gute Zusammenarbeit!" Er hob den halbvollen Becher und stieß mit Urban an. "Fangen wir am besten gleich mit dem Unterricht an. Was gibt es zum Beispiel über die Berge hier zu wissen?"
"Kommt drauf an. Was willst du denn wissen? Ich meine, über das Wetter, die Bewohner, oder was für Tiere und Pflanzen es hier gibt?"
Bei dem Wort Tiere zuckte Jason unwillkürlich zusammen. Der Zusammenstoß mit der affenähnlichen Bestie fiel ihm wieder ein. "Einem Vertreter eurer Tierwelt bin ich schon begegnet: Groß, haarig, aufrecht gehend..."
Urban unterbrach ihn atemlos: "Einem Ork etwa?"
Jason zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, was für ein Biest das war."
"Sah es aus wie ein hässlicher Mensch mit einem deformierten Kopf?"
Jason nickte gespannt.
"Dann war es ein Ork! Danke den Göttern, dass du noch lebst! Wie bist du ihm entkommen?"
"Ich habe ihn getötet", sagte Jason ruhig und nippte an seiner Milch.
Urban sah ihn mit neu erwachtem Respekt an. "Wie?"
Jason lieferte ihm eine kurze Zusammenfassung seines Erlebnisses. Urban nickte anerkennend. "Man merkt, dass du in deiner Welt ein mächtiger Krieger warst. Aber du kannst dennoch von Glück sagen, dass der Ork allein war. Zwei oder drei von ihnen können auch dem größten Krieger einen Kampf liefern, den er lange nicht vergisst."
"Was sind diese Wesen eigentlich genau? Sind es Tiere oder Menschen?"
"Weder noch", sagte Urban schlicht. "Sie sind einfach eine andere Rasse. Sie leben in Clans in den Bergen und in der Steppe. Verwandt sind sie am ehesten noch mit den Ogern."
"Oger?" fragte Jason. Die Namen kamen ihm seltsam bekannt vor, aber er wusste nicht, woher.
"Die größere Ausgabe davon. Man hat schon Exemplare von dreieinhalb Metern gesichtet, aber die sind glücklicherweise selten. Sie sind nicht nur stärker, sondern auch wesentlich schlauer als Orks. Dafür sind sie Einzelgänger. Ich habe einmal mit einem gekämpft." Er knöpfte seine Joppe auf. Quer über seine Brust verliefen drei wulstige, verwachsene Narben. "Ich wünsche dir nicht, dass du einmal in dieselbe Situation gerätst."
Jason sah sich die Narben genauer an. Er konnte sich nur schwer vorstellen, wie jemand so eine schwere Verwundung überlebt haben sollte. Der Alte musste zäher als Leder sein.
"Habt ihr viele verschiedene Rassen in eurer Welt?"
Urban nickte. "Gut ein Dutzend: Trolle, Gnome, Kobolde, Elfen, Zwerge... Nicht alle leben hier in der Gegend, aber von Zeit zu Zeit sieht man mal den einen oder anderen."
Jetzt fiel Jason ein, woher er die Namen kannte. Es waren Worte aus längst vergessenen Märchen, die man ihm als Kind vorgelesen hatte.
Irgendwann war er in das Alter gekommen, in dem man nicht mehr an Märchen glaubte - oder glauben wollte - und alles mit Logik und Naturwissenschaft zu erklären versuchte.
Und jetzt befand er sich mitten in dieser Welt der Märchen und Mythen. In ihm keimte der unangenehme Gedanke auf, dass er in Wirklichkeit schwer verletzt im Koma lag und dass dies alles nur wilde Phantasien seines fehlgeleiteten Unterbewusstseins waren.
Aber schon während er diesen Gedanken weiterführte, wurde ihm bewusst, wie unsinnig er war. Diese Welt hier war echt, keine Halluzination. Er musste es als Fakt ansehen, dass diese Welt genauso wie seine eigene Welt existierte, dass die Märchen seiner Kindheit nicht reine Erfindungen waren, wie er immer geglaubt hatte.
Urban sah ihm seine Verwirrung offenbar an. "Woran denkst du?"
Jason sah ihn an; in seinem Gesicht spiegelten sich die widersprüchlichsten Emotionen. "Ich weiß nicht, was ich denken soll, das ist es ja gerade. Ich kenne eure Welt - aus den Geschichten, die man bei uns den Kindern zum Einschlafen erzählt. Ich dachte immer, dass diese Geschichten von Elfen und Trollen reine Erfindung seien - nun ja, eben Märchen." Er sah Urban mit einem schiefen Grinsen an. "Und jetzt erzählst du mir so einfach, dass es diese ganzen Fabelwesen wirklich gibt. Als Nächstes wirst du noch behaupten, dass es Drachen und Einhörner gibt!"
"Einhörner?" runzelte Urban die Stirn. "Ich glaube nicht, dass es sie wirklich gibt. Ich habe zumindest noch nie eines gesehen. Aber Drachen - natürlich."
"Hast du etwa schon mal einen gesehen?"
"Nur einen toten", räumte Urban ein. "In der östlichen Steinwüste. Aber ich sage dir, der Anblick des Kadavers war beeindruckend genug."
"Können sie wirklich Feuer speien?"
"Selbstverständlich", nickte Urban.
"Du musst schon ziemlich weit herumgekommen sein, soviel wie du schon erlebt hast", stellte Jason fest.
"Ziemlich", tat Urban die Bemerkung ab und begann, sich eine Pfeife zu stopfen. Er schien kein Interesse daran zu haben, über seine eigene Vergangenheit zu reden. Jason betrachtete die Pfeife genauer. Es war kein klobiges, selbstgeschnitztes Holzteil, wie man es bei einem Hirten erwarten würde. Der Kopf war aus einem rötlichen Holz, perfekt geformt und so glatt geschliffen, dass sich der Widerschein des Feuers darin spiegelte. Auch das sanft geschwungene Mundstück wirkte wertvoll; das rötliche, durchscheinende Material erinnerte Jason entfernt an Bernstein.
"Eine schöne Pfeife hast du da", versuchte er das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
"Eine kleine Liebhaberei von mir", lächelte Urban. "Ein Erinnerungsstück an die alten Zeiten." Er stopfte die Pfeife fertig, hielt einen Holzspan in das Kaminfeuer und entzündete sie damit. Mit einem zufriedenen Lächeln hüllte er sich in eine Rauchwolke.
"Erzähl mir doch zur Abwechslung mal etwas von dir", schlug Jason vor.
"Es gibt interessantere Themen als meine Wenigkeit", winkte Urban ab. "Vielleicht ein anderes Mal."
Jason merkte, dass es keinen Sinn hatte, jetzt weiter in den Alten dringen zu wollen. "Was für größere Städte gibt es eigentlich in Styngard?" wechselte er übergangslos das Thema.
"Da ist zunächst einmal Dornheim, die Stadt des Regenten. Dornheim ist zugleich die größte Stadt Styngards mit über vierhunderttausend Einwohnern. Wichtig ist auch noch Falckenhorst. Sie ist nach der Festung von Lord Narvik benannt, die auf einem Berg über der Stadt thront. Lord Narvik ist ein Cousin des Königs und hat die größte Streitmacht Styngards. Er gilt als der wahrscheinlichste Kandidat für die Nachfolge des Königs.
Und dann natürlich Eislay, die geteilte Stadt. Sie wuchert - anders kann man es wirklich nicht mehr nennen - über die Hänge zweier Berge, die nur durch eine breite Brücke miteinander verbunden sind. Eine gefährliche Stadt: voller Mörder und Straßenräuber. Der Fürst von Eislay, Lord Athos, lässt die Zügel sehr locker; außerdem ist er selbst eine recht zweifelhafte Erscheinung: man vermutet, dass der alte Haudegen hinter mehreren Räuber- und Schmugglerbanden steckt, die hier in der Gegend ihr Unwesen treiben. Das waren auch schon die wichtigsten Städte. Alle anderen sind ein gutes Stück kleiner und unwichtiger."
"Aus welcher Stadt kommen deine Freunde?" erkundigte sich Jason.
"Thaune, ein kleines Nest in der Nähe von Eislay. Nicht mehr als ein paar hundert Häuser und Hütten." Er starrte aus dem Fenster in die bodenlose Dunkelheit. "Es ist schon spät. Morgen müssen wir früh raus. Wir sollten jetzt besser schlafen."
Er griff ins Regal und warf Jason eine Wolldecke zu. "Machs dir neben den Kamin bequem. Da bleibt es auch während der Nacht schön warm."
"Danke", nickte Jason und rollte sich neben dem Kamin in die Wolldecke ein. Es dauerte keine drei Minuten, bis er in einen tiefen, traumlosen Schlaf versank.

Kapitel 4: Der Hinterhalt


Jason erwachte von einem leichten Rütteln an seiner Schulter. "Jason, aufwachen!" schnitt Urbans fröhliche Stimme durch seine schlaftrunkenen Gedanken. "Es ist schon helllichter Tag!"
Während er sich noch mühsam die Müdigkeit aus den Augen rieb, zog Urban ihm schon die Decke weg und riss das Fenster weit auf.
Die klare, kalte Morgenluft ließ Jason frösteln und vertrieb schnell die letzten Reste des Schlafs aus seinen Gliedern. Er stand auf und sah aus dem Fenster. Im hellen Licht der goldenen Sonne, die sich langsam zwischen den Bergen erhob, bot das schneebedeckte Gebirgspanorama einen beeindruckenden Anblick.
Jetzt erst fiel Jason die dünne Schneedecke auf, zwischen der nur hier und da ein paar grüne Grashalme hervorlugten. Urban sah Jasons verdutzten Gesichtsausdruck und lachte. "Ich sagte doch, dass wir Winteranfang haben. Wart ab, in ein paar Tagen liegt der Schnee hier einen halben Meter hoch."
"Was gibt's denn heute zu tun?"
"Mehr als genug", lachte Urban. "Die Ziegen müssen gemolken und gefüttert werden, das Gatter ausgebessert und neues Brennholz brauchen wir auch. Aber erstmal wollen wir frühstücken."
Er kramte ein halbes Dutzend Eier aus dem Regal, schlug sie in die Pfanne und schnitt ein paar dicke Streifen von einer Speckseite dazu. Dann fegte er mit einem struppigen Reisigbesen die Asche aus dem Kamin und kippte sie aus dem Fenster, bevor er neue Scheite auftürmte und das Feuer entfachte.

Der kleine Trupp Reiter arbeitete sich langsam auf den gewundenen, halb verschneiten Serpentinen bergauf. Es waren sechs Mann, alle in dicke, schwarze Pelzmäntel gehüllt, mit silbern glänzenden Helmen und langen Schwertern, die von ihren Hüften herabbaumelten. Auch die Pferde waren mit schwarzem Zaumzeug gesattelt. Sie trugen dicke Packtaschen, die dem Gang der Pferde nach ziemlich schwer sein mussten.
Die Reiter schienen sich sicher zu fühlen: sie unterhielten sich laut, lachten schallend über irgendwelche Witze und nahmen nicht mehr als ihre unmittelbare Umgebung wahr.
Einer der Männer zog eine korbumhüllte bauchige Flasche aus der Satteltasche, nahm einen großen Schluck und reichte sie mit einem lauten Rülpser an seinen Nebenmann weiter.Er bemerkte nicht, dass etwas Kleines, Silbernes aus der Tasche fiel und glitzernd im Schnee liegen blieb.
Dafür entging es Gorn nicht, der ein Stück aufwärts hinter einer Schneewehe lag und aufgeregt sein Fernrohr ans Auge presste. So sehr er sich auch bemühte, er konnte das glitzernde Etwas nicht genau genug erkennen, um es identifizieren zu können.
Es hätte alles sein können: eine Münze, ein kleiner Spiegel oder einfach ein Stück Glas. Aber Gorn wusste instinktiv, dass es nicht so war. Er kannte dieses Glitzern nur zu genau.
Er schwenkte das Fernrohr, bis er die Männer wieder im Blickfeld hatte: Er sah sie einen nach dem anderen an, prägte sich die Gesichter genau ein. Der Anführer war ein breitschultriger, vierschrötiger Kerl mit einem Gesicht wie ein Wolf. Mit wachsamen, kalten Augen musterte er das vor ihnen liegende Wegstück. Bei seinem Anblick zuckte Gorn zusammen. Er kannte diesen Mann, zwar nicht von Angesicht zu Angesicht, aber aus vielen Erzählungen. Rhebok, der Trilonier. Gorn sah an ihm herab, bis er den Knauf des Kurzschwerts sah. Tatsächlich. Die Drachenklinge.
Die anderen Männer waren Gorn unbekannt. Verschlagene Gesichter mit unruhigen Augen. Halsabschneider aus den Grenzgebieten. Aber sie hatten gute Waffen, denen man die regelmäßige Pflege ansah.
Gorn wartete, bis der kleine Trupp um die nächste Biegung verschwunden war, dann kletterte er den Hang hinab zu der Stelle, wo das glitzernde Etwas im Schnee gleißte.
Er bückte sich, hob es auf und befreite es mit flinken Fingern von Schnee und Lehm. Ein Diamantring, mindestens zehn Karat, in einer fein geschmiedeten Silberfassung.
Gorn hauchte einen Kuss auf den kalten Stein und starrte in die Richtung, in die die Reiter verschwunden waren. Er brauchte ihnen nicht zu folgen. Es gab nur einen Weg, dem sie folgen konnten, und er kannte die Berge gut genug, um zu Fuß lange vor ihnen dort zu sein. Lange genug, um vorher noch eine alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen.

Jason und Urban waren gerade dabei, die von Wind und Wetter stark mitgenommenen Bohlen des Gatters auszubessern, als Urban sich plötzlich aufrichtete und mit gerunzelter Stirn den Berg hinabspähte. Jason sah in dieselbe Richtung und entdeckte eine kleine Gestalt, die sich zielstrebig auf die Hütte zu bewegte.
"Da soll mich doch der Teufel holen, wenn das nicht...", grollte Urban. Er schien wesentlich bessere Augen als Jason zu haben. Er unterbrach den Satz, drehte sich um und ging zur Hütte zurück.
"Wo willst du denn hin?" rief Jason ihm nach, aber Urban antwortete nicht. Jason hörte ein dumpfes Poltern aus der Hütte, als ob der Alte Möbel rückte. Er überlegte, ob er Urban folgen sollte, entschied sich dann aber doch dafür, die seltsame Gestalt weiter zu beobachten.
Sie wirkte klein und gedrungen, nicht dick, aber untersetzt und je näher sie kam, desto mehr Details konnte Jason erkennen: den dichten Vollbart, den Helm mit den beiden Stummelhörnern und den grauen Umhang, der um den Mann wie die Flügel einer Fledermaus herumflatterte. An seiner Hüfte baumelten ein wuchtiger Streitkolben und ein Dolch.
Der Mann war jetzt nur noch wenige hundert Meter von der Hütte entfernt. In höchstens zwei Minuten würde er sie erreicht haben. Jason legte Hammer und Nägel zur Seite und setzte sich auf das Gatter, von wo aus er mit verschränkten Armen den nahenden Fremden beobachtete.
Erst als der Mann bis auf weniger als hundert Meter herangekommen war, fiel Jason sein exotisches Äußeres auf. Sein Gesicht mit der ledrig braunen Haut hatte einen fremdartigen Schnitt mit hohen Backenknochen und tief in den Höhlen liegenden Augen. Wässrig hellen Augen, die gar nicht zu seinem sonnengegerbten Äußeren zu passen schienen. Selbst seine Ohren wirkten unnatürlich lang und spitz.
"Sei gegrüßt", sagte der Fremde und deutete eine Verbeugung an. "Sag mir, wo ist mein alter Freund Urban?"
"Freund?" grollte eine empörte Stimme von der Hütte her. "Ich hätte nicht gedacht, dass du räudiger Hund dich noch einmal hierher wagen würdest! Ich werde dir dein stinkendes Fell über die Ohren ziehen und es mir an die Wand nageln!"
"Mein guter Urban", lächelte der Fremde sanft. "Das alles war doch nichts anderes als ein großes Missverständnis. Um was ging es denn schon?"
"Um fast dreihundert Dyr", fauchte Urban erbost und fasste mit beiden Händen das Langschwert, das er aus der Hütte geholt hatte. Und er sah so aus, als könne er auch gut damit umgehen.
"Wirklich eine lächerlich geringe Summe. Und als Beweis, dass das alles wirklich nur ein dummes Missverständnis war, habe ich dir dein Geld mitgebracht."
Urban erstarrte in der Bewegung und schob den Unterkiefer vor. "Was hast du?"
"Natürlich habe ich es nicht bar", beeilte der Gnom sich zu sagen. "Aber dieser Ring hier ist unter Brüdern gut das Doppelte wert."
Urban nahm den Ring und hielt ihn gegen das Licht. "Gnade dir Gott, wenn du lügst." Prüfend drehte er den glitzernden Edelstein zwischen den Fingern. "Er ist tatsächlich echt", stellte er schließlich fast bedauernd fest und steckte sein Schwert in den Gürtel zurück. "Also raus mit der Sprache: Was willst du von mir?"
"Ich? Oh nein", beteuerte der Gnom. "Ich wollte nur meinem alten Freund Urban einen Gefallen tun."
"Vergiss das mit dem alten Freund und rede nicht um den heißen Brei herum", knurrte Urban unwillig. "Du bist doch so selbstlos wie eine Klapperschlange, Gorn. Wenn du auch nur ein Kupferstück mehr rausrückst, als du musst, kann man schon davon ausgehen, dass du dir einen satten Profit ausrechnest."
Wenn Gorn sich durch die Bemerkung getroffen fühlte, zeigte er das nicht. "Willst du noch mehr davon?" Er deutete mit seinem knochigen Finger auf den Ring in Urbans Hand. "Ich weiß, wo noch sehr viel mehr davon ist. Eine schnelle, glatte Sache."
"Ich bin raus aus dem Geschäft", sagte Urban rau. "Schon seit Jahren, und das weißt du genau."
"Und die Sache mit dem Steuereintreiber letztes Jahr?" hakte Gorn nach. Er lächelte listig. "Bei der Sache hier könntest du noch einen wesentlich besseren Schnitt machen."
"Warum ziehst du die Sache nicht allein durch? Wo ist der Haken?"
"Alleine schaffe ich es nicht. Zu zweit stehen die Chancen schon besser. Wenn dein junger Freund hier vielleicht auch mitmachen will?" Er sah Jason fragend an.
Jason wusste nicht, was er denken sollte. Allem Anschein nach plante dieser Gorn eine Schurkerei größeren Umfangs. Einen Überfall oder etwas Schlimmeres. Aber trotzdem stand er dem Vorschlag nicht so ablehnend gegenüber, wie es hätte sein sollen. Sei es, dass der Wechsel in diese wilde, raue Welt ihm zusammen mit seiner Orientierung auch einen Teil seines moralischen Wertesystems genommen hatte oder dass er Urban inzwischen als seinen Freund betrachtete, Jason stand jedenfalls auf und ging auf Gorn zu. "Um was für eine Sache geht es?"
"Sechs Reiter. Sie haben die Satteltaschen prall mit Gold und Geschmeide gefüllt. Ich weiß, welchen Weg sie nehmen werden und wo der perfekte Platz für einen Hinterhalt ist."
"Kaufleute?" fragte Urban ablehnend.
Gorn schüttelte den Kopf. "Nein. Sie tragen die Uniformen von Veanon."
"So weit hier oben im Norden?" zweifelte Urban. "Warum sollten sie das Risiko eingehen, sich so weit ins Feindesland zu wagen?"
"Ich glaube, ich weiß es. Sie wollen sich hier einen Verbündeten kaufen: Sodom!"
"Sodom? Ich dachte, die königlichen Husaren hätten ihn gefangen und im Kastell eingekerkert?"
"Das stimmt, aber er ist geflohen, bevor man ihn hinrichten konnte. Und gestern habe ich einen seiner Wachtposten in der Nähe des Gipfels entdeckt. Es war der Einäugige."
"Hat er dich auch gesehen?"
Gorn sah beleidigt drein. "Ich sagte, ich habe ihn entdeckt, nicht entleibt. Nein, er hat mich natürlich nicht gesehen."
"Vermutlich hast du recht", nickte Urban entschlossen. "Dagonraths Speichellecker dürfen Sodoms Camp niemals erreichen." Er wandte sich an Jason. "Bist du mit von der Partie?"
Jason nickte. "Ich lege nur noch meine Rüstung an."
"Vergiss sie. Sie glänzt und glitzert viel zu sehr. Wenn du sie anziehst, entdecken die uns schon aus mehreren Meilen Entfernung. Nimm die Axt mit und noch den Dolch, der neben dem Bett hängt" schüttelte Urban den Kopf.
Während Jason zur Hütte hastete, um die Waffen zu holen, dachte er daran, wie falsch er Urban auf den ersten Blick beurteilt hatte. Der Alte war kein harmloser Hirte, vermutlich nie einer gewesen, sondern ein Wegelagerer im Ruhestand. Was ihn aber noch mehr wunderte, war, dass Urban ihm dadurch keineswegs unsympathischer wurde.
Als er mit den beiden Waffen zurückkehrte, erwarteten Urban und Gorn ihn schon ungeduldig. Gemeinsam machten sie sich an den Aufstieg zum Gipfel.

Kapitel 5: Die Drachenklinge


Sie waren schon eine halbe Stunde unterwegs und hatten bereits einen guten Teil der Strecke zurückgelegt, als das Schicksal ihnen einen Strich durch die Rechnung machte.
Sie hatten gerade einen Steilhang von fast dreißig Metern erklettert und Jason war schon im Begriff, sich über den Rand der Klippe hinaufzuziehen, als Urban ihn mit einem heftigen Ruck wieder in Deckung zog und ihm gleichzeitig die Hand auf den Mund legte.
"Was ist denn?" fragte er leise, nachdem Urban seinen Griff etwas gelockert hatte.
Der Alte rümpfte die Nase. "Riechst du es nicht? Ein Feuer!"
Gorn schnüffelte aufgeregt und sog die Luft tief in die Lungen. "Du hast Recht." Er nahm sein Fernrohr, zog es zur vollen Länge aus und krabbelte im Schutz einer Schneewehe so weit nach oben, dass er gut sehen konnte.
"Orks!" fluchte er erbittert. "Eine ganze Horde. Sie scheinen da oben ihr Camp aufgeschlagen zu haben."
Jason fand neben Gorn einen schmalen Felsvorsprung, auf dem er gut stehen konnte und ließ sich von dem Gnom das Fernrohr reichen.
Aufmerksam beobachtete er die Orks, die zusammengekauert um das Feuer im knöcheltiefen Schnee hockten. Neben dem Feuer lagen ein paar zusammengeschnürte Bündel mit ihren Habseligkeiten.
Im Gegensatz zu dem einen Exemplar, dem Jason beim Abstieg begegnet war, waren diese sechs bewaffnet. Bei einem entdeckte Jason ein Schwert, bei einem zweiten einen rostigen Morgenstern. Die anderen waren mit Knüppeln und primitiven Steinäxten bewaffnet.
Gorns Blick fiel auf den schlecht sitzenden Helm, den einer der Orks - offensichtlich der Anführer - sich schief auf die wulstige Stirn gedrückt hatte. "Der Helm eines königlichen Husaren", fluchte er bitter. "Dies ist kein normales Rudel. Es sind auch keine Weibchen dabei. Das sind Jäger!"
"Wir müssen zurück", entschied Urban bestimmt.
"Bist du verrückt?" zischte Gorn. In seinen Augen stand ein gieriges Funkeln. "Wenn wir jetzt umkehren, verlieren wir viel zu viel Zeit."
"Wir haben keine Chance, an ihnen vorbei zu gelangen", argumentierte Urban. "Selbst wenn wir den Überraschungseffekt einkalkulieren, sind sie doppelt so viele wie wir."
Gorn sah noch einmal zu der Jägerhorde hinüber. Dann nickte er widerstrebend. "Vermutlich hast du Recht. Wir umrunden sie großräumig und versuchen es über den Südhang. Vielleicht schaffen wir es trotzdem noch, sie am Maul abzufangen."

Als sie eine halbe Stunde später den von Wind und Wetter in das Gestein gekerbten schmalen Durchgang erreichten, den Gorn als 'das Maul' bezeichnet hatte, wussten sie, dass sie zu spät gekommen waren.
Die Hufabdrücke im pulverigen Neuschnee sprachen eine deutliche Sprache. Hier waren Reiter vorbei gekommen, sechs Mann, wie Gorn es gesagt hatte. Es konnte nicht mehr als einige Minuten her sein, weil der frostige Wind die Spuren noch nicht verweht hatte.
Gorn sog prüfend die kalte Luft ein, als hoffe er, noch den Geruch der Pferde wahrzunehmen. "Wir werden ihnen den Weg abschneiden!" verkündete er entschlossen. "Mit ihren Pferden sind sie gezwungen, den gesamten Weg auf den verwundenen Serpentinen zurückzulegen. Aber ich kenne eine Abkürzung, die uns bis wenige hundert Meter vor Sodoms Höhle bringt. Wir müssen verdammt vorsichtig sein, damit uns seine Wachen dort nicht entdecken, aber das Risiko müssen wir eingehen. Von da oben aus können wir über die Serpentinen zurück und sie überrumpeln, bevor sie ihr Ziel erreichen. Es gibt da dort noch ein paar akzeptable Hinterhalte. Folgt mir, wir müssen uns beeilen!"
Urban nickte und dann folgten sie Gorn, der sich mit schnellen, sicheren Schritten seinen Weg zwischen Felsen und kargem Gestrüpp hindurch bahnte. Schon bald erkannte Jason, welchen Ort Gorn meinte. In einigen hundert Metern Entfernung ragte eine zerklüftete Steilwand empor, die wenige Meter unterhalb des Gipfels mit einer schneebedeckten Plattform endete. Soweit er das aus dieser Entfernung einschätzen konnte, bot der von Rissen durchzogenen Fels einem halbwegs geübten Bergsteiger genügend sichere Griffe.
Er dachte erleichtert an seine alljährlichen Herbstausflüge in die Rocky Mountains. Er liebte die Abgeschiedenheit der Berge, die ihm stets Gelegenheit geboten hatte, mit sich ins Reine zu kommen und seine innere Ruhe wieder zu finden. Die Übung, die er sich auf seinen zahlreichen Klettertouren erworben hatte, würde ihm jetzt nützlich sein.
Bereits die ersten Meter zeigten ihm, dass seine Einschätzung richtig gewesen war. Der Fels war fest und bot ausreichend sichere Griffe. Er hatte sich immer für einen guten Bergsteiger gehalten, aber Gorn hängte ihn schon auf den ersten Metern ab. Er schien die für seine geringe Körpergröße viel zu weit auseinander liegenden Vorsprünge und Einkerbungen gar nicht zu brauchen, sondern glitt wie eine flinke, geschmeidige Eidechse den Fels empor.
Er war als erster oben und half erst Jason und dann Urban mit einem Ruck seiner überraschend kräftigen Arme auf die Plattform.
Schnaufend sahen sie sich um. Gorn hatte wirklich nicht zu viel versprochen. Von hier aus sah man auf sich windende Serpentinen hinab, die bis zum Gipfel hinaufführten - bis zu dem von Fackeln nur unzureichend erhellten Eingang der Räuberhöhle.
Der Anblick, der sich ihnen bot, zerstörte alle Hoffnungen, die sie noch gehegt haben mochten. Sie sahen die sechs schwarz gekleideten Reiter, die von einer johlenden Eskorte abenteuerlich aussehender Gestalten zur Höhle geführt wurden.
Gorn stieß einen wütenden Fluch in einer fremden Sprache aus, die weder Jason noch Urban verstanden. "Sie sind uns entwischt!"
"Gib mir das Fernrohr!" forderte Jason und streckte Gorn die Hand entgegen, ohne den Blick von dem in flackerndes Licht getauchten Höhleneingang zu wenden. Als er das kalte Metall in seiner Hand fühlte, huschte er zu einem Felsen hinüber, der auf halber Strecke zwischen der Klippe und der Höhle lag. Hinter diesem Felsen kauerte er sich nieder und zog das Fernrohr auseinander.
Von hier aus konnte er die ersten dreißig Meter der Höhle einsehen - und das reichte auch. Durch das Fernrohr konnte er mehr im Halbdunkel der Höhle erkennen, als er aus der Entfernung für möglich gehalten hätte. Auch der Wind stand günstig und trug immer wieder Fetzen der Gespräche zu ihnen hinüber.
Um ein großes Feuer in der Mitte der Höhle lungerten neun verwegene Gestalten. Nur drei von ihnen waren Menschen, die anderen, vermutete Jason, mochten Trolle, Goblins oder ähnliche Wesen sein. Den Mann, der Sodom sein musste, erkannte er sofort. Breit und massig saß er in seinem aus dem rohen Fels gehauenen Steinthron und starrte den sechs Neuankömmlingen herablassend entgegen.
Er war ein Riese, knappe zweieinhalb Meter hoch, der sicher seine vier Zentner wog. Und er sah nicht so aus, als ob viel davon aus Fett bestünde.
Jason erkannte ein grobes, vom Branntwein gerötetes Gesicht mit kleinen, tückisch glitzernden Schweinsaugen und einem verfilzten schwarzen Vollbart, der bis über seine Brust herabhing. Seine Kleidung bestand aus einem nietenbesetzten schwarzen Lederpanzer, kniehohen Schnürstiefeln, roter Samthose und -jacke und einen silberbesetzten schwarzledernen Lendenschurz.
Die Aura des Bösen und der Gewalt, die von diesem Mann ausging, spürte Jason bis ins Mark. Er spürte, wie ihm ein eisiger Schauer den Rücken herunter lief. Die sechs Reiter spürten es offenbar auch, denn je näher sie dem Banditen kamen, desto mehr verschwand ihre rüpelhafte Selbstsicherheit und machte demütiger Höflichkeit Platz.
Der einzige der Soldaten, dem man keine Reaktion anmerkte, war ihr Anführer, ein vierschrötiger Kerl, der auf seine Art ebenso gefährlich wie der riesige Sodom wirkte.
"Sei gegrüßt, Sodom, Beherrscher der Berge", begrüßte er sein Gegenüber mit einer angedeuteten Verbeugung. "Wir entbieten dir Grüße von unserem Herrscher, dem ehrwürdigen Dagonrath."
Sodom sah seine Männer der Reihe nach an, bis jeder von ihnen schwieg und ihn erwartungsvoll ansah. Jetzt erst erhob sich Sodom aus seinem steinernen Thron und Jason musste feststellen, dass er mit zweieinhalb Metern eher zu niedrig gegriffen hatte.
"Und ich grüße dich, Rhebok, großer Krieger", grinste der Bandit breit. "Ich hoffe, du hast mehr vorzuweisen als bloß Grüße von Dagonrath."
Nur ein wütendes Funkeln in Rheboks Augen verriet, dass er sich über Sodoms respektloses Verhalten ärgerte. Er hatte eine diplomatische Mission zu erfüllen und wusste, dass er sich nicht von seiner persönlichen Abneigung gegen diesen Mann leiten lassen durfte.
"Ich bringe dir auch Geschenke", sagte er daher mit erzwungener Ruhe. "Geschenke, die unser Bündnis gegen König Armin besiegeln sollen."
Er breitete eine kunstvoll bestickte Decke auf dem rauen Höhlenboden aus. Dann kamen nacheinander seine Männer und schütteten den Inhalt der Packtaschen auf der Decke aus.
Sodoms Grinsen wurde immer breiter, während der Berg aus Gold und Juwelen wuchs und wuchs. "Sehr gut, Freund Rhebok. Ich und meine tapferen Krieger werden Dagonrath in seinem Kampf gegen Armin zur Seite stehen."
"Wie viele Männer hast du momentan?"
Sodom grinste sphinxenhaft. "Wie viele Sterne stehen nachts am Himmel?"
"Sprich nicht in Rätseln", ermahnte Rhebok ihn ungeduldig. "Ich sehe hier ein Dutzend fußlahmer Vagabunden, mehr nicht. Wo ist der Rest?"
Sodoms Gesicht gefror. "Eine Hundertschaft meiner Leute plündert gerade die Stadt Thaune, weitere fünfzig sind mit reicher Beute auf dem Rückweg. Sie werden innerhalb der nächsten Stunde hier eintreffen. Weitere fünfzig durchstreifen in kleinen Trupps die Steppen rund um die große Handelsstraße. Aber das sind noch lange nicht alle. Der größte Teil meiner Männer lebt unauffällig in Städten und Dörfern, bis ich sie zu den Waffen rufe. Sie sind meine Augen und Ohren. Nun, wie viele Sterne stehen am Himmel?"
Rhebok nickte nur schweigend. Ja, es sah so aus, als ob Dagonrath bei der Wahl seines Verbündeten eine kluge Entscheidung getroffen hätte. Selbst diese gewaltige Menge Gold schien nicht zuviel, um sich einen kampfstarken Verbündeten wie Sodom zu kaufen, der Land und Leute genauestens kannte.
Sodom warf noch einen zufriedenen Blick auf den riesigen Goldhaufen, in dem sich die zuckenden Flammen des Lagerfeuers widerspiegelten, dann klatschte er in die prankenartigen Hände.
"Lasst uns feiern", röhrte er mit schnapsrauer Stimme. "Lasst uns saufen und tanzen!"
Er winkte herrisch zu einem Vorhang aus Elchfell hinüber und vier Frauen huschten kichernd aus dem abgesperrten hinteren Teil der Höhle. Rhebok betrachtete sie mit Widerwillen. Sie waren noch recht jung, wirkten aber dennoch bereits verbraucht und verlebt. Ihre Gesichter verschwanden halb unter Schichten billiger, greller Schminke und ihre Kleider, die vor Jahren einmal kostbar gewesen sein mochten, waren heute nicht mehr als abgetragene Lumpen.
Er verbarg seinen Ekel hinter einer steinernen Fassade und trat in den Schatten zurück. Er hatte für Exzesse jeglicher Art nichts übrig und beim Gedanken an diese aufgetakelten Dirnen überkam ihn Brechreiz.
Sodoms Männer teilten Rheboks Zurückhaltung in keinster Weise. Während sie Flaschen mit selbstgebranntem Fusel herumreichten und in ihren Habseligkeiten nach Karten und Würfeln kramten, grapschten andere der betrunkenen Halunken nach den drallen Huren, die ihnen aufreizend kichernd scherzhaft zu entkommen versuchten.
Rhebok winkte seine Männer zu sich. "Ihr werdet nichts trinken", befahl er ihnen leise. "Nicht, dass ich Sodom misstraue, aber wir müssen stets auf jede Eventualität vorbereitet sein. Wenn man euch zum Trinken nötigt, trinkt kleine Schlucke und macht große Pausen dazwischen. Meinetwegen tut so, als ob ihr besoffen wärt, aber wenn ich einen von euch erwische, der nicht mehr nüchtern ist, frisst er seine Eier zum Frühstück. Habt ihr mich verstanden?"
Die Männer nickten betreten und mischten sich wieder unter Sodoms Leute. Der Befehl gefiel ihnen zwar ganz und gar nicht, aber es war nicht ratsam, gegen einen von Rheboks Befehlen zu verstoßen und so tranken sie nur, wenn sie mussten - und auch das in Maßen.

Jason fuhr herum, als er leise Schritte hinter sich im Schnee knirschen hörte. Gorn kauerte hinter ihm.
"Wie ist die Lage?" erkundigte er sich, während er angestrengt über Jasons Schulter spähte.
"Mehr Gold, als ich jemals gesehen habe. Und mit den sechs Schwarzen fast zwanzig Mann. Aber sieh selbst!" Er reichte dem Gnom das Fernrohr.
Gorn starrte fast eine Minute lang in die Höhle und als er das Rohr wieder senkte, sprühten seine Augen vor Hass. "Sodom, der Schlächter! Er ist selbst im Lager!"
Hinter ihnen näherte sich Urban. "Worauf wartet ihr zwei denn noch?" fluchte er im Flüsterton. "Sehen wir, dass wir hier weg kommen!"
"Weg?" fragte Gorn ungläubig, als spräche er mit einem kleinen Kind. "Bist du verrückt? Da unten liegt mehr Gold, als wir in unserem ganzen Leben ausgeben können!"
"Unser ganzes Leben?" spottete Urban. "Das kann verdammt kurz sein. Du bist dir vielleicht nicht bewusst, dass da unten zwanzig schwerbewaffnete Halsabschneider hocken!" Er deutete mit dem ausgestreckten Arm auf die Höhle, von wo ein weinseliges Grölen herauf klang.
"Der Überraschungseffekt ist auf unserer Seite", argumentierte Gorn kalt. "Und wenn wir noch etwas warten, haben die sich so weit um den Verstand gesoffen, dass wir sie wie gemästete Kapaune abservieren können."
Urban öffnete den Mund zu einer heftigen Entgegnung, aber er kam nicht mehr dazu. "Halt!" schnitt ihm eine hallende Stimme das Wort ab. "Keine falsche Bewegung, Fremde! Was habt ihr hier zu suchen?"
Jason drehte sich langsam um und sah den Sprecher an, der wenige Meter neben ihnen um die Ecke gekommen war. Hager, sehnig, mit grauen Wolfsaugen und einer strähnigen, weizenblonden Mähne, die ein totenbleiches Gesicht umrahmte. Zwischen seinen langen, knochigen Händen drehte er eine schlanke Lanze, an deren beiden Enden je vier gebogene Sichelklingen prangten.
"Ich habe euch was gefragt", knurrte der Wächter ungeduldig. "Raus mit der Sprache!"
Gorn ging mit demütig gesenktem Kopf einen Schritt auf den Elf zu. "Verzeiht mir, Herr, aber wir sind Hirten. Eine Ziege ist uns entlaufen und wir sind ihren Spuren bis hierher gefolgt."
"Eine Ziege!" schnaubte der Elf verächtlich. "Für wie blöd haltet ihr mich eigentlich?"
"Aber Herr", jammerte Gorn kopfschüttelnd, "da steht sie doch!"
Der Wächter blickte einen Augenblick in die Richtung, in die der Gnom deutete. Nur aus dem Augenwinkel sah er, wie Gorns Hand zum Gürtel herabfuhr und warf sich herum.
Dadurch traf ihn die Klinge des Dolchs nicht wie geplant in den Hals, sondern trat zwischen der dritten und der vierten Rippe in seine rechte Brustseite ein. Der Elf brüllte vor Schmerz und Wut wie ein angestochener Stier. Er schlug mit der Sichellanze zu und verfehlte Gorn nur knapp.
Als der Gnom sich mit einem raschen Sprung in Sicherheit brachte, sprang Jason kurzentschlossen vor und riss die Axt hoch. Der Schrei verstummte so abrupt, als ob man dem Mann die Kehle durchgeschnitten hätte. Und das kam der Wahrheit auch ziemlich nahe.

Jason starrte noch auf die glänzende Klinge, von der das Blut in dünnen Fäden tropfte, als ihn ein heftiger Schlag gegen die Schulter aus seiner Erstarrung riss.
"Wir greifen an", bestimmte Urban. Sein Gesicht spiegelte eine Mischung aus wilder Entschlossenheit und blanker Angst. "Flucht ist sinnlos. Die holen uns so oder so ein."
Ohne Jasons Reaktion abzuwarten machte er auf der Ferse kehrt und rannte schwertschwingend auf die Höhle zu, die knappe zweihundert Meter hangabwärts lag. Als die Banditen aufblickten und ihn sahen, stieß er einen röhrenden Kampfschrei aus, der sich wie das Fauchen einer wilden Raubkatze anhörte.
Gorn packte die Sichellanze des Toten und hetzte hinter Urban her. In seiner lautlosen Geschmeidigkeit wirkte er womöglich noch gefährlicher als der schwertschwingende Urban.
Auch Jason preschte los. Der Gedanke an die zwanzig Bewaffneten dort unten wurde immer mehr vom wie ein loderndes Feuer aufkeimenden Kampffieber verdrängt. Er war jetzt ganz Augen, ganz Ohren, ganz Sehnen und Reflexe.
Vor ihm hatte Urban bereits den Höhleneingang erreicht, wich geschickt einem heranstürmenden Troll aus und enthauptete ihn mit einem schnellen Schwertstreich, der zwei nachdrängende Gnome entsetzt zurückweichen ließ.
Doch da war Gorn auch schon unter ihnen. Seine Sichellanze zuckte wie ein stählerner Blitz hin und her und riss eine Bresche aus Tod und Vernichtung in die Reihen der anstürmenden Feinde. Kein Gegner schien seinen schnellen, sicheren Stößen und Hieben gewachsen zu sein.
Als Jason in das brodelnde Kampfgetümmel eintauchte lagen schon fünf von Sodoms Männern und einer der Schwarzmäntel erschlagen in ihrem Blut. Wie er schnell feststellte, waren die Veanon-Soldaten eindeutig die besten Kämpfer in dieser Schlacht. Wie ein Wolfsrudel deckten sie sich gegenseitig und stimmten ihre Ausfälle so gut ab, dass Jason ihnen mehrmals nur mit knapper Not entkam.
Er merkte, dass er immer mehr zur Seite abgedrängt wurde und plötzlich spürte er die harte Felswand im Rücken. Halbmondförmig aufgefächert kamen die Soldaten auf ihn zu, ohne auch nur einen Augenblick ihre Deckung zu vernachlässigen. Jason wechselte die Axt von einer Faust in die andere und wieder zurück, bevor er sie schließlich mit beiden Händen packte und auf den letzten Angriff wartete.
Da durchschnitt ein greller Pfiff die frostige Luft wie ein Peitschenhieb. Genau wie die fünf Veanon-Soldaten starrte auch Jason den Mann an, von dem der Pfiff gekommen war. Es war der vierschrötige Anführer der Männer, der nun langsam sein Kurzschwert zog und es andächtig an die Lippen führte. Jason sah, dass die Klinge von einem feinen blauen Lichtschleier umgeben war, wie manche Moose, die im Dunkeln leuchteten.
Rhebok küsste die Klinge sanft und streckte sie herausfordernd vor. Der Lichtschein verfärbte sich rötlich. "Dieser Mann gehört mir!" befahl er seinen Männern, bevor er sich an Jason wandte. "Ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber dich kenne deine Axt. Der Todbringer gegen die Drachenklinge - von diesem Kampf wird man noch lange erzählen!"
Während sich der Halbkreis der Männer langsam öffnete kam Rhebok auf Jason zu...

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